Onlinetests für Uni-Bewerber : Was soll ich studieren, liebes Internet?

Nanotechnologie, Logopädie oder lieber Katalanisch? Onlinetests versprechen Hilfe bei der Studienwahl. Zu viel darf man nicht erwarten. Ein Selbstversuch.

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Unentschlossen. Manche Selbsttests geben den Ratsuchenden nur sehr allgemeine Antworten, andere erstaunlich präzise. Verlassen sollten sich Studieninteressierte auf die Ergebnisse lieber nicht.
Unentschlossen. Manche Selbsttests geben den Ratsuchenden nur sehr allgemeine Antworten, andere erstaunlich präzise. Verlassen...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

SIT ist ziemlich neugierig. Wie sehr ich mich dafür interessiere, Kunstwerke und Literatur zu analysieren? Oder dafür, Kunden von einem Produkt zu überzeugen? Ob ich gerne einen Nanoroboter bauen würde? Ich antworte ihm gewissenhaft, gebe mal viel, mal wenig Interesse an. Literatur ja bitte, Produktüberzeugung nein danke, das klingt nach Staubsaugervertreterin. Und Nanoroboter? Sehr gerne, aber mein Talent dafür wird sich in Grenzen halten.

SIT, das ist der neue Studiums-Interessenstest von „Zeit“-Online und der Hochschulrektorenkonferenz, der nun die Seite „hochschulkompass.de“ verstärkt. Er will mir den Weg weisen im Dschungel der 9500 Studiengänge, in nur 15 Minuten. Seit 7. Januar ist er online, und seitdem haben sich laut Betreiber schon 20 000 Personen durch seine Fragen geklickt. Kein Wunder, denn seine Zielgruppe, die Unentschlossenen, ist groß: Sechs Monate vor dem Abitur weiß für gewöhnlich die Hälfte aller Hochschulberechtigten in Deutschland noch nicht, was sie studieren will.

Zwar habe ich meine Wahl schon vor über sieben Semestern getroffen. Aber vielleicht errät SIT ja, was ich studiere – oder empfiehlt mir ganz neue Wege? Ich platze fast vor Spannung, als ich das Ergebnis anklicke. Aber dann das.

Ich könnte Tibetologie, Katalanisch oder Logopädie studieren, rät mir SIT. Das passe jeweils zu 100 Prozent zu mir. Ich hätte vor allem soziale und theoriegeleitet-forschende Interessen, aber kaum wirtschaftlich-unternehmerische. Als ob ich das nicht schon vorher gewusst hätte. Und auf katalanische Vokabeln habe ich schlicht, pardon, keine Lust. Dann doch lieber Nanoroboter bauen.

Doch Joachim Diercks, Geschäftsführer der Cyquest GmbH, die SIT entwickelt hat, beschwichtigt mich: „Der Test soll keine konkreten Studiengänge empfehlen, eher eine grobe Richtung vorschlagen“, sagt er. Die Liste der Studiengänge am Ende sei das eigentliche Herzstück. „Mit dem persönlichen Testergebnis können die Ergebnisse besser gefiltert werden.“ Tatsächlich ist es erhellend, weiter in der Fächer-Liste herumzuklicken. Aber braucht man wirklich einen Test, um zu wissen, ob man sich eher für Ingenieur- oder Sozialwissenschaften interessiert?

Dass der Test keine bahnbrechenden Erkenntnisse liefert, liegt an den recht breit gefassten Interessens-Kategorien, auf denen er basiert. Sie gehen auf den amerikanischen Psychologen John L. Holland zurück. Doch konkrete Fächervorlieben können sie kaum präzise abbilden, schon gar nicht in einem 15-Minuten-Test. Dass ich mir als „theoriegeleitet-forschende“ Person lieber den Kopf über gesellschaftliche Werte und Normen zerbreche als über Stimm- und Schluckbeeinträchtigungen, kann SIT deswegen nicht ahnen. Auch andere kostenlose Internet-Tests basieren auf dem Modell. Der „Fach-Finder“ der Fachhochschule Frankfurt/M. stellt zwar frechere Fragen. Doch mit seinem Vorschlag, ich solle „Allgemeine Pflege“ studieren, entlockt er mir ebenfalls nur skeptisches Stirnrunzeln.

Hans-Werner Rückert, Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der FU, rät Unentschlossenen trotzdem bedingt zu solchen Tests: „Orientierungstests können ein allererster Schritt sein. Wenn man dann sein Interesse für eine Fächergruppe entdeckt hat, kann man sich die entsprechenden Studienmöglichkeiten auf ,hochschulkompass.de’ anschauen.“

Für Studienbewerber an baden-württembergischen Unis hat der Test aber noch einen ganz anderen praktischen Nutzen: Sie müssen seit dem Wintersemester 2011/2012 ihrer Bewerbung ein „Orientierungs-Zertifikat“ beifügen. SIT kann ein solches ausstellen. Darauf stehen keine inhaltlichen Testergebnisse – die Unis wollen nur sehen, dass ein Bewerber sich mit den eigenen Interessen auseinandergesetzt hat. Auf „was-studiere-ich.de“ gibt es deswegen schon seit 2010 die Möglichkeit, einen Test mit Zertifikat zu absolvieren. Die Seite listet nur Studiengänge aus Baden-Württemberg. Dafür stehen hier neben jedem Fach auch passende Berufe. So erfahre ich, dass ich mit einem Studium in Sozialer Arbeit Spieltherapeutin werden könnte, mit einem in Politikwissenschaft Redenschreiberin. Und der „Perspektiventest“ der Allianzversicherung schickt mir per E-Mail sogar kleine Interviews mit Personen, die einen Beruf ausüben, der für mich interessant sein könnte, inklusive Vorschläge für Studiengänge.

Ob mit oder ohne Test – stellt man ein vages Interesse für einen Studiengang fest, sollte man genau prüfen, ob dieser tatsächlich zu einem passt, rät Diplom-Psychologe Rückert. Tools wie die Self-Assessments der RWTH Aachen oder die Online-Studienfachwahl-Assistenten der FU könnten dabei helfen. „Dabei geht es nicht so sehr um persönliche Eignung. Die Abiturienten sollen vielmehr erfahren, was im jeweiligen Studiengang auf sie zukommt.“ Viele unterschätzten zum Beispiel den Anteil von Mathematik im Informatik- oder im Psychologiestudium. Die FU bietet den Studienwahl-Assistenten mittlerweile für 14 verschiedene Bachelor-Studiengänge an, unter anderem für Psychologie, BWL und VWL und Geografie. Vergleichbare fächerspezifische Orientierungsangebote haben die TU und die HU nicht; auf der TU-Webseite findet sich dafür ein Programm zur Studienorientierung, das Bewerberinnen und Bewerber in acht Schritten über die eigenen Stärken und Schwächen aufklären soll.

Und wenn jemand sich dann immer noch partout nicht entscheiden kann? „Dann ist Eigeninitiative gefragt“, sagt Rückert, „die Studiengangsbeschreibung genau lesen, vielleicht mal in die Hochschule gehen, mit Studierenden reden – und wenn das alles nichts hilft, sind wir von den Studienberatungen der Universitäten ja auch noch da.“

Am Ende probiere ich noch ein kostenpflichtiges Angebot aus. Der Test des Geva-Instituts schlägt mit 24,80 Euro zu Buche, ist aber sehr detailliert und dauert 45 Minuten. Die Auswertung: Ich könnte Journalismus studieren. Das passt doch schon eher. Dass meine Wahl aber vor sieben Semestern auf Philosophie gefallen ist, hat noch kein einziger Test erraten.

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