Ost-West-Sprachvergleich für Lehrer : „Da ham wa urst jekuckt“

Berlinerisch aus der Konserve: Bei einem Workshop an der Humboldt-Universität wird der Sprachwandel der Nachwendezeit greifbar gemacht.

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So fing alles an: 1989 wurde im Ost-Teil noch ordentlich berlinert.
So fing alles an: 1989 wurde im Ost-Teil noch ordentlich berlinert.Foto: dpa

Berlins Lehrer können ab sofort auf authentisches Sprachmaterial zugreifen, wenn sie im Unterricht den Mauerfall oder Ost-West-Unterschiede thematisieren wollen. Linguisten der Humboldt-Universität haben elektronisch aufgezeichnete informelle Gespräche über den Fall der Mauer und das Alltagsleben mit 60 Ost- und Westberlinern so aufbereitet, dass sie für den Schulunterricht oder für universitäre Seminare genutzt werden können.

Bei einem Workshop unter dem Titel „Kollektives Gedächtnis Mauerfall“ wird am Sonnabend und Sonntag vermittelt, wie man auf das Audiomaterial, das auch verschriftlicht vorliegt, zugreifen kann. Der Workshop ist von der Bildungsverwaltung als Fortbildung anerkannt.

Es geht auch um Befindlichkeiten

Die Aussagen der Befragten, die im Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache als "Berliner Wendekorpus" gespeichert sind, geben Aufschluss über Fragen der Ost-West-Identität, der Befindlichkeiten und über die Erwartungen, die sich an den Mauerfall knüpften. Vor allem aber werden die sprachlichen Unterschiede deutlich: Die Ost-Berliner berlinern durchgängig, während bei den West-Berlinern der Berliner Dialekt kaum noch durchscheint. Zudem benutzen die Ost-Berliner Worte wie „urst“ („wir ham urst jekuckt“ statt „wir haben sehr geguckt“), die im West-Teil kaum bekannt waren, oder nutzen das Wort „Freundschaft“ anders („morjen kommt Freundschaft uff Besuch“) , während es in West-Berlin üblicher war, von „Freunden“ zu sprechen.

Schwäbisch verdrängt Berlinisch - zumindest regional

Ein zusätzlicher Aspekt ergibt sich aus der Nachbetrachtung: 25 Jahre nach dem Mauerfall ist das Berlinische aus manchen Ost-Berliner Bezirken wie Pankow durch den Zuzug aus anderen Bundesländern - nicht nur aus Schwaben - teilweise verdrängt worden und hat sich in die Außenbezirke zurückgezogen. Selbst das einst so verbreitete „urst“ ist kaum noch zu hören.

Die Interviews wurden im Rahmen des Projektes "Kollektives Gedächtnis - sozialer und sprachlicher Wandel" unter der Leitung des Soziolinguisten Norbert Dittmar ausgewertet. Sie entstanden anlässlich eines Lehrer-Fortbildungsseminars an der Freien Universität Anfang der 90er Jahre.

Workshop am Sonnabend, den 22. November, von 9 bis 19 Uhr und Arbeitsgruppen am Sonntag, den 23. November, von 10 bis 13 Uhr im Seminargebäude der Humboldt-Universität am Hegelplatz, Dorotheenstraße 24, 10117 Berlin. Die Teilnahme ist kostenlos. Eine formlose Anmeldung per E-Mail wird bis Freitag erbeten (bernd.pompino-marschall@hu-berlin.de). Weitere Infos unter Tel. 030/86008163.

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