Paläontologie : Dinosaurier nach einem Jahrhundert im Regal gefunden

Neue Sauropoden-Gattung lag 113 Jahre lang unerkannt im Keller eines Londoner Museums.

Michael Hopkin

Ein Teilzeit-Paläontologe, der hauptberuflich als Computer-Programmierer tätig ist, hat eine neue Sauropoden-Gattung entdeckt - nicht vergraben im Erdreich, sondern in den Tiefen des National History Museum in London.
Nachdem es 113 Jahre lang ungeliebt und ohne untersucht zu werden im Gewölbe des Museums gelegen hatte, realisierte schließlich Mike Taylor, der die Sammlung des Museums als Teil seiner Doktorarbeit an der University of Portsmouth durchforstete, die Bedeutung des Fossils.
Er stolperte über die neue Spezies - repräsentiert durch einen einzigen Wirbelknochen des Dinosauriers - und erkannte, dass sie einmalig ist. "Es fiel mir als etwas völlig Anderes auf", sagt Taylor, der auf Sauropoden spezialisiert ist, diese Gruppe langhalsiger, Pflanzen fressender Dinosaurier, zu der auch der berühmte Dipoloductus gehört.
Der kürzlich beschriebene Dinosaurier ist nicht nur eine neue Spezies, sondern gehört einer völlig neuen Gattung an, die Xenoposeidon getauft wurde.

Relativ klein

Die größten Sauropoden konnten atemberaubende 70 Tonnen erreichen - die Größe des größten heute bekannten Wals. Xenoposeidon war möglicherweise jedoch etwas bescheidener proportioniert und erreichte etwas die Größe eines Elefanten. Er lebte wahrscheinlich vor rund 140 Millionen Jahren, meinen Taylor und sein Kollege an der University of Portsmouth, Darren Naish, die das Exemplar im Journal Palaeontology (1) beschrieben.
Die Überreste der Kreatur bestehen lediglich in dem 30 cm langen Knochen, den Taylor im Museum gefunden hat. Die Bücher des Museums belegen, dass das Exemplar 1890 von dem Fossilienjäger Philip James Rufford in der Nähe von Hastings im Süden Englands ausgegraben wurde. Als es im Museum eingelagert wurde, nahm der Paläontologe Richard Lydekker es kurz in Augenschein, bevor sein langes Warten auf die Entdeckung begann.
Obwohl 113 Jahre keine lange Zeit sind, wenn man seit 140 tausend Millennien tot ist, scheint es trotzdem bemerkenswert, dass eine neue Dinosaurier-Gattung in der Sammlung so lange unbemerkt blieb. Bei einem derart großen Archiv kann es passieren, dass beachtenswerte Dinge sich der Aufmerksamkeit entziehen, sagt Paul Barrett, Paläontologe des Museums. "Wir haben tausende Dinosaurier-Exemplare in unserer Sammlung", erklärt er. "Unsere Sammlung bereitet uns immer noch Überraschungen."

Knochen des Anstoßes

Taylor fügt hinzu, dass der Umstand, dass es sich bei den Überresten lediglich um einen Knochen handelt, dazu beigetragen hat, dass er im Verborgenen blieb. "Wenn man lediglich einen Knochen hat, ist es sehr viel einfacher, ihn unter dem Sofa verschwinden zu lassen", sagt er.
Wirbelknochen zählen zu den am besten erhaltenen Anteilen des Skeletts von Dinosauriern - im Gegensatz zu den relativ kleinen Schädeln, die nicht so gut fossilieren, erklärt Taylor. Da ihr Körperbau jedoch gut studiert ist, kann ein einzelner Wirbelknochen viel über die Größe und das Aussehen des Sauropoden aussagen.
Taylor, der hofft seine Teilzeitstudien für den Doktortitel in zwei bis vier Jahren abgeschlossen zu haben, sagt, er sei "extrem zuversichtlich", dass weitere neue Spezies in der Sammlung des Museums gefunden werden.
Der Programmierer erklärt jedoch, er habe nicht die Absicht, seinen Hightech-Job gegen den eines Fossilienjägers einzutauschen. "So ziemlich alles, was ich kenne, sind Sauropoden - genau genommen bezieht sich so ziemlich alles, was ich weiß, auf Wirbelknochen von Sauropoden."
Ohne Taylors Fachwissen wäre Xenoposeidon jedoch möglicherweise nie ans Tageslicht gekommen, sagt Sandra Chapman, Kuratorin des Museums für fossile Amphibien, Reptilien und Vögel. "Mike brauchte nur einen Moment, um es zu erkennen", sagt sie. "Er ist sehr gründlich und akribisch."

(1) Taylor, M. P. & Naish, D. Palaeontology 50, 1547-1564 (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 15.11.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2007.249. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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