Ost-Afrika : Die Rhinos kehren zurück

Mit deutscher Hilfe werden Spitzmaulnashörner im Osten Afrikas wieder angesiedelt. Erfolg kann das Projekt aber nur haben, wenn die Wilderei verschwindet.

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Seltener Anblick. Im Norden Sambias sind Spitzmaulnashörner wieder heimisch. Foto: Zoologische Gesellschaft Frankfurt
Seltener Anblick. Im Norden Sambias sind Spitzmaulnashörner wieder heimisch. Foto: Zoologische Gesellschaft Frankfurt

Wenn die Marula-Früchte reifen, trotten die Elefanten manchmal genau zwischen Wohnzimmer und Küche zu dem Baum mit ihrem Leibgericht. Da nur eine Mauer von einem halben Meter Höhe die Küche vom Rest des Marula-Camps trennt und das Wohnzimmer auf Wände ganz verzichtet, stehen Ed Sayer und Claire Lewis den Dickhäutern manchmal Auge in Auge gegenüber. Begegnungen mit Elefanten gehören hier im North-Luangwa-Nationalpark im Norden Sambias wieder zum Alltag. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) aber will erreichen, dass auch ein anderer Dickhäuter wieder durch die Buschlandschaften im Süden und Osten Afrikas trottet: Das Spitzmaulnashorn. Die Briten Ed Sayer und Claire Lewis setzen dieses Vorhaben im Norden Sambias in die Realität um.

In den 1980er Jahren wimmelte Sambia vor Wilderern, die es auf die Stoßzähne der Elefanten und die Hörner der Rhinos abgesehen hatten. Wohl 5000 Nashörner und mindestens genauso viele Elefanten lebten damals in den beiden benachbarten Nationalparks North und South Luangwa. Weil der Staat wenig gegen die Wilderer unternahm, waren 1987 gerade noch 300 Elefanten übrig, die Nashörner waren überall in Sambia ausgerottet. Seither gehen die Behörden gegen Wilderer vor, die Elefanten haben sich wieder auf 1500 Tiere vermehrt.

Das Spitzmaulnashorn war so selten geworden, dass für eine Rückkehr nach Sambia niemand mehr einen Pfifferling gegeben hätte. Dabei finden die Rhinos hier optimale Bedingungen vor. Überall im Nationalpark wachsen die Büsche, deren Blätter das Spitzmaulnashorn gern frisst. „North Luangwa ist eben ein optimales Rhino-Land“, sagt Rod Tether, der etwas südlich des Marula-Camps das Kutandala-Camp leitet. „Natürlich wollen meine Gäste gern Nashörner auf den Walking-Safaris sehen.“

Genauso sieht es der ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck: „Nashörner gehören nicht nur in den offenen Landschaften Afrikas zum Ökosystem, sondern sind auch ein Touristenmagnet.“ Auch deshalb bringt die ZGF diese Dickhäuter wieder nach Sambia und Tansania zurück.

Die ganze Aktion begann am Main im Frankfurter Zoo, wo das Spitzmaulnashorn Dicoris bicornis minor gezüchtet wird, das vor wenigen Jahrzehnten noch durch Sambia trabte. Allerdings hätten diese Zootiere im North-Luangwa-Nationalpark Sambias kaum eine Überlebenschance, weil sie nie gelernt haben, in der Natur zu leben. Also gab die ZGF drei in Frankfurt geborene Nashörner und das verwaiste Bullenkalb Richard, dessen Mutter in Tansania gewildert worden war, nach Südafrika. Auch dort hatten Wilderer in den 1980er Jahren die gleiche Nashorn-Unterart an den Rand der Ausrottung gebracht. Die wenigen Überlebenden züchten die Südafrikaner seither in riesigen Wildgebieten, in denen aber ein Zaun die Nashörner am Verlassen der Region hindert.

Heute leben in Südafrika wieder mehr als 1000 Spitzmaulnashörner, die aber ein genetisches Problem haben: Da alle Tiere von sehr wenigen Vorfahren abstammen, sind dort praktisch alle Nashörner eng miteinander verwandt. Daher droht Inzucht, Erbkrankheiten könnten sich häufen. Die Vorfahren der Frankfurter Rhinos – so werden Nashörner in englischsprachigen Ländern wie Südafrika und Sambia genannt – aber stammten aus Zimbabwe. Die drei Neuankömmlinge aus Hessen waren daher zur Blutauffrischung im kleinen und umzäunten Marakele-Nationalpark Südafrikas hochwillkommen.

