Pakistan : Die Graffiti der Ziegenjäger

Am pakistanischen Karakorum-Highway haben sich über tausende Jahre Reisende verewigt. Doch bald wird die urzeitliche Galerie geflutet.

Michael Zick
Pakistan
Wilder Weg: Der Karakorum-Highway ist die wichtigste Verbindung zwischen dem indischen Subkontinent, Zentralasien und China. -Foto: AFP

Mit Staudämmen kennt sich der Heidelberger Archäologe Harald Hauptmann inzwischen aus. Seine spektakuläre Ausgrabung von Nevali Çori versank in den Fluten des Atatürk-Stausees im Südosten der Türkei. Die Objekte seiner derzeitigen Forschung wird ein gigantisches Wasserwerk in Pakistan verschlingen.

Eile war in den neunziger Jahren bei den Notgrabungen am damals ältesten Tempel der Welt in Nevali Çori angesagt. Der Kultbau und seine Siedlung hatten damals völlig neue Einsichten in die Lebensweise und die Religiosität der Menschen in der frühen Steinzeit gegeben.

Nicht minder drängt heute die Zeit für die wissenschaftliche Bestandsaufnahme von fast 60 000 Felsbildern und Inschriften im oberen Industal. Über 8000 Jahre lang haben Menschen „I was here“ in die Gebirgswände und auf Steinbrocken der wichtigsten „Straßen“-Verbindung zwischen dem indischen Subkontinent, Zentralasien und China geritzt und gestrichelt. Die Passanten – Händler, Krieger, Wallfahrer – schrieben ihre Nachrichten auf Altindisch, Chinesisch, Persisch, Parthisch und sogar auf Hebräisch: „Benjamin, Sohn des Samuel, Josef, Sohn des ’El’azari“. Sie zeichneten Dämonen, edle Rosse, Jagdszenen und Buddhas en masse. Die gefährlichen Wege sorgten schon vor Jahrtausenden für Kommunikation und Austausch von Ware und Ideen. Die Notizen aus der Vorgeschichte werden nun dem Energiehunger des Landes zum Opfer fallen.

Zwei Tage ist Hauptmann mit Mitarbeitern und Geländewagen jetzt gerade wieder auf dem Karakorum-Highway unterwegs, um von der pakistanischen Metropole Islamabad nach Chilas, der Hauptstadt des Distrikts Diamir, zu kommen. Hier häufen sich die Felsbilder zu einer wahren Galerie der Geschichte, „ein steinernes Buch“ nennt sie der Archäologe, „in das Einheimische, aber auch viele Fremde sich eingetragen haben“. Zum Beispiel „Ich, Nanai-vandak, der Sohn des Narisaf, bin hierhergekommen am 10. Tag und habe die Gnade von dem Geist des Ortes Kart erbeten, dass ich sehr schnell nach Taschkurgan gelange und mit Freude meinen Bruder bei guter Gesundheit sehe“.

Bei Temperaturen um 40 Grad lassen sich Hauptmann und seine Mitstreiter – Archäologen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und Geodäten der Karlsruher Hochschule für Technik und Wirtschaft – von Goldwäschern über den reißenden Indus setzen, um zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen. Aufspüren der Felszeichnungen, Einmessen mit GPS, Dokumentieren, Fotografieren, Zeichnen und inhaltliches Einordnen stehen dann für knapp zwei Monate auf dem Tagesplan. Bis zu 3000 Gravuren werden so jedes Jahr neu entdeckt. Acht Bücher haben die Heidelberger bereits mit ihren Dokumentationen gefüllt, etwa ein Dutzend sollen es werden, bis 2012 Schluss ist.

Irgendetwas „bisher nicht Dagewesenes“ werden die Freiland-Forscher auch in diesem Jahr wieder finden und so ihre vorgeschichtliche Galerie erweitern. 35 000 Bilder und 3000 Inschriften sind bislang inventarisiert. Die bislang ältesten Zeichnungen stammen aus dem 8. Jahrtausend vor Christus, als örtliche Jäger ihre Welt – sprich ihre Beutetiere Steinbock, Bergziege und Blauschaf – in Stein meißelten. Sich selbst verewigten sie mit Hand- und Fußsymbolen. Ihre neolithischen Zeitgenossen in Sibirien und Westasien gravierten ganz ähnliche Tiere in Stein, was abermals belegt, dass die Menschen schon in grauer Vorzeit weiträumig unterwegs waren.

