Pandemie : Schweinegrippe - das Virus

Schreckliche Dinge können wahnsinnig schön sein. Auch das Influenzavirus ist nüchtern betrachtet ein wunderschönes Gebilde. Nichts ist überflüssig, selbst das kleinste Detail ist wichtig.

Kai Kupferschmidt
Schweinegrippe
Schweinegrippe-Virus -Foto: dpa

Schreckliche Dinge können wahnsinnig schön sein. Auch das Influenzavirus ist nüchtern betrachtet ein wunderschönes Gebilde. Nichts ist überflüssig, selbst das kleinste Detail ist wichtig. Dabei ist die schreckliche Schönheit winzig: nur 80 bis 120 Millionstel Millimeter im Durchmesser. Damit entspricht das Verhältnis des wirklichen Virus zu unserer Abbildung in etwa dem eines Heißluftballons zur Erdkugel.

Zwei entscheidende Waffen trägt das Virus ganz offen zur Schau: Auf seiner Oberfläche prangen die Eiweiße Hämagglutinin (gelb) und Neuraminidase (blau). Mit Hämagglutinin bindet sich das Virus an die menschlichen Zellen und dringt in sie ein. Hat sich das Virus in der Zelle vermehrt, hilft die Neuraminidase ihm, die Zelle wieder zu verlassen.

Weil die beiden Moleküle aus dem Virus herausragen, sind sie der wichtigste Angriffspunkt für das menschliche Immunsystem. Es entwickelt Antikörper gegen die Moleküle und versucht die Viren abzufangen, bevor sie Zellen überhaupt infizieren können. Darum werden die Influenzaviren auch nach diesen beiden Molekülen in Gruppen eingeteilt. Das Schweinegrippevirus H1N1 trägt also jeweils die Variante eins von H(ämagglutinin) und N(euraminidase).

Das eigentliche Übel schlummert allerdings wie beim Trojanischen Pferd im Inneren: das Erbgut. Es ist in acht Segmente unterteilt. Hat sich das Virus in eine Zelle eingeschleust, werden diese Segmente freigegeben und im Zellkern vervielfältigt. Einige Kopien dienen als Bauanleitung, sie werden in Eiweiße übersetzt, aus denen in der Zelle neue Viren zusammengesetzt werden. Die anderen Kopien werden in diesen Viren verpackt. Immer mehr Viren sammeln sich an, bis die Zelle geradezu platzt und stirbt. Die gefährliche Fracht wird wieder auf den Weg geschickt. Wie aggressiv das Virus ist, lässt sich aus den Buchstaben des genetischen Codes nur schwer herauslesen.

Bereits im Juli veröffentlichten amerikanische Forscher eine erste Analyse des Viruserbguts. Sie stellten unter anderem fest, dass ein Eiweiß namens PB2 an Stelle 627 anders aussieht, als man das von anderen Grippeviren kannte. Statt der Aminosäure Lysin sitzt beim Schweinegrippenvirus dort ein Glutaminsäuremolekül. So sieht das Molekül normalerweise nur in Vögeln aus. Möglicherweise ist das Virus dadurch weniger gefährlich, als es sein könnte. Auch beim Eiweiß PB1-F2 (es gilt als einer der Gründe, warum die Spanische Grippe von 1918 besonders gefährlich war) hat sich ein Fehler eingeschlichen. Er führt dazu, dass das Eiweiß nicht vollständig gebildet wird.

Genetisch erscheint das Virus also nicht so schlimm, wie es sein könnte. Darum ist eine der Hauptsorgen vieler Experten, dass es sich doch noch wandelt. Zwei kleine Buchstaben ausgetauscht, und schon wären die Eiweiße PB2 und PB1-F2 intakt – und das Virus könnte möglicherweise noch mehr Menschen töten.

Doch bereits jetzt ist H1N1 gefährlich. Hans-Dieter Klenk, Influenzaexperte an der Universität Marburg, sieht vor allem die massive Ausbreitung als Gefahr. Weil das Virus sich von den meisten saisonalen Grippeviren deutlich unterscheidet, sind nur sehr wenige Menschen immun. „Man muss davon ausgehen, dass sich die Schweinegrippe deswegen weiter ausbreitet als eine saisonale Grippe“, sagt Klenk. „Ich gehe davon aus, dass es mehr als 1000 Tote geben wird.“ Infizierten sich 10 Millionen Menschen, sei sogar mit 10 000 Toten zu rechnen. Das seien zwar nicht mehr als bei einer schweren saisonalen Epidemie, aber in diesem Fall würde es vorwiegend junge Menschen treffen und nicht die klassischen Risikogruppen. Kai Kupferschmidt

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben