Ökologie : Sollten Fleischfresser die Richtlinie für den Naturschutz festlegen?

Forscher sind sich uneinig, ob Raubtiere Artenvielfalt widerspiegeln

Matt Kaplan

Unter den Ökologen scheiden sich die Geister, ob die Räuber in einem Ökosystem eine gute Richtlinie darstellen, um die gesamte Artenvielfalt zu messen. Die Debatte könnte Naturschützer dazu bringen, ihre Prioritäten bei der Anlegung und Erhaltung von Naturschutzgebieten zu überdenken.

Naturschützer haben lange nach Gruppen von Spezies gesucht, deren Vielfalt die Gesamtartenvielfalt in einem Gebiet reflektiert. Solche Indikatoren können helfen, die Gebiete zu identifizieren, die am dringendsten Schutz benötigen.

Basierend auf ihrer Untersuchung von Raubvögeln behaupten Fabrizio Sergio und seine Kollegen von der Biologischen Forschungsstation Doñana in Spanien, dass die in der Nahrungskette weit oben stehenden Raubtiere ein guter Indikator dafür sein können (1),(2). Während ihrer Untersuchungen in den italienischen Alpen haben sie herausgefunden, dass die Anzahl der Raubvögel in einem Gebiet einen guten Überblick über die restlichen dort lebenden Spezies ermöglicht.

Dies scheint zu stimmen. Große Raubtiere wie Raubvögel und -katzen benötigen weitläufige Lebensräume und ein großes gesundes Beutevorkommen. Und da Raubtiere schon lange die Vorzeigekinder der Naturschützer sind, wäre es praktisch, wenn ihr Schutz dem gesamten Habitat zugute käme.

Doch ein Team von Ökologen - angeführt von Mar Cabeza von der Universität von Helsinki - argumentiert im Journal of Applied Ecology (3), dass es ein Fehler sei, Studien über Raubvögel zu generalisieren, und dass für gewöhnlich große Raubtiere ein uneinheitliches Bild der Artenvielfalt liefern.

"Anzunehmen, dass große Raubtiere gute Artenvielfaltsindikatoren abgeben, wenn die Studie sich nur der Erforschung von Raubvögeln in einem kleinen Gebiet angenommen hat, ist gefährlich", sagt Cabeza. "Wir müssen weitere Forschungen anstellen, bevor wir irgendwelche Empfehlungen aussprechen."

Nicht wählerische Esser

Einige Räuber, so Cabezas Team, ernähren sich von verschiedenen Teilen der Nahrungskette, fressen z. B. Insekten, wenn Nagetiere nicht zur Verfügung stehen. Dadurch sind sie in der Lage, auch in geschädigten Ökosystemen zu überleben. Madagaskar auf der anderen Seite beheimatet nur wenige Raubtiere, dafür aber viele seltene Spezies, die es nirgendwo sonst gibt.

Dave Augeri, Naturschutzbiologe an der Denver Zoological Foundation, stimmt Cabeza zu. "Wir können nicht behaupten, dass das Vorhandensein von Raubvögeln Artenvielfalt bedeutet, denn selbst in dieser kleinen Gruppe haben wir alles, vom spezialisierten Schneckenweih bis hin zum Rotschwanzfalken, der so ziemlich alles frisst", sagt er. "Wir müssen jeden Fall gesondert betrachten."

Einige Naturschutzpläne orientieren sich an Raubtieren, die "Vom Yellowstone zum Yukon"-Naturschutzinitiative z. B., die ein Naturschutzgebiet in den Rocky Mountains errichten möchte, um die Lebensräume von Grizzlybären, Wölfen und Luchsen zu erhalten.

Doch nicht jeder wählt diesen Ansatz. "In Südafrika, wo ich den größten Teil meiner Arbeit verrichtet habe, würde niemand auf die Idee kommen, Schutzgebiete für Fleischfresser zu errichten", sagt Bob Smith, Naturschutzbiologe an der Universität von Kent. "Sie würden ein Gebiet nach seiner Pflanzen- und Insektenvielfalt auswählen und die Fleischfresser erst später hinzufügen. Andersherum kann man nicht arbeiten."

Sergio ist ebenfalls der Meinung, dass Vorsicht geboten ist bei der Hochrechnung von Ergebnissen, doch er gibt zu bedenken, dass sich bisher keine Gruppe als besserer Indikator herausgestellt hat als die Raubtiere. "Wir dürfen die Nützlichkeit der Raubtiere noch nicht verwerfen", sagt er.

In diesem Stadium möchte er den Zusammenhang zwischen Raubtieren und Artenvielfalt an sich mehr verstehen als seinen Nutzen für den Naturschutz. "Sie schauen auf den Nutzen und wir auf die Biologie", sagt er. "Man kann nicht den Wagen vor das Pferd spannen."

(1) Sergio, F., Newton, I. & Marchesi, L. Nature 436, 192 (2005).
(2) Sergio, F., Newton, I., Marchesi, L. & Pedrini, P. J. Appl. Ecol. 43, 1049-1055 (2006).
(3) Cabeza, M., Arponen, A. & van Teefelen, A. J. Appl. Ecol. Doi: 10.1111/j.1365-2664.2007.01364.x (2007)

Dieser Artikel wurde erstmals am 3.8.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news070730-10. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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