In der Bronzezeit, ab 3000 vor Christus, kommt ein neues Element in die Bilderwelt: menschliche Figuren mit ausgebreiteten Armen, ohne Gesicht, aber mit Antennenkringeln auf dem Kopf. Hauptmann interpretiert sie als Dämonen, Erdbebengeister oder Schamanen, wie sie ähnlich abermals in Sibirien zu finden sind. Noch deutlicher werden die engen Beziehungen nach Norden im 1. Jahrtausend vor Christus: Jetzt dokumentieren eurasische Steppennomaden des skythischen Kulturkreises ihre Anwesenheit mit Steinbock, Hirsch und Raubtier im charakteristischen „eurasischen Tierstil“. Iranische Eroberer bereichern ab 500 v. Chr. das steinerne Panoptikum mit fein stilisierten Pferden, Fabelwesen und einer in den Fels gehämmerten Opferszene: Ein westiranischer Krieger mit breitem Gürtel, Fransenrock und Gamaschen schlachtet mit einem riesigen Messer eine Ziege, man sieht förmlich das Blut über den Stein fließen.

Im 1. Jahrhundert nach der Zeitenwende dominieren Stupa- und Buddha-Darstellungen die Freiluftgalerie mit Weihinschriften: „Verehrung dem Buddha“ oder „Dies ist die religiöse Stiftung des Meghakarma“. Zu Hunderten und über Jahrhunderte künden sie von der Ausbreitung des neuen Glaubens, der aus Indien kam und bis nach China wanderte.

Von dort marschierten chinesische Krieger über die Gebirgsketten bis zum Indus – den Tang-Kaisern im Reich der Mitte waren die tibetischen Expansionen in diesem Gebiet ein machtpolitischer Dorn im Auge. Die Tibeter hatten sich im 8. Jahrhundert n. Chr. zur zentralasiatischen Großmacht aufgeschwungen und kontrollierten den Abzweig der Seidenstraße über den Karakorum-Highway nach Indien. Im 9. Jahrhundert bricht ein Reitervolk in die buddhistische Idylle ein, auch diese Barbaren verewigen sich auf den Felswänden. Grob geritzte Strichmännchen mit großen Streitäxten attackieren die sanften Buddhisten, die aber auf lange Sicht siegreich bleiben: Die Graffiti-Krieger sterben in den folgenden Jahrhunderten aus, ein neuer Schwung buddhistischer Themen kündet von einer letzten Glanzzeit dieses Glaubens in dem Gebiet. Im 16. Jahrhundert schließt die Galerie – der Islam hat sich durchgesetzt, er verbietet jegliche bildliche Darstellung.

In einigen Jahren werden diese Zeugnisse von Hoffnungen, Angst und Dankbarkeit, von Imponiergehabe und Demut der Wallfahrenden, Händler und Eroberer aus acht Jahrtausenden zum großen Teil verschwunden sein. 100 Kilometer soll der Stausee lang werden, eine 270 Meter hohe Staumauer soll das Wasser halten. Sie wird damit 85 Meter höher sein als der Dreischluchten-Staudamm in China. Durch die Aufstauung werden 32 Dörfer überschwemmt, rund 100 000 Menschen müssen sich ein neues Zuhause suchen. Das deutsch-pakistanische Forschungsprojekt will 70 bekannte Felsbildstationen mit rund 32 000 Bildern und Inschriften dokumentieren, bevor sie in den Fluten verschwinden. Die Turbinen für die Stromerzeugung sind so groß und schwer, dass sie erst vor Ort zusammengebaut werden können. Vier weitere solcher Giga-Wasserwerke meint die pakistanische Regierung zu benötigen, um den Anschluss an die Moderne zu halten.

Die Vergangenheit ist da hinderlich. In Nevali Çori konnte wenigstens ein Teil der Funde ins Museum gerettet werden. Die gefluteten Felsbilder am Indus gehen für immer verloren. Nur in den Heidelberger Büchern werden sie überleben.

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