Paläoanthropologie : Amerika sucht seine ersten Menschen

Woher kamen die Ureinwohner des Kontinents? Eine deutsche Paläoanthropologin findet Hinweise auf zwei Wellen frühester Einwanderer.

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In Neumexiko wurden 1937 Speerspitzen eines Großwildjägers entdeckt. Doch der erste Amerikaner war er nicht.
In Neumexiko wurden 1937 Speerspitzen eines Großwildjägers entdeckt. Doch der erste Amerikaner war er nicht.Foto: mauritius images

Die beiden Amerikas wurden offenbar in zwei zeitlich versetzten Einwanderungswellen besiedelt. Eine Wissenschaftlergruppe, zu der auch die Paläoanthropologin Katerina Harvati von der Universität Tübingen gehört, hat prähistorische Schädel aus Südamerika untersucht und gravierende Unterschiede zu Skelettformen anderer Ur-Amerikaner festgestellt. Die Gruppe steht damit im Gegensatz zu den Paläogenetikern, die aus ihren Ergebnissen auf eine einmalige Immigration schließen.

Die Neue Welt ist der letzte Kontinent, der vom Menschen besiedelt wurde. Auf welchem Weg dies geschah, gehört zur unendlichen Geschichte Amerikas. Bei der Erzählung mischen viele wissenschaftliche Disziplinen mit: Neben den Archäologen haben sich Genetiker, Linguisten, Anthropologen, Klimaforscher, Biologen und Paläoökologen auf die Spur der Einwanderer gesetzt. Dabei wird unterschieden zwischen ganz frühen „Paläoamerikanern“ und den etwas späteren „Amerindios“. Die paläoamerikanischen Schädel, sagen Harvati und Kollegen, haben eine starke Affinität zu australisch-indonesischen Menschengruppen, die Amerindios eindeutig zu ostasiatischen.

Folgt man den Genetikern, haben sich die morphologischen Kennzeichen erst nach der Einwanderung auf dem amerikanischen Kontinent auseinanderentwickelt. Harvati dagegen schreibt in der neuen Studie: „Die Unterschiede zwischen den Menschengruppen sind so groß, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass die frühesten Bewohner der Neuen Welt die direkten Vorfahren der heutigen Population amerikanischer Ureinwohner sind.“

Die Forschergruppe hat ihre Schädel-Daten in verschiedene geografische und Evolutionsmodelle eingegeben und festgestellt, dass sich die Unterschiede „besser mit der Annahme eines zweifachen Besiedlungsszenarios in Einklang bringen lassen als mit jeder anderen Hypothese.“ Der letzte gemeinsame Vorfahre habe außerhalb Amerikas gelebt. Die Wissenschaftler haben ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe des Online-Fachjournals „Plos One“ veröffentlicht.

Damit wird die Diskussion um den amerikanischen Adam neu belebt. Zur Einwanderung der ersten Menschen auf dem amerikanischen Kontinent gibt es zahlreiche konkurrierende Thesen. Nur wenige wissenschaftliche Fürsprecher findet derzeit eine direkte Besiedlung aus Polynesien über den Pazifik. Selbst wenn bei der letzten Eiszeit der Meeresspiegel um etwa 100 Meter unter dem heutigen Level lag, also etliche Inseln mehr im Stillen Ozean existierten, „braucht man sehr, sehr starke, hochseetüchtige Schiffe, um den gar nicht so friedlichen Ozean zu überwinden, zudem stellte sich die Frage nach der Trinkwasserversorgung“, sagt Tom D. Dillehay. Der Archäologe von der Vanderbild-Universität ist durch seine peniblen Ausgrabungen in Südchile zum vielgefragten Migrations-Experten geworden. Ihm gelang es nachzuweisen, dass dort bereits vor mindestens 14 500 Jahren Menschen lebten.

Eine Nonstop-Route über den Atlantik – von Ägyptern, den verlorenen Stämmen Israels, Phöniziern, Atlantis-Überlebenden – wird nur von Esoterikern vertreten. Dagegen gilt die Idee einer Einwanderung aus Europa über den Nordatlantik via Grönland und Neufundland erheblich plausibler. Josef Eiwanger, stellvertretender Chef der „Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen (KAAK)“ des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin malt das Szenario dazu: Bei der letzten großen Vereisung reichten die Gletscher weit in den Nordatlantik hinein, der Eisrand war eine lebhafte Zone; Robben, Fische, Vögel lieferten Nahrung, das Eis servierte das Trinkwasser. „Amerika ist nicht nur aus Asien, sondern vor 18 000 bis 19 000 Jahren auch von Europa aus besiedelt worden“, sagt Eiwanger. Tom Dillehay ist in der Frage offen: „Diese Verbindung war entschieden kürzer als die Pazifikroute. Ich halte es für sinnvoll, diese Theorie ernsthaft zu überprüfen.“

