Ökosprit : Biodiesel heizt Klimawandel an

08.02.2008 00:00 UhrVon Simone Humml (dpa)

Die Produktion von Biosprit kann den Klimawandel in vielen Fällen drastisch beschleunigen. Denn allein durch das Anpflanzen von Mais, Raps oder Palmöl entstehen oft mehr Treibhausgase als durch die daraus gewonnenen Biokraftstoffe eingespart werden.

Zu diesem Ergebnis kommen drei Studien hervor, die in den Journalen „Science“ (online vorab veröffentlicht) und „Atmospheric Chemistry and Physics“ veröffentlich werden. Für Biosprit wird Tropenwald zerstört und in Agrarland umgewandelt.

Zudem setzt Dünger nach Auskunft des Chemie-Nobelpreisträgers Paul Crutzen vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz wesentlich mehr des Treibhausgases Lachgas frei als bislang gedacht. Lediglich Kraftstoffe aus Abfällen in Land- und Forstwirtschaft oder aus Gräsern mit weniger Düngereinsatz haben demnach eine gute Klimabilanz.

Durch die Brandrodung in Indonesien entstehe mehr als 400 Mal so viel Kohlendioxid wie mit Hilfe von Palmöl auf derselben Fläche pro Jahr gespart werden könne, berichtet Hauptautor Joe Fargione von der Umweltorganisation The Nature Conservancy in „Science“.

Brasilianischer Regenwald, der in Sojaplantagen umgewandelt wird, setze 300 Mal mehr Kohlendioxid frei als der Biosprit pro Jahr spare.

Ein Team um Timothy Searchinger von der Universität Princeton berechnete in einer „Science“-Studie, dass die Produktion von Ethanol aus Mais den Ausstoß der Treibhausgase für 167 Jahre erhöht, wenn dafür eigens Land umgewandelt wurde.

„Wenn man die globale Erwärmung bremsen möchte, hat es schlicht keinen Sinn, Land für Biosprit umzuwandeln“, sagt Fargione in eine Mitteilung seiner Universität. Und er verweist noch auf die mögliche Knappheit von Nahrungsmitteln. „Die weltweite Landwirtschaft produziert derzeit Nahrung für sechs Milliarden Menschen.“

Für die Produktion von Biosprit wäre es nötig, noch mehr Land in Agrarflächen umzuwandeln. Südafrika verschob kürzlich die geplante Biosprit-Produktion aus Mais, weil die Pflanze Grundnahrungsmittel besonders für arme Familien in dem Land ist.

Nach Angaben des Max-Planck-Forschers Crutzen setzt der benötigte Pflanzendünger drei bis fünf Mal mehr Lachgas frei, als der Weltklimarat IPCC bislang angenommen hat („Atmospheric Chemistry and Physics“, Band 8, Seite 389).

Das stickstoffhaltige Lachgas erwärmt die Atmosphäre 300 Mal so stark wie Kohlendioxid. Biodiesel aus Raps sei schon aus diesem Grund 1 bis 1,7 Mal klimaschädlicher als normaler Treibstoff, Bioethanol aus Mais bis zu 1,5 Mal. 80 Prozent des weltweiten Biodiesels werde aus Raps produziert.

Nur Zuckerrohr kommt günstiger weg, da es nicht oder wenig gedüngt werde. Nach Ansicht von Searchinger darf dafür jedoch kein zusätzlicher Regenwald gerodet werden.

„Ich bin nicht generell gegen Biosprit, sondern nur dagegen, wie er momentan angewendet wird“, sagt Crutzen. Er forderte eine umfassende, kritische Treibhausgas-Bilanz für jeden Biokraftstoff.

Der Nobelpreisträger hatte seine Studie bereits im September im Internet zur Diskussion gestellt. Ende Januar wurde sie nun ohne bedeutende Veränderung gedruckt.

Die Bundesregierung arbeite „mit Hochdruck“ an einer Verordnung, die Klimabilanz und Naturverbrauch der Biokraftstoffe berücksichtigen soll, teilen Umwelt- und Landwirtschaftministerium in der „Roadmap Biokraftstoffe“ mit.

Große Hoffnungen setzen Politiker und Forscher auf Biokraftstoffe der zweiten Generation, die eine besonders gute Klimabilanz haben.

Für diesen Sprit können alle Pflanzenteile und damit auch Holzabfall genutzt werden. Holz wird in dem BtL-Verfahren (Biomass to Liquid/Biomasse zu Flüssigkeit) etwa erst in Gas umgewandelt und dann zu Ethanol verarbeitet.

Die weltweit erste kommerzielle Anlage für die Produktion von BtL- Kraftstoffen werde bis Sommer im sächsischen Freiberg fertiggestellt sein, sagt die Sprecherin der Choren Industries GmbH, Ines Bilas. Sie soll pro Jahr 15 000 Tonnen Biokraftstoff der 2. Generation herstellen. Eine weitere Anlage mit einem Biomasseverwertung von einer Million Tonnen pro Jahr hat das Unternehmen schon geplant.

Heinz Sielmann Stiftung

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