Ökosysteme : Alles von vorn

Ein bisschen ähnelt es einer Savanne in Ostafrika: In der Niederlausitz kann man studieren, wie die Natur in eine leblose Landschaft zurückkehrt

Roland Knauer
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Im Spiegel der Zeit. Im einstigen Tagebau Schlabendorf entwickelt sich die Natur wie nach dem Ende der Eiszeit. Foto:...

Das war knapp! Kurz bevor der Vogel auf dem Boden der ehemaligen Braunkohlegrube Schlabendorf-Süd in der Niederlausitz aufschlägt, gewinnt er mit ein paar Schlägen seiner schwarz-weiß gestreiften Flügel wieder an Höhe. Dieses gefährlich aussehende Auf und Ab wiederholt er immer wieder. Kein anderer Vogel fliegt so, auch Laien erkennen den Wiedehopf (Upupa epops) sofort. In den meisten Gegenden Deutschlands ist er bereits verschwunden. Ausgerechnet in der Gegend, in der die Maschinen des Braunkohlebergbaus zwischen 1961 und 1991 das Unterste nach oben kehrten, findet der Vogel ideale Bedingungen.

Ein bisschen ähnelt die Landschaft einer Savanne in Ostafrika. Auf den von der Sommersonne stark aufgeheizten Böden sind viele große Insekten unterwegs, die der Wiedehopf mit langen Schritten leicht erwischt, weil weder dichtes Gras noch Gestrüpp seine Jagd behindern. Aus der vom Bergbau verwüsteten Gegend ist eine in Deutschland sehr seltene Naturlandschaft entstanden.

Die Entwicklung zu dieser Savanne in der Niederlausitz kann Gerhard Wiegleb von der Brandenburgisch Technischen Universität (BTU) Cottbus gut beschreiben. Seit 1993 untersucht er die Ökosysteme der Region. Denn an den kargen Landschaften, die der Bergbau hinterließ, können Wissenschaftler im Zeitraffer beobachten, wie das Leben nach dem Ende der letzten Eiszeit in das heutige Südostbrandenburg zurückkehrte.

„Nachdem sich vor etwa 128 000 Jahren die Gletscher aus der Niederlausitz zurückzogen, tauchten unter dem schmelzenden Eis weitgehend sterile Böden auf, die kaum Stickstoff- und Phosphor-Verbindungen enthielten“, sagt der Ökologe. Ohne diese Verbindungen können Pflanzen aber nicht wachsen.

Ebenso lebensfeindlich waren die Böden, die der Bergbau zutage brachte. Denn um an die Kohle in 20 bis 40 Meter Tiefe zu kommen, wurden die darüberliegenden Schichten abgetragen und in umgekehrter Reihenfolge in der Nachbarschaft aufgeschüttet. So gelangten vor allem tiefe Bodenschichten an die Oberfläche, die kaum Nährstoffe enthielten.

„Lange bleiben diese Böden aber nicht steril“, sagt Wiegleb. „Schnell wehte der Wind aus der weiteren Nachbarschaft Keime für künftiges Leben heran.“ Bereits nach einigen Stunden oder Tagen landeten Pilze und Bakterien auf den leblosen Flächen; bald folgten die ersten Schalenamöben, Fadenwürmer und Bodenalgen. Diese Winzlinge sind die Grundlage, auf der die späteren Siedler wachsen, die von Ökologen als „Pionierpflanzen“ bezeichnet werden. Bis diese sesshaft werden, können durchaus einige Jahre vergehen. Gerade dann, wenn sie auf sehr alten, nährstoffarmen Bodenschichten siedeln müssen.

Landen die untersten Abraumschichten ganz oben, haben die Pionierpflanzen noch mit weiteren Problemen zu kämpfen. Diese einige Millionen Jahre alten Böden sind sehr locker und enthalten noch Reste der Braunkohle, weil die Bagger die Schichten nicht mit chirurgischer Präzision voneinander trennen können. Diese Böden können nur wenig Wasser halten, gleichzeitig heizt die Sonne die dunklen Kohlepartikel stark auf. Gerade im Sommer können die Pflanzen regelrecht verhungern, verdursten oder verbrennen.