Tom Dillehay favorisiert jedoch eine Route aus Sibirien über die Beringstraße ins westliche Nordamerika. Nach der Lehrmeinung hatten die Eiszeit-Gletscher so viel Wasser gebunden, dass es zwischen Asien und Alaska eine Landbrücke gab. Da jedoch Alaska und Kanada unter unüberwindlichen Eismassen lagen, konnten die asiatischen Großwildjäger erst später, mit der langsamen Erwärmung, durch einen sich öffnenden Korridor zwischen den Gletschern weiter nach Süden wandern. Speerspitzen und anderes Steingerät, entdeckt 1937 in einer Höhle beim Ort Clovis im US-amerikanischen Bundesstaat Neumexiko, sollten ihre ersten materiellen Zeugnisse sein. Die „Clovis-First“-These war geboren: Vor der 11 500 Jahre alten Clovis-Kultur sollte es keine Menschen in Amerika gegeben haben. Die Clovis-Kultur verschwand allerdings bereits aus unbekannten Gründen nach 500/600 Jahren.

Tom Dillehay fand bei seinen Ausgrabungen im südchilenischen Monte Verde einen prähistorischen Siedlungsplatz, dessen Radiokarbondaten die Besiedlung Südamerikas auf 14 500 vor heute und 3000 Jahre vor Clovis fixierte. Der Wohnplatz von 20 bis 30 Personen war unter einem Moor konserviert worden – ideale Bedingungen für die Erhaltung organischen Materials, das sichere C14-Datierungen erlaubt. So konnte Dillehay ein Gemeinschaftsgebäude aus Pfählen und Tierhäuten aus dem Boden präparieren sowie Feuerstellen und Fußabdrücke sichern. Holzspeere, Steinwerkzeuge und jede Menge pflanzlicher Überreste komplettierten die Fundpalette. „Clovis-First“ stand zur Disposition.

Die Vertreter der Clovis-First-Theorie warfen Dillehay jedoch unsauberes Arbeiten, ja Täuschung vor. Zehn Jahre grub Dillehay in Monte Verde, zehn Jahre publizierte er. Dabei stand er unter Dauerkritik der führenden US-amerikanischen Archäologen. Keiner der Clovis- First-Päpste aber hatte sich in den zwanzig Jahren den Fundplatz selbst angeschaut. Das war 1997 Anlass für die amerikanische National Geographic Society, eine Reise der akademischen Kritiker nach Monte Verde zu organisieren und zu finanzieren. Ergebnis: Nach eigener Anschauung erklärten die Dillehay-Kritiker mit einem Federstrich die Clovis-First-Theorie für überholt.

Damit war auch die Meinung obsolet, dass sich die Einwanderer Südamerika nur über den Landweg erschlossen hätten. Die frühere These einer Eroberung mit Booten entlang der Westküsten fand wieder Zuspruch. Auch Dillehay hat seine anfängliche Skepsis gegen die Seeroute abgelegt, nachdem er in Monte Verde – 60 Kilometer vom Meer entfernt – 13 verschiedene Algenarten gefunden hat, die als Nahrung dienten, aber auch zu speziellen Heilzwecken eingesetzt wurden.

„Sie haben mindestens 5000 Jahre gebraucht, um per Boot in Chile anzukommen“, glaubt Dillehay. Da Monte Verde mit seinen 14 500 Jahren die bislang älteste Siedlung ist, müssten die Menschen also vor 19 500 bis 20 000 Jahren über die Behringstraße gekommen sein. Für diese lange Zeitspanne hat Dillehay eine Erklärung. Er hat alle Flüsse an der Westküste gezählt, von Alaska bis Chile – es sind über 3000. Aus der Menschheitsgeschichte ist bekannt, dass Flüsse immer Orte waren, an denen man sich gern niederließ. Die Wanderer sind der Versuchung oft erlegen, sagt Dillehay.

Katerina Harvati und ihre Kollegen aus Chile und Brasilien haben nun die Hypothese aufgestellt, dass Amerika in zwei Wellen über die Behringstraße besiedelt wurde. Siedlungsspuren der Einwanderer sind heute jedoch vom Wasser bedeckt und vermutlich zerstört. Und auch die Wohnstätten der Küstenfahrer verstecken sich unter Wasser. Wo will man da mit Aussicht auf Erfolg suchen? Immerhin, einige Versuche gibt es, berichtet Dillehay: An der Küste von Oregon haben Wissenschaftler die alten Deltas der Flüsse lokalisiert und dort Zeugnisse menschlicher Aktivitäten gefunden.

Artefakte kamen auch bei Offshore-Forschungen 60 Meilen vor der Küste Floridas zum Vorschein und am Festlandsockel der mexikanischen Halbinsel Yucatan. Vielleicht entsteigt der amerikanische Adam ja doch noch irgendwann den Fluten.

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