Online-Vorlesung : Freie Universität Berlin lehrt jetzt im Netz

An der Freien Universität ist die erste Online-Vorlesung gestartet. Die einen halten das für eine Revolution des Lernens, andere befürchten „wiederverwendbare Standardkurse“.

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Testlauf. Die Freie Universität setzt den Online-Kurs des Erziehungswissenschaftlers Gerhard de Haan seit dem Beginn des laufenden Wintersemesters ein. Das Video ersetzt probeweise die Präsenz-Veranstaltung für Erstsemester in Lehramtsstudiengängen.
Testlauf. Die Freie Universität setzt den Online-Kurs des Erziehungswissenschaftlers Gerhard de Haan seit dem Beginn des laufenden...Foto: FU/Thomas Rostek

Wer an Online-Vorlesungen glaubt, hält eine Internetseite für den perfekten Hörsaal. Niemand braucht mehr um acht Uhr morgens ins Institut zu eilen oder wegen eines kranken Kindes die Sitzung zu verpassen. Im Café oder auf dem Sofa: Jederzeit und überall kann man den Vortrag der Dozentin abrufen. In kleinen Tests kann jeder in seinem Tempo prüfen, was hängen geblieben ist. War man zwischendurch unkonzentriert, spult man das Video einfach zurück.

Auch an der Freien Universität Berlin (FU) preisen Erziehungswissenschaftler die Online-Vorlesung als Revolution des Lernens. „Durch Globalisierung und das Internet verändert sich Wissen rasant. Wer mithalten will, muss selbstreguliert lernen können“, sagt Gerhard de Haan, der in diesem Semester seine Vorlesung „Einführung in die Erziehungswissenschaft“ online hält. Seine Veranstaltung ist zwar nicht für die ganze Welt offen wie die berühmten MOOCs, die Massive Open Online Courses. Ob sich die FU an diesem Format beteiligt, soll erst in den kommenden Monaten entschieden werden. Der Leiter des Centrums für Digitale Systeme (Cedis) an der FU, Nicolas Apostolopoulos, der die Vorlesung technisch umgesetzt hat, bezeichnet de Haans Vorlesung als MOC – „ohne O für open“. Teilnehmen darf, wer an der FU auf Lehramt studiert oder einen Bachelor in Erziehungswissenschaft macht. Gasthörer sind die Ausnahme.

Mehr und tiefergehendere Fragen als in einer Live-Vorlesung

Klein ist die Gruppe der Zuhörer trotzdem nicht. De Haan las bisher regelmäßig vor 600 Studierenden. Viele klagten, dass sie keinen Kontakt zum Professor hätten und dem Vortrag wie einer Radiosendung folgten. Nur wenige trauten sich, vor dem riesigen Publikum eine Frage zu stellen. Zwar konnte man sich de Haans Power-Point-Folien zu Hause noch einmal ansehen, erzählt die Studentin Julia Rittner, die im vergangenen Herbst seine Vorlesung belegte und später mithalf, die Veranstaltung für die Online-Version aufzubereiten. Außer Notizen habe sie selbst aber nichts gehabt, um sich auf die Klausur vorzubereiten.

Online können Studierende die Vorlesung nun wochenlang abrufen. Dazu bekommen sie Übungen zur Klausurvorbereitung, können in Foren mit anderen diskutieren oder per E-Mail Fragen an den Professor richten. Binnen 48 Stunden erhalten sie Antwort. Es kämen mehr und tiefergehendere Fragen als in seiner Live-Vorlesung, sagt de Haan. 85 Prozent der Studierenden sähen Vorteile bei Klausurvorbereitung, zeitlicher Flexibilität und Familienfreundlichkeit. Apostolopoulos bezeichnet die Online-Vorlesung als „Rundum-sorglos-Paket“.

Umgesetzt wird das Projekt mit Geld aus dem „Qualitätspakt Lehre“ des Bundes und der Länder, der sich nach der Exzellenzinitiative mit ihrem Forschungs-Schwerpunkt nun der Lehre annimmt. Blended Learning, die Verbindung von Präsenzkursen mit elektronischen Selbstlernmethoden, wird gern gefördert. Kritiker stellen den Mehrwert solcher Projekte allerdings infrage. In einem Beitrag in der „FAZ“ bezeichnet der FU-Amerikanist Frank Kelleter die Förderung von Konzepten wie Blended Learning als „verwaltungsintensive Großinitiativen, die pädagogischen Common Sense in marktgängige Innovationskonzepte ummünzen“. Kelleter warnt vor „wiederverwendbaren Standardkursen“, die Studiengänge wie Dozenten „modularisieren“, sowie vor Personalabbau. Auch an der FU lässt man, anstatt Massenvorlesungen zu verkleinern und neue Dozenten einzustellen, Studierende mit Aufzeichnungen älterer Vorlesungen lernen. Die Videos, die online abrufbar sind, wurden im vergangenen Wintersemester gedreht, als de Haan die Vorlesung in Echtzeit hielt.

