Wissen : Pakistans vergessene Kinder 7000 Geisterschulen ohne Lehrer und Unterricht

Guillaume Lavallée/AFP
Freies Spiel. Verwaiste Schüler in einem Klassenraum in Chancher Redhar. Foto: AFP
Freies Spiel. Verwaiste Schüler in einem Klassenraum in Chancher Redhar. Foto: AFPFoto: AFP

In einem heruntergekommenen Klassenzimmer im Süden Pakistans kämpft Bushra inmitten eines Dutzends schreiender Mädchen tapfer um Disziplin. Die Schule hat seit acht Monaten keinen Lehrer mehr, da musste die Zehnjährige einspringen. „Ich unterrichte den Koran, die regionale Sprache Sindhi, wir üben Zählen 1,2, das Alphabet A, B, C, D“, sagt sie.

Eigentlich träumt die Zehnjährige mit Kopftuch und traditionellem Nasenpiercing von einer Zukunft als Ärztin. Doch seit ihr Lehrer verschwand, sind die ehrgeizigen Ziele in weite Ferne gerückt.

Wie Bushra geht es vielen Schülern in Pakistan: In 7000 sogenannten Geisterschulen findet kein offizieller Unterricht statt, mehr als fünf Millionen Kinder besuchen nach Angaben der Vereinten Nationen keine Grundschule. „Die letzte Lehrerin sagte uns, sie würde nicht mehr kommen, wenn wir nicht für ihre Fahrt zum Dorf bezahlen“, erzählt Salim Samoon. Er hat sieben Enkelinnen, die eigentlich auf die Schule des 600-Einwohner-Dorfes gehen sollten.

„Doch wir haben kein Geld, und die Behörden haben keinen neuen Lehrer eingestellt.“ Chancher Redhar liegt weit entfernt vom berüchtigten Nordwesten Pakistans, wo Angriffe der radikalislamischen Taliban auf öffentliche Schulen alltäglich sind. Malala Yousafzai wurde zur internationalen Symbolfigur für das Recht auf Bildung, nachdem sie 2012 ein Taliban-Attentat mit schweren Kopfverletzungen überlebte.

Doch die Misere im Bildungswesen ist selbst verschuldet und richtet potenziell größeren Schaden an: Eine ganze Generation wächst ohne Bildung auf, weil die Schulen aufgegeben oder zerstört wurden oder die Lehrer nicht mehr erscheinen.

„Vielleicht berichten die Medien breiter über die Bombenangriffe, weil sie deutlich sichtbar sind. Aber dieses Problem ist gefährlicher“, sagt Rahmatullah Balal von der Nichtregierungsorganisation Ailaan Alif, die in einem Ranking die Qualität des Bildungswesens aller pakistanischen Bezirke verglich. Demnach liegt Thatta mit Chancher Redhar auf Rang 140 von 144 Bezirken, noch hinter den Taliban-Hochburgen.

Eine vom höchsten Gericht des Landes in Auftrag gegebene Untersuchung der Schulen brachte schockierende Ergebnisse: „In den meisten Grundschuleinheiten ist die Situation sehr alarmierend“, heißt es in dem Bericht. „Die meisten sind nur dem Namen nach Bildungseinrichtungen, es werden praktisch keine Schüler unterrichtet und das Lehrpersonal bezieht sein Gehalt zu Hause.“ Andere Schulen stellten gleich gar keine Lehrer ein, manche wurden von mächtigen Großgrundbesitzern beschlagnahmt oder veruntreuten ihr Budget.

„Bei Regierung und Behörden besteht keine Bereitschaft, das Problem zu lösen“, sagt Balal. „Das Geld, das die Regierung den Schulen gibt, wird von Beamten verbraucht. Im Haushaltsplan wirkt es vielleicht so, als ob das Geld für die Schulen ausgegeben wurde, doch man sieht nichts davon, und dann ist es weg.“ Nach seinen Worten teilen Großgrundbesitzer und Beamte die Schulbudgets unter sich auf. Schließlich würde mehr Bildung in den unteren Bevölkerungsschichten die Macht der einflussreichen Landbesitzer gefährden. Da Schulen ohne Lehrer nicht attraktiv sind, schicken vor allem arme Familien ihre Kinder lieber zur Arbeit aufs Feld oder in den Bazar. „Ich mag diese Schule nicht, deshalb gehe ich nicht hin“, sagt etwa Arbab, der höchstens zwölf Jahre alt ist. „Ich gehe Wasser holen, dann verkaufe ich es.“

Auch Bushras Unterricht ist nach ein paar Minuten vorbei. Danach spielen die Kinder wieder, wie an jedem Tag seit Verschwinden ihres Lehrers. Guillaume Lavallée/AFP

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