Option auf Nachwuchs bewahren : Kind trotz Krebs

Tumortherapien schaden der Fruchtbarkeit. Doch junge Krebspatienten können Samen- und Eizellen bewahren, um auch nach der Behandlung Kinder zeugen zu können.

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Coole Reserve. Krebspatienten können Keimzellen für später einfrieren.
Coole Reserve. Krebspatienten können Keimzellen für später einfrieren.Foto: Mauritius

Als bei einer 28-Jährigen Gebärmutterhalskrebs entdeckt wurde, beherrschten weder Todesangst noch die anstrengende Therapie ihre Gedanken, sondern die Befürchtung, nie ein eigenes Kind bekommen zu können. „Nichts auf der Welt hat mir jemals so viel Schmerz bereitet wie dieser Gedanke“, antwortete sie auf eine Umfrage der Deutschen Stiftung für Junge Erwachsene mit Krebs vom Mai dieses Jahres.

Heilungschancen eröffnen Hoffnung auf Nachwuchs

15 000 junge Erwachsene werden in jedem Jahr mit der Diagnose Krebs konfrontiert – in den meisten Fällen geht es um Brust- oder Hodenkrebs, um Lymphome oder Leukämie. Die gute Nachricht: 80 Prozent von ihnen werden inzwischen vom Krebs geheilt. Bei den Lymphomen liegt der Prozentsatz sogar noch höher.

Damit werden Wünsche wach, die Krebspatienten früher gar nicht zulassen konnten. Beruflich wie privat. Die Sehnsüchte der Jüngeren sehen naturgemäß anders aus als die ihrer 70-jährigen Mitpatienten. Eine eigene Familie zu gründen wird ihnen aber ausgerechnet durch die Behandlung erschwert, die ihnen das Leben gerettet hat: Bei den Frauen kann es sein, dass die Gebärmutter oder die Eierstöcke entfernt werden müssen, dass Bestrahlung und/oder Chemotherapie die Funktion der Eierstöcke und die empfindlichen Eizellen schädigen oder dass Eingriffe in den Hormonhaushalt die Fruchtbarkeit drastisch herabsetzen. Bei jungen Männern mit Hodenkrebs kann der Tumor selbst oder die Operation die Fruchtbarkeit vermindern, Bestrahlung und Chemotherapie schaden den Stammzellen, die für die Produktion von Samenzellen gebraucht werden.

Reserve-Spermien einfrieren

Doch man kann Ei- und Samenzellen rechtzeitig auf Eis legen, als Vorrat. „Bei jungen Männern geschieht das heute im Grunde routinemäßig“, sagt Maike de Wit, Chefärztin des Onkologischen Zentrums am Vivantes-Klinikum Neukölln. Das Einfrieren von Spermien ist sogar sofort möglich, ohne kostbare Zeit für die Behandlung zu verlieren. Man müsse nur daran denken, darüber sprechen und die Patienten manchmal auch „etwas schubsen“, berichtet de Wit. „Das Problem der eigenen Kinder steht ja für sie nicht im Vordergrund, wenn sie die Diagnose erfahren.“

Eizellen zu gewinnen ist etwas schwieriger und kostet etwas mehr Zeit, denn die jungen Frauen brauchen zuvor eine Stimulation mit Hormonen. In den meisten Fällen sei dafür vor der Krebsbehandlung aber genug Zeit, versichert de Wit. „Die Schwere der Erkrankung erschlägt aber oft auch uns Ärzte. Dann kann es zu einer irrationalen Geschwindigkeit kommen.“ Und diesem Tempo fällt dann ausgerechnet das Thema zum Opfer, das den Patienten wie kein anderes beweisen könnte: Meine Ärzte haben Hoffnung, dass ich wieder ganz gesund werde und ein normales Leben werde führen können.

Im flüssigen Stickstoff wegfrieren - längst Routine

Seit einigen Jahren ist ein Verfahren zum Schock-Gefrieren in flüssigem Stickstoff („Vitrifikationstechnik“) verfügbar, das sich für unbefruchtete Eizellen eignet: ein immenser Vorteil für ganz junge Frauen, die sich noch gar nicht vorstellen können, wer einmal der Vater ihrer Kinder sein wird. „Heute sind das völlig unkomplizierte Routineverfahren, die Verfahrenstechnologie ist deckungsgleich mit der bei Patienten mit akutem Kinderwunsch“, sagt Peter Sydow, Gynäkologe und Leitender Arzt im Medizinischen Versorgungszentrum VivaNeo.

In einigen Fällen kommt auch eine kompliziertere Methode infrage: Gewebe aus einem Eierstock wird bei einer Bauchspiegelung entnommen, eingefroren und nach der Behandlung wieder eingepflanzt. Studien haben belegt, dass in diesem Gewebe später wieder Eizellen heranreifen können – die dann auf natürlichem Weg oder künstlich befruchtet werden können.

Eine weitere Möglichkeit sind Medikamente, die vorübergehend die Ausschüttung der Hormone LH und FSH durch die Hirnanhangdrüse verhindern. Dadurch wird die Reifung von Eizellen zeitweise blockiert, die Fruchtbarkeit soll geschützt werden. Ob Spritzen mit diesen GnRH-Agonisten tatsächlich den gewünschten Erfolg erzielen, ist aber umstritten. Nach der Durchsicht der einschlägigen Studien kamen amerikanische Forscher um Lisa Hickman im letzten Jahr zur Einschätzung, der Ansatz sei noch als experimentell zu werten. „Obwohl die Beweislage eher dünn ist, zahlen die Kassen die Spritzen“, sagt Sydow.

Auf den Kosten bleiben die Patienten noch sitzen

Auf den Kosten für hormonelle Stimulation, Entnahme, Einfrieren und Lagerung von Eizellen oder Spermien bleiben die jungen Patienten, die oft noch in der Ausbildung sind, dagegen meist sitzen. Die Deutsche Stiftung für Junge Erwachsene mit Krebs möchte das durch einen neuen Passus im Sozialgesetzbuch V ändern. Einer kleinen Gruppe junger Menschen würde damit nach einer schweren Krankheit und einer anstrengenden Behandlung zu mehr Freiheit in der persönlichen Lebensplanung verholfen.

Freiheit, die sie so oder so nutzen können. So gab ein junger Mann, der mit 22 Jahren Krebs hatte und Samenzellen einfrieren ließ, in der Umfrage zu Protokoll, er glaube derzeit eher nicht, dass er einmal Kinder haben möchte. „Allerdings ist es doch immer noch sehr beruhigend, dass mir diese Entscheidung nicht aufgrund einer Erkrankung abgenommen wurde.“

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