Parkinson-Krankheit : Es bewegt sich etwas bei der Therapie

Kleine Schritte nach vorn: Parkinson-Forscher haben in Berlin neue Ansätze für die Früherkennung und Behandlung des Leidens vorgestellt. Eine der Ideen wirkt zunächst ziemlich ungewöhnlich.

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Parkinson-Probleme im Alltag: Kaffee wird verschüttet, weil die Hand zittert.
Reine Nervensache. Zittern erschwert Parkinson-Patienten das Leben im Alltag.Foto: Mauritius

Das Zittern, die langsamen Bewegungen, die kleinen, unsicheren Schritte, das reduzierte Mienenspiel – praktisch jeder kennt einen Menschen persönlich, der unter solchen Parkinsonsymptomen leidet. Jedes Jahr müssen allein in Deutschland 13 000 Menschen mit dieser Diagnose fertig werden, die meisten zwischen ihrem 50. und ihrem 70. Geburtstag. 250 000 bis 400 000 Menschen leben hierzulande mit der neurodegenerativen Krankheit, auch Prominente. Sie fürchten vor allem diejenigen Veränderungen im Gehirn, die bei vielen im Lauf der Jahre auch das Denken einschränken.

Heilung bleibt eine vage Hoffnung, doch in der Behandlung gibt es große Fortschritte. Vor allem darüber sprachen Experten Ende letzter Woche beim Deutschen Parkinson-Kongress, der zusammen mit dem Deutschen Botulinumtoxin-Kongress in Berlin stattfand. Die größte Stütze sind für die meisten Patienten Medikamente, die den Mangel an dem Hirnbotenstoff Dopamin zumindest teilweise ausgleichen können. L-Dopa, ein Vorläufer des Botenstoffs, ist sozusagen der Traubensaft, aus dem das Gehirn selbst den Wein keltern kann. Dopamin-Agonisten sind Substanzen, die in der Lage sind, die Dopamin-„Antennen“ der Nervenzellen zu stimulieren.

Neue Hoffnungsträger sind einerseits bekannte Wirkstoffe, die schon gegen andere Krankheiten im Einsatz sind. Dazu gehört Exenatide, ein Diabetes-Mittel. Andererseits Stammzellen des Nervensystems, die in Studien in die Gehirne der Erkrankten hineingebracht werden. Hinzu kommen unterstützende Behandlungen wie Physiotherapie und Sprechtraining, die ihre Wirksamkeit bewiesen haben.

Ein Hirnschrittmacher kann die Bewegungsbremse lösen

Nicht zuletzt fasziniert die Methode der tiefen Hirnstimulation, für die Elektroden in das Gehirn des Patienten eingepflanzt und über einen Schrittmacher gesteuert werden. Die Elektroden lösen eine Bewegungsbremse im Gehirn und werden meist erst eingesetzt, wenn Medikamente nicht helfen oder starke Nebenwirkungen haben. Vielleicht sollten sie schon früher implantiert werden. Darüber diskutieren Fachleute intensiv, seit eine deutsch-französische Studie im Jahr 2013 zeigte, dass auch erst seit wenigen Jahren erkrankte Patienten sich mit dem Hirnschrittmacher besser fühlen und weniger Medikamente brauchen. Langzeiterfahrungen dazu fehlen noch.

Debattiert wird auch, ob man früh etwas tun kann, um das Fortschreiten von Parkinson aufzuhalten. Wachstumsfaktoren, die sich allerdings noch in frühen Stadien der Erprobung befinden, sollen zum Beispiel das Überleben der dopaminbildenden Nervenzellen unterstützen. Und eine Immuntherapie soll das Verklumpen eines kleinen Eiweißstoffs verhindern. Das Protein Alpha-Synuclein reguliert unter anderem die Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin und spielt in der Krankheitsentwicklung eine tragende Rolle.

Inzwischen ist es gelungen, die Haut zum „Fenster des Gehirns“ zu machen, berichtete Jens Volkmann von der Neurologischen Uniklinik in Würzburg beim Kongress. Das Eiweiß lässt sich nämlich bei 70 bis 75 Prozent der Betroffenen schon im Frühstadium in Hautproben nachweisen. „Es scheint für Parkinson typisch zu sein, denn wir haben es dort noch nie bei Gesunden gesehen.“

Wer im Traum um sich schlägt, erkrankt vielleicht an Parkinson

Für andere frühe Warnzeichen braucht man keine Gewebeproben. Sie zeigen sich im Alltag, sogar im Schlaf. Etwa wenn Menschen oft aus dem Traumschlaf aufschrecken, um dann wild um sich zu schlagen. „Solche REM-Schlafstörungen gehen mit einem 50-prozentigen Risiko einher, fünf Jahre später Parkinson zu haben“, sagte Volkmann. Weitere Warnsignale sind Einbußen beim Geruchssinn und Verstopfung – also Veränderungen, die die Betroffenen oft zuerst zu anderen Fachärzten führen, ehe sie beim Neurologen landen.

Allerdings gibt es bisher wenig, wozu der Neurologe ihnen im Vor- oder Frühstadium raten könnte – abgesehen von der Aufforderung zu viel körperlicher Aktivität. Man müsse ehrlich zugeben, dass die Untersuchung von Menschen mit frühen Vorzeichen für eine Parkinson-Erkrankung heute vor allem der Wissenschaft diene, sagte Volkmann.

Möglicherweise gibt es bald doch einen – befremdlich wirkenden – Rat. Ausgerechnet Nikotin könnte die Entwicklung von Parkinson verlangsamen. Ob das stimmt, soll nun in einem deutsch-amerikanischen Kooperationsprojekt untersucht werden, das der Deutsche Parkinson-Fonds und die amerikanische Michael J. Fox Foundation unterstützen. Den deutschen Teil leitet der Marburger Neurologe Wolfgang Oertel vom Kompetenznetzwerk Parkinson. Patienten im frühen Stadium der Erkrankung, die noch keine Medikamente nehmen und mindestens seit fünf Jahren Nichtraucher sind, bekommen dafür ein Jahr lang entweder Nikotin- oder Placebo-Pflaster. Erste Ergebnisse werden noch in diesem Jahr erwartet. Eines steht aber fest: Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass das Nikotin wirkt, werden Neurologen in Zukunft nicht für das Rauchen werben.

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