Daran zeigt sich ein grundlegendes Problem der Online-Vorlesung: Wie hält man den Stoff aktuell? Jörg Ramseger, ebenfalls Erziehungswissenschaftler an der FU, gibt zu bedenken, dass zwei Vorlesungen in zwei aufeinanderfolgenden Jahren, selbst wenn sie thematisch identisch seien, sehr unterschiedlich ausfallen könnten. Man treffe auf neue Zuhörer, müsse neue Forschungsergebnisse berücksichtigen. Tagesdebatten veränderten sich ständig. Obwohl Ramseger dem Experiment des Kollegen de Haan interessiert folgt, hält er seine eigene Vorlesung lieber offline ab. De Haan selbst vermutet, dass der Online-Stoff „an einigen Stellen“ alle zwei Jahre revidiert werden müsse, „wie wir das machen, weiß ich noch nicht“. Dass sich die Meinung der Studierenden in jedem Jahrgang unterscheidet, hält er für produktiv. Einige konservative Kommentare, die auf dem Video erscheinen, hätten bei den aktuellen Studierenden eine lebhafte Diskussion ausgelöst.

Multiple-Choice-Tests, Lernpass und Lückentexte

Abschrecken mag viele Dozenten auch der Aufwand einer Online-Veranstaltung. „Man nimmt die Vorlesung nicht auf und fährt danach in die Ferien“, sagt de Haan. Ein ganzes Semester verbrachte ein studentischer Kurs der Medienpädagogik unter Leitung von Nicolas Apostolopoulos damit, 21 Stunden Videomaterial in Lernabschnitte à 15 Minuten zu unterteilen. Sie entwickelten Multiple-Choice-Tests und Lückentexte, mit denen Studierende ihr Wissen überprüfen können. Julia Rittner, die im fünften Semester Erziehungswissenschaften studiert, erarbeitete in den Semesterferien zusätzlich einen Lernpass, mit dem Studierende ihren Fortschritt dokumentieren können.

Ist diese kleinteilige Betreuung wirklich nötig? „Man muss die Hilfsmittel nicht alle nutzen“, sagt Rittner. „Aber wir sprechen die Studierenden über mehrere Kanäle an, damit jeder seine Lernform findet.“ Tatsächlich achtete der Medienpädagogik- Kurs darauf, dass nur klausurrelevantes Material online steht. De Haan erklärt die Rundum-Betreuung damit, dass Studierende heute in den ersten Semestern mehr Angebote bräuchten, um selbstständig zu lernen. Er scheut den Aufwand nicht und will sogar noch einen Chat einrichten.

Die Selbstdisziplin seiner Studierenden hat de Haan am meisten erstaunt. Bei einer Feedbackrunde mitten im laufenden Semester seien die meisten mit dem Stoff weiter gewesen, als er zu hoffen gewagt habe. Wie die Studierenden vorgingen, wisse er nicht, „weil wir das nicht kontrollieren“. Die meisten lernten aber zu Hause, nur wenige nutzten den Lernpass. Natürlich sei es möglich, dass Teilnehmer das wöchentliche Pensum immer wieder aufschöben, sagt Nicolas Apostolopoulos. Doch auch die alte Lernweise habe Ablenkungspotenzial geboten: „Man hat ziellos in einem Buch geblättert oder die Augen gerollt, wenn der Professor langweilig war.“

Genau das ist aber der Grund, weshalb der Erziehungswissenschaftler Ramseger nicht auf die Präsenzveranstaltung verzichten will. „Ich persönlich brauche leibhaftiges Feedback“, sagt er. „Ich sehe zum Beispiel, dass die Studierenden gelangweilt sind, wenn sie ihre Laptops rausholen, um E-Mails zu beantworten. Dann kann ich mich korrigieren.“ Bei einer Online-Vorlesung würde ihm diese unmittelbare Rückmeldung fehlen. Für die Darbietung von Überblickswissen sei eine solche Veranstaltung zwar praktisch, doch sie sei längst kein Ersatz für Seminare, „in denen es viel zu diskutieren gibt“.

Aufgrund mangelnder Interaktion spielen Online-Vorlesungen selbst dort keine große Rolle, wo man es gewohnt ist, auf Distanz zu unterrichten, etwa an der Fernuniversität Hagen. Das Internet habe die Betreuung und Kommunikation beim Fernstudium zwar „unheimlich erleichtert“, heißt es dort. Seit 2006 müssen alle Studierenden über Internetzugang verfügen. Doch reine Vorlesungen werden selten ins Netz gestellt. Stattdessen schwört die Fernuni Hagen auf „Interaktionselemente“ wie den geteilten Monitor, der parallel zum Dozenten auch die Kommentare der Studierenden zeigt.

Noch hat das Online-Lernen ohnehin seine Grenzen: Solange nicht sichergestellt ist, wer vor dem Rechner sitzt, werden Klausuren in den Regionalzentren der Fernuniversität in Präsenz geschrieben. Was die Online-Schule wirklich taugt, wird sich auch in Berlin zu Semesterende im guten alten Hörsaal zeigen.

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