Im Gegenzug für die Blutauffrischung ihrer Nashorn-Population fangen die Südafrikaner in verschiedenen Nationalparks des Landes Spitzmaulnashörner ein und fliegen die Dickhäuter in großen Transportkisten nach Sambia. Seit 2003 landeten auf der Staubpiste in der Nähe des Marula-Camps in gigantischen Staubwolken immer wieder Hercules-Transportmaschinen. Insgesamt 25 Nashörner wurden von Umweltministern, Botschaftern und Generalsekretären dort in Empfang genommen. Die Dickhäuter selbst aber bekommen von der Aufregung über ihre Ankunft gar nicht so viel mit, sondern kauen nach Nashornart gemütlich auf den Blättern, die ihnen als Willkommens-Cocktail angeboten werden.

Nach einiger Zeit in engen Freigehegen dürfen sie dann in ein viele Quadratkilometer großes Gebiet des Nationalparks, das mit einem einfachen Elektrozaun vom Rest des Reservats abgetrennt ist. Dort sollen sie sich an ihre neue Heimat gewöhnen und sind auch leichter zu überwachen. Scouts kontrollieren die umzäunten Gebiete nämlich regelmäßig, um das Schicksal der Nashörner im Auge zu behalten. Insgesamt zählten sie bisher drei Todesfälle und fünf Geburten unter den Dickhäutern. Im North–Luangwa–Nationalpark gibt es wieder 27 Rhinos.

Erfolg kann das Projekt aber nur haben, wenn die Wilderei verschwindet. Eine Flugstunde entfernt haben Rods Gäste erlebt, dass die Wilderer noch aktiv sind. Als sie von einer Safari mit dem Landcruiser am Abend in das Wasa-Camp im Kasanka-Nationalpark zurückfahren, huscht plötzlich ein Schatten im Scheinwerferlicht über die Piste. Der Safari-Guide Lesley Reynolds bremst scharf, stellt den Motor ab und lauscht in den um 18 Uhr 30 bereits stockdunklen Wald. Menschen brechen durchs Unterholz, Hunde hecheln. „Wilderer!“ erklärt Lesley knapp und versucht sie mit dem Landrover zu verfolgen. Das scheitert im dichten Wald rasch, auch die Verfolgung zu Fuß bringt wenig. Beim Abendessen erklärt Lesley dann die Hintergründe der Wilderei: Die Menschen in den Dörfern um den Nationalpark haben nur wenig Einkommen, sind aber hervorragende Waldläufer und Jäger. Also wildern sie, räuchern das Fleisch ihrer Beute und verkaufen es als „Bushmeat“ in den Städten des Landes. Dort bringt ein Kilo Bushmeat mehr Geld als Rindfleisch. Manchmal geht Bushmeat sogar in den Export, in New York und London ist das Fleisch afrikanischer Tiere bereits aufgetaucht.

90 Flugminuten weiter im Süden berichtet Anna Harrison von der „Conservation Lower Zambezi“-Naturschutzorganisation im Lower Zambezi-Nationalpark, dass sich das Verhalten der Wilderer verändert hat. In diesem Nationalpark wurden 2006 dreizehn gewilderte Elefanten entdeckt. In allen Fällen hatten die Wilderer das Fleisch in Streifen abgeschnitten, so lässt es sich zu Bushmeat räuchern.

2007 dagegen wurden doppelt so viele Elefanten geschossen wie im Vorjahr, nur bei einem der Tiere wurde das Fleisch verwendet, die Stoßzähne aber fehlten bei allen Kadavern. „Offensichtlich hat die beschränkte Freigabe des Elfenbeinhandels in diesem Jahr die Wilderei wieder angeheizt“, vermutet Anna Harrison.

Eine ähnliche Entwicklung beobachten Naturschützer auch andernorts. Besonders schlimm ist die Situation in Südafrika. Dort stellen Wilderer mit Helikoptern, Schnellfeuergewehren und Betäubungswaffen vor allem in privaten Parks den Nashörnern nach. Bis zu einer Million US-Dollar bringt ein Horn, das sehr wahrscheinlich im Gepäck von Diplomaten nach China geschmuggelt wird.

Mittlerweile haben die Frankfurter Zoologen mit der zweiten Phase ihres Projektes Rhino begonnen. Aus privaten Reservaten in Südafrika hat ein Privatmann 32 Spitzmaulnashörner gekauft und an die südafrikanische Nationalparkverwaltung übergeben. Die ZGF organisiert jetzt den Transport dieser Tiere in die Serengeti im Norden Tansanias, wo zu wenige Rhinos die Wilderei überlebt haben, um aus eigener Kraft wieder auf die Beine zu kommen. Am 21. Mai nahm dort Tansanias Staatspräsident Jakaya Kikwete die ersten fünf Spitzmaulnashörner in Empfang.

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