Obendrein weht der Wind den lockeren Boden leicht weg. Dagegen sind viele Pionierpflanzen machtlos: Entweder sie können sich im lockeren Grund nicht festhalten oder sie werden von den Staubstürmen einfach zugeweht. Das Silbergras (Corynephorus canescens) kommt allerdings dagegen an. Seine 15 Zentimeter langen Wurzeln halten das Gewächs gut fest und finden in dieser Tiefe auch dann noch Wasser, wenn die obersten Zentimeter des Bodens nach einigen heißen Tagen bereits ausgetrocknet sind. Und da das Silbergras in bis zu 35 Zentimeter hohen Horsten wächst, bläst ein Staubsturm es auch nicht so schnell zu.

„Solche Silbergrasfluren halten sich auf den kargen Böden oft viele Jahre, weil zwischen den Grashorsten die Bedingungen für andere Keimlinge immer noch zu schlecht sind“, sagt Wiegleb. Nur ähnlich zähe Arten wie die in Deutschland ebenfalls selten gewordene Sand-Strohblume leisten dem Silbergras dort Gesellschaft. „Es dauert vielleicht Jahrhunderte, bis auf solchen kargen Böden wieder ein Wald wächst“, schätzt der Forscher.

In der savannenähnlichen Landschaft leben bereits viele Insekten. Vor allem solche, die sonst in Deutschland kaum noch vorkommen, weil sie eher in wärmeren Regionen zu Hause sind: etwa der Sandohrwurm, der Wiener Sandlaufkäfer und die Feuerlibelle.

„Das Artenspektrum der Spinnen und Insekten im ehemaligen Tagebau Schlabendorf-Süd ist bald ebenso hoch wie im nur 15 Kilometer entfernten Spreewald“, erklärt Wiegleb.

Dieses seltene Ökosystem war ein Grund für die Heinz-Sielmann-Stiftung, seit dem Jahr 2000 in diesem Gebiet 3200 Hektar Landschaft zu kaufen und für den Naturschutz zu sichern.

Aber nicht nur an Land entwickeln sich Lebensräume. Als der Braunkohlebergbau nach der Wende endete, blieben Gruben übrig, die nicht mehr mit Abraum verfüllt wurden. Da gleichzeitig die Pumpen abgestellt wurden, die den Grundwasserspiegel bis unter die Kohleflöze senkten, steigt das Wasser in diesen riesigen Löchern seither an.

So ist unter anderem der Schlabendorfer See entstanden, dessen Wasserspiegel jedes Jahr um 60 bis 80 Zentimeter steigt. Darin gibt es auch etliche Untiefen. Sie sind ideal für die 5000 bis 6000 Kraniche, die auf ihrem Herbstzug nach Süden das Schlabendorfer Revier längst als Rastplatz entdeckt haben. Im flachen Wasser verbringen sie, sicher vor Füchsen und anderen Raubtieren, die Nächte. Im Herbst kommen auch 60 000 Gänse aus Skandinavien in die Naturlandschaft Wanninchen, wie die Sielmann-Stiftung das Gebiet nach einem Dorf nennt, das 1985 dem Braunkohleabbau weichen musste. Einige Graugänse brüten bereits an dem See.

Der steigende Wasserspiegel lässt immer wieder Teile vom Ufer abbrechen, andere Abbruchkanten wurden auch von den Baggern stehen gelassen. „Dort hinein graben die in Mitteleuropa ebenfalls sehr seltenen Uferschwalben ihre Bruthöhlen“, sagt der Projektleiter der Sielmann-Stiftung, Ralf Donat. „Vor allem im Herbst locken die rastenden Vögel bereits Naturtouristen in diese Region mit ihrer eher schlechten Einkommenssituation.“ Die seltenen Vögel auf den kargen Böden der Bergbaufolgelandschaft holen also sogar ein wenig Wirtschaftskraft in die Niederlausitz.

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