Pandemie : Schweinegrippe: Der Aufreger

Bisher verlaufen die Erkrankungen recht mild. Forscher warnen aber vor einer Mutation des Schweinegrippe-Virus. Wie gefährlich wäre das?

Robert Birnbaum,Hartmut Wewetzer
Schweinegrippe
Schweinegrippe-Virus -Foto: dpa

Die Schweinegrippe ist jetzt laut Weltgesundheitsorganisation WHO eine Pandemie, eine weltweite Seuche. Fast 30 000 bestätigte Fälle. In Deutschland sind es 111. Allerdings sind viele bereits wieder gesund. Trotzdem wappnet sich Deutschland gegen eine stärkere Ausbreitung des Virus. Gefährlich wird es laut Experten, wenn sich das Virus verändert.

Wie kommt es zu einer Mutation des Virus, und wie wahrscheinlich ist das?

Grippeviren ändern häufig ihren genetischen Bauplan, mutieren also rasch. Das liegt daran, dass der Erbgut-Kopierer des Influenzavirus mit Namen Polymerase viele Fehler macht. Durch dieses „absichtlich“ schlampige Arbeiten der Polymerase entstehen viele verschiedene Virus-Varianten in kurzer Zeit. Experten nennen das Gendrift. In freier Wildbahn, sprich: in Mensch und Tier, setzen sich dann nur die überlebens- und vermehrungsfähigen Viren durch. Auch bei ihnen gelten die Gesetze der Evolution.

Wie gefährlich sind die Mutationen?

Der Erreger der Schweinegrippe, das neue H1N1-Virus, ist eine „Promenadenmischung“ aus Grippeviren von Mensch, Schwein und Vogel. Zusammengemixt wurden die Gene von H1N1 im Schwein. Das Entstehen eines solchen neuartigen Erregers bezeichnet man als Genshift. Zu einem Genshift kommt es immer dann, wenn ein Lebewesen – meist ein Schwein – von verschiedenen Influenzaviren befallen ist. Gelingt es dann zum Beispiel einem Vogelinfluenza- und einem Schweineinfluenzavirus, die gleiche Zelle zu kapern, dann können sich hier die Erbgutschnipsel der Viren wie in einer Lostrommel völlig vermischen und einen neuartigen Erreger wie die Schweinegrippe vom Typ H1N1 kreieren. Gegen ein solches unbekanntes Virus gibt es in der Bevölkerung keine Immunität. Das kann dazu führen, dass bei einer Pandemie weltweit jeder Dritte infiziert wird. Dies bedeutet aber nicht, dass der Erreger besonders gefährlich sein muss, eher im Gegenteil. Die Tatsache, dass er auf wenig Widerstand trifft und sich leicht ausbreitet, macht ihn weniger brisant. Ein Virus, das seinen Wirt tötet, gräbt sich dagegen selbst das Wasser ab, weil es mit diesem „stirbt“. Die letzte Pandemie ereignete sich 1968 (Hongkong-Grippe) und forderte eine Million Todesopfer.



Wie bedrohlich ist die Schweinegrippe überhaupt?

Bisher verlaufen die Erkrankungen mit H1N1 eher mild und gutartig. Das wird auch durch erste Analysen der Virusgene bestätigt. Es gibt Indizien dafür, dass H1N1 lediglich die oberen Atemwege befällt – anders als die brandgefährliche, aber wenig ansteckende Vogelgrippe H5N1. Zudem hat der Schweinegrippe-Erreger die Gene PB1-F2 und NS-1 in vergleichsweise harmloser Form. Die von diesen Erbanlagen hergestellten Proteine werden mit heftigen Überreaktionen des Immunsystems in Verbindung gebracht. Außerdem erweist sich das Virus bislang als nicht besonders ansteckend. Man schätzt nach Daten aus Mexiko, dass ein Grippekranker seinerseits 1,4 Personen infiziert. Bei der berüchtigten Spanischen Grippe von 1918 steckte ein Mensch drei weitere an, was zu der rapiden Ausbreitung führte. Andererseits ist es denkbar, dass die Schweinegrippe in mehreren Wellen über die Welt läuft, die von Mal zu Mal gefährlicher werden. So war es bei der Spanischen Grippe, die ähnlich mild begann wie die Schweinegrippe. Damals gab es allerdings weder Impfstoffe noch Medikamente oder intensivmedizinische Betreuung, etwa mit künstlicher Beatmung. Natürlich werden mit der weltweiten Ausbreitung auch gefährliche Mutationen wahrscheinlicher. Ein Genshift, also eine Mischung mit anderen Viren in einer Wirtszelle, ist ebenfalls nicht ausgeschlossen. Für wahrscheinlicher halten Wissenschaftler jedoch, dass die Viren unempfindlich gegen den Wirkstoff Oseltamivir („Tamiflu“) werden. Eine Alternative wäre die Behandlung mit Zanamivir („Relenza“). Dieses Medikament muss jedoch eingeatmet werden.

Können Infizierte sich noch mal anstecken?

Nach einer überstandenen Infektion hat der Körper Abwehrstoffe (Antikörper) gebildet. Sie schützen gegen das gleiche Virus, nicht aber gegen eine anderen Influenza-Subtyp. Man kann also an der „gewöhnlichen“ saisonalen Grippe erkranken und später an der Schweinegrippe. Die starke Wandlungsfähigkeit des Grippeerregers macht es erforderlich, jedes Jahr einen neuen Impfstoff herzustellen.

Welche Symptome hat die Schweinegrippe?

Die Krankheitszeichen ähneln denen einer normalen Grippe. Im Vordergrund stehen Fieber, Husten, Kopf- und Gliederschmerzen, Müdigkeit und Appetitlosigkeit. Häufig wird ein gewöhnlicher Schnupfen mit einer Grippe verwechselt. Bei einem Schnupfen „läuft“ die Nase und der Rachen ist entzündet. Das ist bei der „echten“ Grippe eher selten, bei dieser dominieren Fieber, heftige Kopf- und Brustschmerzen und Erschöpfung.

Kann man sich schützen?

Häufiges Händewaschen und das Vermeiden von Händegeben, Anhusten und Anniesen senken das Infektionsrisiko. Außerdem sollte man Augen, Nase und Mund so weit möglich nicht mit den Fingern berühren. Ob ein Mundschutz einer Infektion vorbeugt, ist ungeklärt. Beim Umgang mit Erkrankten bietet er womöglich einen Schutz.

Gibt es schon Impfstoffe, und wie nötig wären diese jetzt?

Die Produktion des Impfstoffs für die normale „saisonale“ Wintergrippe ist bereits abgeschlossen. Deshalb haben einige Firmen schon damit begonnen, einen Impfstoff gegen die Schweinegrippe herzustellen. Ob dieser tatsächlich angewandt wird, muss aber noch festgelegt werden. Bis Mitte Juli solle international über Impfplanungen entschieden werden, sagte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) am Freitag in Berlin. Für Deutschland produzieren die Pharmafirmen Novartis und GSK. Das Schweizer Pharmaunternehmen Novartis will einen Impfstoff gegen die Schweinegrippe bereits im Herbst zur Marktreife führen. Mithilfe eines Zellkultur-Verfahrens habe der Impfstoff schneller hergestellt werden können als bei der üblichen Produktion mit Hühnereiern, erklärte der Konzern.

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