Paläontologie : Dinosaurier "hüpften" auf den Archipel Europa

Riesenechsen breiteten sich von Insel zu Insel aus. Das ist eine kleine Revolution unserer Vorstellung davon, wie die Welt vor 80 Millionen Jahren aussah.

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Ceratopsier, gehörnte Dinosaurier wie der berühmte Triceratops, gehören zu den am häufigsten gefundenen und bekanntesten Vertretern der Urzeitechsen. Bisher vermutete man sie allerdings nur in Nordamerika und Asien. Europa bestand zu ihrer Zeit aus einer Reihe von Inseln, vermeintlich unerreichbar für die gewaltigen Tiere. Doch nun hat ein Forscherteam im Westen Ungarns Überreste eines solchen gehörnten Dinosauriers gefunden. Offenbar gelangten die Tiere also doch nach Europa – und „hüpften“ von Insel zu Insel.

Die Wissenschaftler entdeckten die Fossilien im vergangenen Sommer in einer Bauxitmine in der Nähe der Stadt Ajka. Im Fachblatt „Nature“ (Band 465, Seite 466) stellen sie nun ihre etwa 80 Millionen Jahre alten Entdeckung vor, die sie auf den Namen Ajkaceratops kozmai getauft haben. Eigentlich ist die Ausbeute äußerst mager: Nur drei Schädelknochen retteten die Wissenschaftler aus der ungarischen Erde. „Aber einen davon findet man nur bei Ceratopsiern“, freut sich Richard Butler von der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie, der an der Analyse beteiligt war.

Die Überreste sprechen aus Sicht der Forscher also klar für einen Ceratopsier – und damit für eine kleine Revolution unserer Vorstellung davon, wie die Welt vor 80 Millionen Jahren aussah. Denn gehörnte Dinosaurier entstanden erst in der späten Kreidezeit, höchstwahrscheinlich in Asien. Von dort verteilten sie sich dann über Asien und Nordamerika. Europa war damals aber ein Archipel, eine Ansammlung von Inseln mitten im Urmeer Tethys.

Bisher gingen Wissenschaftler deshalb davon aus, dass die Dinosaurier Europas völlig isoliert von den anderen Dinosauriern lebten – und dass es dort deswegen auch keine gehörnten Dinosaurier zu finden gibt. „Ajkaceratops kozmai zeigt nun das Gegenteil“, sagt Butler. Die Knochen ähneln vor allem einem Dinosaurier namens Magnirostris, der nur aus Asien bekannt ist. „Das würde bedeuten, dass die europäische Tierwelt nicht vollständig isoliert war von den anderen nördlichen Kontinenten während der späten Kreidezeit“, schreibt der chinesische Paläontologe Xing Xu in einem Begleitkommentar.

Wie genau die Dinosaurier ihr „Inselhopping“ fertigbrachten, ob sie kleine Strecken schwimmen konnten oder bei sehr niedrigem Meeresspiegel trockenen Fußes nach Europa kamen, das ist noch völlig unklar. Und noch eine Frage ist offen: Ob es sich bei dem Fund um ein ausgewachsenes Individuum handelt. Die Knochen sind deutlich kleiner als bei den vergleichbaren asiatischen Arten. So gehen die Forscher von einer Körperlänge von nur einem Meter für Ajkaceratops aus. Dennoch deuten einige Eigenschaften darauf hin, dass es sich um ein erwachsenes Tier handelte. Damit würden auch die Dinosaurier der Inselregel gehorchen. Demnach bevorzugt die Evolution auf Inseln, wo die Ressourcen klar begrenzt sind, kleinere Tiere. Europa hatte also gehörnte Riesenechsen, nur eben kleinere.

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