Pelagornis chilensis : Riesenvogel mit Biss

Mehr als fünf Meter Spannweite und große Zähne: Einst fischte der Riesenvogel Pelagornis chilensis vor der Küste Chiles.

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Scharfer Schnabel. Die Zähne halfen Pelagornis chilensis, glitschige Fische im Flug zu angeln. Der Vogel lebte vor fünf Millionen Jahren an der chilenischen Küste.
Scharfer Schnabel. Die Zähne halfen Pelagornis chilensis, glitschige Fische im Flug zu angeln. Der Vogel lebte vor fünf Millionen...Bild: Carlos Anzures

Mit Flügeln von der Länge eines Zimmers und mehr als fünf Metern Spannweite segelt der große Vogel elegant über die Wellen des Pazifiks vor der chilenischen Küste. Der Kopf ist ein wenig nach unten geknickt, offensichtlich späht das Tier eifrig ins Wasser. Dann taucht der Unterschnabel blitzschnell in die Wellen. Sekunden später klappt der Schnabel wieder zu, und wie riesige Zangen halten die aus dem Oberschnabel herausragenden Zähne den glitschigen Tintenfisch fest, den das Tier sich bei dieser Aktion aus dem Wasser geangelt hat. „Wenn dieser Vogel heute noch leben würde, wäre er sicher eine Riesenattraktion für Vogelbeobachter“, vermutet der Paläontologe und Ornithologe Gerald Mayr vom Senckenberg-Forschungsinstitut in Frankfurt am Main.

Das Pelagornis chilensis genannte Tier verschwand allerdings bereits vor rund fünf Millionen Jahren von der Erde, als Ziel für eine Vogelsafari taugt er also wenig. Gerald Mayr konnte den Körperbau und die Lebensweise des Riesen also nur aus Millionen Jahre alten, versteinerten Knochen rekonstruieren. Die hatte ein privater Sammler in der Nähe des Dorfes Bahia Inglesa in der Atacama-Wüste Chiles entdeckt. „Das Senckenberg-Institut konnte die Fossilien schließlich kaufen und dem Naturhistorischen Nationalmuseum in Santiago de Chile übergeben“, erklärt Gerald Mayr die verschlungenen Wege der Riesenvogelknochen.

Vorher aber untersuchte der deutsche Forscher den Fund genau und konnte einen Volltreffer melden: 70 Prozent der Vogelknochen hatten die Jahrmillionen überstanden. Das sei sehr viel, sagt Gerald Mayr. Meist bleibe gerade von den leichten Knochen eines Vogels viel weniger übrig. Die Beinahe-Vollständigkeit aber half, viele Eigenschaften des Vogels sehr zuverlässig zu ermitteln. In der Zeitschrift „Vertebrate Paleontology“ berichtet Gerald Mayr gemeinsam mit seinem Kollegen David Rubilar vom chilenischen Nationalmuseum von den Ergebnissen.

Mindestens 520 Zentimeter lagen zwischen den Spitzen der beiden Flügel von Pelagornis chilensis. Damit übertraf seine Spannweite die Maße eines Wanderalbatros, der heute die längsten Flügel hat, um glatte zwei Meter. Eine größere Spannweite wurde bisher nie sicher nachgewiesen. Allerdings gibt es in Argentinien Hinweise auf einen Vogel, der sogar sieben Meter Spannweite gehabt haben könnte. Diese Fossilien aber sind viel schlechter erhalten.

Die Flügel des chilenischen Fundes aber waren nicht nur extrem lang, sondern vor allem auch sehr schmal. Das aber ist typisch für einen Segelflieger. Tatsächlich zeigt der Knochenbau der Flügel dann auch, dass Pelagornis chilensis noch viel stärker als heutige Albatrosse an den Segelflug angepasst war. Vermutlich landeten diese Vögel daher nur, wenn es gar nicht anders ging, weil sie zum Beispiel brüten wollten.

„Die Nahrung aber fischte Pelagornis chilensis wohl im Flug aus den Wellen des Pazifiks“, schließt Gerald Mayr aus dem Kopf des Vogels. Zum einen war der vermutlich nicht wie bei einem Albatros nach vorne gerichtet, sondern nach unten abgeknickt. Aus dem kräftigen Schnabel ragten Zähne, die anders als die Zähne von Säugetieren nicht mit Schmelz bedeckt waren und die direkt aus dem Knochen wuchsen. „Das ist nicht ungewöhnlich, der Vogel gehörte ja zur Gruppe der Pseudozahnvögel“, erklärt Gerald Mayr. Mit einem solchen Zahnschnabel aber lassen sich auch glitschige Meerestiere wie Tintenfische und viele andere ohne Zwischenlandung im feuchten Element leicht aus dem Wasser holen.

Die Oberschenkelknochen des Riesenseglers waren kaum größer als bei einem heute lebenden Pelikan. Daraus kann Gerald Mayr auch das Körpergewicht des Tieres errechnen: „Mit 16 bis 29 Kilogramm war Pelagornis chilensis erstaunlich leicht.“ Das aber passt hervorragend zu einem Segelflieger, der den allergrößten Teil seines Lebens ohne Flügelschlag über den Wellen des Pazifiks zubrachte. Vogelbeobachter werden es daher sehr bedauern, dass der Vogel mit der Riesenspannweite bereits vor fünf Millionen Jahren ausgestorben ist. Roland Knauer

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