Österreich : Das Studentenparadies macht dicht

Immer mehr Deutsche wollen in Österreich studieren, aber die Nachbarn sind dort nicht gern gesehen.

Ingo Hasewend[Graz]
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Plätze frei. Beim Eignungstest für Medizinstudenten im Austria Center Vienna in Wien. -Foto: dpa

Österreich grantelt – über die Deutschen. Die werden einfach zu viel und belasten den nationalen Wohlstand, so jedenfalls sehen es viele Österreicher. Denn immer mehr deutsche Studierende zieht es nach Salzburg, Wien, Graz und Innsbruck. Von 240 000 eingeschriebenen Studenten waren im vergangenen Wintersemester nach Angaben des Wissenschaftsministeriums in Wien 18 000 Deutsche. Das sind mehr als sieben Prozent aller Plätze. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Anteil der ausländischen Studenten insgesamt bei nur neun Prozent.

Die liberale Hochschulsituation verbunden mit der nicht vorhandenen Sprachbarriere macht das Land für deutsche Studienanfänger so attraktiv. Während in Deutschland die Zahl der Fächer mit Numerus clausus weiter steigt und die Studiengebühren ebenso, hat Österreich 2008 seine Studiengebühren abgeschafft und zudem keine Zugangsbeschränkungen. Viele Zuwanderer kommen aus Bayern, da die Entfernung nicht weit und die Studiengebühr mit 500 Euro pro Semester im eigenen Bundesland hoch ist.

Zudem ist die Hochschullandschaft überschaubar. Für acht Millionen Österreicher stehen 22 Universitäten zur Verfügung. Doch die fühlen sich dem Ansturm der Deutschen nicht mehr gewachsen. Mit Besorgnis schaut man auf die bevorstehenden Doppelabiturjahrgänge 2011 und 2012 in Bayern, Baden-Württemberg und Berlin durch die verkürzte Gymnasialzeit. Schon jetzt empfinden viele Österreicher es als Skandal, dass sie mit ihren Steuern einen so großen Anteil an Deutschen mitfinanzieren müssen, wenn doch umgekehrt laut statistischem Bundesamt nur 7000 Österreicher an deutschen Hochschulen eingeschrieben sind.

Als Erstes hat der Innsbrucker Rektor Karlheinz Töchterle das Land aufgescheucht. Allein in Innsbruck sind es 3000 Deutsche, die auf 30 000 Studienplätze kommen – bei insgesamt 120 000 Einwohnern in der Tiroler Landeshauptstadt. „Kann man dem österreichischen Steuerzahler zumuten, dass er universitäre Infrastruktur zur Verfügung stellt für weite Teile Mitteleuropas, die jetzt unser Land überfluten, weil wir gratis Studienplätze zur Verfügung stellen?“, fragte Töchterle.

Für Töchterle waren die beiden vorherigen Semester nur ein Vorgeschmack auf das, was noch aus Deutschland kommen wird. Der Salzburger Rektor Heinrich Schmidinger spitzt die Debatte noch zu, wenn er betont, seine Universität werde immer mehr zu einer bayerischen. Im Fach Psychologie in Innsbruck sind die Deutschen schon deutlich in der Überzahl mit zwei von drei Plätzen. Auch in der Publizistik in Salzburg ist schon jeder zweite Studierende aus dem Nachbarland.

Besonders stark ist auch der Zulauf in Medizin. Dort versuchen es vor allem Studenten, die in Deutschland am NC gescheitert sind. Sie werden deshalb landesweit auch als Numerus-clausus-Flüchtlinge bezeichnet. Nun ist die Zuneigung in Österreich für Zuwanderer allgemein nicht allzu hoch, doch bisher galten die Vorbehalte nicht den Westeuropäern und schon gar nicht den Deutschen. Die zahlreichen Gastarbeiter – vor allem die ostdeutschen Saisonkräfte – sind hinreichend integriert und akzeptiert. Doch der Zustrom an den Unis hat eine kollektive Abwehrreaktion ausgelöst – inzwischen sogar unter den Studenten.

Die Rektoren, die Hochschülerschaft sowie die Grünen sprechen sich für Ausgleichszahlungen Deutschlands aus. Wissenschaftsminister Johannes Hahn von der christdemokratischen ÖVP ist allerdings dagegen. Er befürwortet, wie auch sein Parteikollege und Finanzminister Josef Pröll, die Wiedereinführung von Studiengebühren. Hahn hatte diese allerdings mit großen Worten vor den Wahlen im vergangenen Jahr erst eigenhändig abgeschafft, auf Drängen der SPÖ.

Eine Wiedereinführung lehnt der sozialdemokratische Bundeskanzler Werner Faymann denn auch aus sozialen Gründen ab. Nun sucht Hahn einen neuen Weg: Er will einen allgemeinen Studienkredit von 800 Euro pro Monat für alle österreichischen Erstsemestler, der nach dem Abschluss zurückgezahlt werden muss. Dafür sollen die Gebühren zurückkehren. Es wäre nach Hahns Ansicht eine Möglichkeit, die geöffnete Schleuse zu schließen. Ein akutes finanzielles Problem mit den Deutschen sieht Hahn für das aktuelle Wintersemester aber nicht. Österreich habe noch eine ausgeglichene Bilanz, es würden auch viele heimische Studierende ins Ausland gehen, sagte der Minister.

Seine Prognosen zu den steigenden Neuzulassungen hatten die Diskussion indes erst ausgelöst. Hahns Ministerium rechnet mit 20 Prozent mehr Studierenden und 15 Prozent mehr Studienanfängern als im Vorjahr. Daraufhin hatten die drei Unis Wien, Salzburg und Klagenfurt angekündigt, den „Notfallparagrafen“ im Universitätsgesetz nutzen zu wollen, der Eingangshürden für jene Studien gestattet, die in Deutschland unter den Numerus clausus fallen.

Früher hat Österreich Bewerber nur zum Studium zugelassen, wenn sie einen entsprechenden Platz auch in Deutschland nachweisen konnten. Damit übernahmen die Hochschulen de facto die deutschen Numerus-clausus-Regeln, was den Zustrom in Grenzen hielt. Diese Regeln wurden vom Europäischen Gerichtshof gekippt, weil es dem Gleichheitsgrundsatz widersprach, wenn für Österreicher weniger strenge Regeln galten als für Deutsche.

Daraufhin hat das Land 2006 Eignungstests in einigen Fächern eingeführt und zudem Quoten festgelegt: 75 Prozent der Plätze sind für Absolventen österreichischer Reifeprüfungen reserviert. 20 Prozent gehen an andere EU-Bürger, fünf Prozent an Studenten von außerhalb der EU. Das wird von Brüssel zwar mit Argwohn gesehen, aber zumindest bis 2012 akzeptiert.

Während sich die Medien genüsslich auf die deutschen Reaktionen stürzen, gibt es unter den Studenten auch nachdenkliche Stimmen. „Vielleicht ist der Ansturm auch dem niedrigen Niveau unserer Unis geschuldet“, sagt ein Studentenvertreter. Deutsche Studenten hofften womöglich, leicht einen Abschluss zu schaffen. Eine deutsche Studentin betont, sie sei nicht wegen des fehlenden Numerus clausus gekommen, sondern weil sie einmal etwas anderes kennenlernen wollte. Und „weil man hier so schön studieren kann“.

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