Wissen : Nur Oma kennt noch alle Strophen

Der Berliner Musikprofessor Joel Betton will das gemeinsame Singen wieder populär machen

 Dorothee Nolte
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Drei Akkorde reichen schon. Hier eine Szene aus dem Musical „Annie“ (1982). Foto: defddefd Deutscher Fernsehdienst

Ähem! In diesen Tagen geht wieder das große Räuspern los: Weihnachten steht vor der Tür und mit dem Fest auch das jährliche Weihnachtssingen. In vielen Familien wird, wenn überhaupt, nur zu Weihnachten gemeinsam gesungen – immerhin, das eine oder andere Weihnachtslied weiß man doch auswendig! „Aber meistens“, hat Musikprofessor Joel Betton beobachtet, „kennt nur die Oma alle Strophen. Bei den Eltern hört es nach der ersten Strophe auf.“ Und bei den Kindern? Die kennen oft eher moderne Lieder aus Kita und Schule, die „Weihnachtsbäckerei“ etwa – oder sie singen die traditionellen Lieder mit anderen Texten: „O Tannenbaum, die Oma hängt am Gartenzaun“ und dergleichen.

Letztlich kommt es nicht darauf an, welches Lied mit welchem Text man singt – Hauptsache, die jeweils anderen kennen dasselbe Lied, denselben Text, damit man gemeinsam singen kann. Genau das ist aber in Deutschland seltener der Fall als in anderen Ländern: „Als ich 1976 nach Deutschland kam, war ich schockiert, wie wenige deutsche Lieder die Leute kannten und wie wenig sie sangen“, erinnert sich Joel Betton. „Die Kultusministerkonferenz hatte damals sogar offiziell empfohlen, Lieder zu analysieren statt sie zu singen! Und auch heute kennen die meisten Studenten nur englische Lieder.“

Unter anderem deswegen hat es sich der gebürtige Franzose zur Aufgabe gemacht, das gemeinsame Singen wieder populärer zu machen – vor allem in der Schule. Und das nicht nur im Musikunterricht: „Eigentlich sollte jeder Grundschullehrer den Tag mit einem Lied beginnen“, findet er. „Dann ist der Tumult vorbei, die Kinder sind viel konzentrierter.“ Oder mal ein Lied zur Entspannung zwischendurch? Für Regenpausen? Lehrer können mit ihren Schülern Tierlieder als Ergänzung zum Zoobesuch singen oder zu bekannten Melodien Texte über die Klassenreise erfinden – die Möglichkeiten sind ungezählt.

„Gitarre für Nichtgitarristen“ heißt Bettons Kurs an der Universität der Künste (UdK), den alle UdK-Schulmusikstudenten belegen müssen und viele Lehramtsstudenten aus anderen Universitäten freiwillig besuchen. Die Gitarre ist für Betton das ideale Instrument fürs Singen in der Schule: „Da reicht eine Klampfe für 70 Euro. Es muss gar kein edles Instrument sein, die kriegt ja auch mal Kreide oder einen Elfmeter ab.“ Außerdem kann man Gitarren überall mit hinnehmen und ist nicht davon abhängig, ob gerade ein gestimmtes Klavier im Raum steht.

Und das Beste ist: Lieder zu begleiten ist mit der Gitarre ein Kinderspiel. „Ich bringe den Studenten erst nur zwei bis drei Akkorde bei – das reicht schon für 50 Lieder.“ D-Dur, G-Dur, plus A7, der Dominantseptakkord – damit kommt man sehr weit. Am Anfang spielt jeder Student im Hörsaal an der Lietzenburger Straße nur den Akkord, den er kann, wenn der im Lied gerade dran ist. „Ich mache das Licht aus, dann gehen die Hemmungen weg“, schmunzelt der Professor. Und er zweckentfremdet auch gerne mal den Papierkorb im Hörsaal: „Der ist eine super Trommel.“

Warum in Deutschland in den Familien so wenig gesungen wird, erklärt Joel Betton so: Nach dem Zweiten Weltkrieg war das traditionelle Liedgut diskreditiert, weil die Nationalsozialisten es missbraucht hatten. Die 68er zogen es vor, eigene Kinderlieder zu schreiben – dabei sind freche und witzige Lieder entstanden, die aber die Eltern nicht kannten, so dass das Verbindende zwischen den Generationen unterbrochen war. Die Lieder, die im Zuge der Ökobewegung entstanden sind, findet Betton zu „moralisch“; überhaupt sollten Kinderlieder seiner Meinung nach nicht in der Absicht geschrieben sein, die Kinder zu beeinflussen. Ganz wichtig durch alle Zeitläufte hindurch: Die Texte müssen sich reimen!

Musik, davon ist Betton überzeugt, geht über Erfahrung und Interaktion – daher sollte besonders in der Grundschule das gemeinsame Musizieren im Mittelpunkt stehen, nicht das Erlernen der Noten. „Wenn man seine Muttersprache lernt, lernt man ja auch erst sprechen und dann lesen.“ Mit seinen Studenten und seinem Kollegen Enno Granas geht er auch in Schulen wie die Földerich-Grundschule in Spandau und entwickelt mit den Kindern zusammen Musiktheaterstücke. „Da sind viele Kinder aus sozial schlechter gestellten Familien dabei, die zum Teil sehr unruhig sind“, sagt er. „Aber wenn wir gemeinsam singen, sind sie wie kleine Lämmer.“

Im Jahresprogramm 2010 der Landesmusikakademie Berlin werden zahlreiche Kurse zum Singen mit Kindern angeboten – für Erzieher, Lehrer und andere Interessierte (www.landesmusikakademie-berlin.de). Dort hat auch das „Kinderlied Archiv Berlin“ seinen Sitz.

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