Pandemie : Schweinegrippe - der Impfstoff

Im Gegensatz zu den Viren kann man den Impfstoff sehen. Es ist eine durchsichtige Flüssigkeit, die einem mit (ohnehin unbeliebten) Spritzen injiziert wird. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass in Deutschland mehr über die Impfung gestritten wird als über das Virus.

Kai Kupferschmidt

Im Gegensatz zu den Viren kann man den Impfstoff sehen. Es ist eine durchsichtige Flüssigkeit, die einem mit (ohnehin unbeliebten) Spritzen injiziert wird. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass in Deutschland mehr über die Impfung gestritten wird als über das Virus.

Das ausgewählte Mittel heißt hierzulande Pandemrix und wird von der Firma GlaxoSmithKline in Dresden hergestellt. 50 Millionen Dosen hat die Bundesregierung bestellt. Eine Art Blankoversion des Impfstoffes wurde in Europa bereits am 20. Mai 2008 zugelassen – damals für das Vogelgrippevirus H5N1. Das Ziel: möglichst schnell auf eine Pandemie reagieren zu können. Im Ernstfall sollten in den bestehenden Impfstoff nur noch Bestandteile des Virus gegeben werden, gegen das es sich zu schützen gilt. Aufwendige Tests, die für einen ganz neuen Impfstoff nötig sind, sollten so vorgezogen und die Zulassung beschleunigt werden.

Ebenfalls um Zeit zu sparen, enthält Pandemrix den Wirkverstärker AS03, in dem vor allem die Substanz Squalen eine wichtige Rolle spielt. Die ölige Flüssigkeit ist nach Haifischen benannt, in deren Leber sie in großen Mengen vorkommt. Im Impfstoff bildet sie winzige Fetttröpfchen. So wird dem Immunsystem auch bei kleinen Mengen der Eiweiße Hämagglutinin und Neuraminidase ein Virus vorgegaukelt, gegen das es sich wehren sollte. Es wird deswegen weniger Virusmaterial benötigt. In der gleichen Zeit kann die vierfache Menge an Impfstoff hergestellt werden.

Die Kritik an den Wirkverstärkern konzentriert sich auf zwei Aspekte: Zum einen seien sie neu und nicht genügend getestet und zum anderen verursachten sie stärkere Nebenwirkungen als herkömmliche Impfstoffe. Tatsächlich wurde AS03 in klinischen Tests bisher nur an einigen tausend Menschen erprobt. Andererseits ist Squalen, der wichtigste Bestandteil, auch in dem Wirkverstärker MF59 enthalten, der im saisonalen Grippe-Impfstoff Fluad der Firma Novartis schon millionenfach eingesetzt wurde. „Von neu oder ungetestet kann man da wirklich nicht sprechen“, sagt der Virologe Hans-Dieter Klenk von der Universität Marburg.

Allerdings ist mit mehr Nebenwirkungen zu rechnen. Diesen Nachteil bringt die stärkere Immunantwort, die ja gerade gewollt ist, mit sich. Aus den europäischen Zulassungsunterlagen geht hervor, worauf sich Impfwillige einstellen müssen: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Fieber, Gelenkschmerzen, Rötung und Schmerzen an der Injektionsstelle traten bei mehr als jedem zehnten Geimpften auf. Verstärktes Schwitzen, Schüttelfrost und grippeähnliche Symptome bei einem bis zehn von 100 Geimpften. Bei einem bis zehn von 1000 Geimpften traten Schwindel, Durchfall, Erbrechen, Bauchschmerzen, Übelkeit, Schlaflosigkeit oder Schläfrigkeit auf.

Nach Analyse aller Daten hat die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut eine Impfempfehlung ausgesprochen: Für medizinisches Personal und für Menschen ab einem Alter von 6 Monaten mit einem chronischen Leiden, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder einer HIV-Infektion. Grundsätzlich können aber alle Bevölkerungsgruppen von einer Impfung profitieren, heißt es. Für Schwangere ab dem vierten Monat empfiehlt die Kommission einen Impfstoff, der keine Wirkverstärker enthält. Der Grund: Impfstoffe werden nicht an Schwangeren getestet, deshalb gibt es für Pandemrix kaum Daten zu eventuellen Nebenwirkungen. Für herkömmliche Impfstoffe schon, da diese etwa in den USA auch bei Schwangeren eingesetzt werden. Inzwischen empfiehlt die WHO aber, auch Schwangere mit adjuvantierten Impfstoffen zu behandeln. Sie hätten sich im Tierversuch als sicher erwiesen. Kai Kupferschmidt

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