Ölpest : Furcht vor dem Super-Gau

Leckt die gesamte Lagerstätte im Golf von Mexiko? Welche Gefahren die Situation verschärfen können.

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Ölpest Foto: AFP
Ölpest: Tausende Seevögel sterben an der russischen Küste vom Schwarzen Meer im Hafen von Kawkas -Foto: AFP

Aus dem Golf von Mexiko kommen wieder einmal schlechte Nachrichten. Die Saison der Hurrikane hat begonnen und könnte die Arbeiten an der havarierten Bohrung verzögern, mit denen das am Meeresgrund unkontrolliert ausströmende Erdöl weiter reduziert und am Ende gestoppt werden soll. Solche Verzögerungen erhöhen das Umweltrisiko.

Der Geologe Carl-Diedrich Sattler von der Technischen Universität Clausthal erklärt die Zusammenhänge: Durch das gut 4000 Meter tief in den Meeresboden reichende Rohr schießen zur Zeit große Mengen Erdöl, die von einigen Hundert Bar Überdruck aus der Lagerstätte gepresst werden. Da ein Bar ungefähr dem Luftdruck auf Meereshöhe entspricht, sind dort gewaltige Kräfte am Werk, die bisher auch verhindert haben, dass die havarierte Bohrung von oben verschlossen werden konnte.

Das Erdöl reißt aber auch viele winzige Sandkörner aus dem Gestein der Lagerstätte mit, die das Rohr langsam von innen abhobeln. Das Ganze wirkt ein wenig wie Schleifpapier, das langsam aber stetig die Stahlwand dünner macht. Irgendwann könnte so das Rohr im Untergrund porös werden. Durch diese Lecks würde dann das Öl in das Gestein um die Bohrung herum gedrückt werden. Wann solche Leck-Stellen auftreten können oder ob die Bohrung im Untergrund vielleicht bereits undicht ist, weiß derzeit aber niemand so genau. Vermutlich kennen nicht einmal die Betreiber die Vorgänge genau, die in dieser Minute in der Bohrung stattfinden.

Um das Rohr herum liegt eine Zementschicht, die unmittelbar vor der Havarie fertig gestellt worden war. Einige Hinweise deuten darauf hin, dass dieser Dichtungsring nicht perfekt gelungen ist. Aus dem Rohr austretendes Öl könnte daher auch durch diese Zementschicht dringen und so in das umliegende Gestein drücken. Bilden sich solche Lecks nicht allzu tief unter dem Meeresgrund, könnte das Öl von dort langsam zum Boden des Golfs von Mexiko aufsteigen und dort ins Wasser strömen.

Tatsächlich sollen die Kameras von Unterwasser-Robotern bereits in der Umgebung des Bohrlochs Öl- und Gasblasen am Meeresgrund aufgezeichnet haben. Ob diese aber wirklich aus der Bohrung stammen, wissen die Experten ebenfalls nicht. Schließlich leben im Meeresboden eine Reihe von Organismen, die auf den Grund gesunkene Überreste von Lebewesen abbauen und dabei ebenfalls geringe Mengen Erdgas produzieren.

Die Ölpest im Golf von Mexiko
20. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon" explodiert, elf Arbeiter sterben. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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19.04.2011 13:0120. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon"...

Ein genauer Blick auf den Aufbau einer Erdöllagerstätte enthüllt ein weiteres Risiko, das die Situation im Golf verschärfen könnte. Erdöl und Erdgas entsteht aus den Überresten von Organismen, die nach ihrem Tod zum Meeresgrund sinken und mit der Zeit von neuen Ablagerungen überdeckt werden. Ohne Sauerstoff verfault diese Biomasse. Das dabei entstehende Erdöl und Erdgas verteilt sich langsam in den Poren des Sandsteins, in dem es entstanden ist. Auf dieser sich bildenden Lagerstätte lastet aber der gewaltige Druck des darüber liegenden Gesteins. Bei der verunglückten Bohrung im Golf von Mexiko sind das vier Kilometer Schutt, der rund dreimal schwerer als eine gleich hohe Wassersäule ist. Dadurch entsteht in der Lagerstätte selbst ein starker Überdruck, der Öl und Gas nach oben treibt.

Liegt über der Lagerstätte eine Schicht aus Ton, können Öl und Gas diese nicht durchdringen und reichern sich darunter an. Ist diese Schicht wie eine Glocke nach oben gewölbt, sammeln sich die aufsteigenden Flüssigkeiten und Gase darunter. Seit dem Unglück am 20. April sind aus dieser Lagerstätte rund 300 000 Tonnen Öl viel schneller als bei einer kontrollierten Förderung ausgeflossen.

Demnach könnten bereits fünf Prozent des gesamten Öls in der Lagerstätte fehlen, auf der aber nach wie vor der gleiche Druck des Gesteins lastet. Das sackt daher langsam in die Tiefe. Ein ähnliches Absacken können die Besucher des Berliner Olympiastadions erleben, weil dort im Sommer in 800 Metern Tiefe Erdgas eingepresst wird. Dieses drückt dann alle darüber liegenden Schichten samt Olympiastadion rund sechs Zentimeter in die Höhe. Im Winter fließt dieses Gas dann wieder in die Heizungen Berlins, Stadion und Gestein sinken wieder nach unten.

Über dem Erdöllager im Golf von Mexiko könnte die Deckschicht beim Absacken Risse bekommen und undicht werden. Das würde aber vermutlich nicht den GAU bedeuten. Über der Tonschicht befinden sich noch dicke Salzschichten, die Öl und Gas sehr gut abdichten. Bis zum Meeresgrund dürfte die zähe Flüssigkeit also kaum aufsteigen. Sicherer aber wäre es auf alle Fälle, wenn die laufenden beiden Entlastungsbohrungen die havarierte Bohrung in der Tiefe treffen würde. Dann könnten die Ingenieure den Ölfluss und damit auch die damit verbundenen Restrisiken stoppen.

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