Pergamente : Qumran-Rollen: Das große Puzzle

Materialforscher fügen die Fragmente der Qumran-Rollen in Berlin zusammen. Die 2000 Jahre alten Pergamente aus Ziegenleder zählen zu den bedeutenden Kulturgütern der Menschheit - und geben immer noch Rätsel auf.

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Blick durch die Geschichte. Die Pergamentrollen, die vor rund 60 Jahren im Westjordanland entdeckt wurden, sind meist in sehr schlechtem Zustand. Oft existieren nur kleine Fetzen, die von Wissenschaftlern mühevoll zusammengesetzt werden. Foto: Imago
Blick durch die Geschichte. Die Pergamentrollen, die vor rund 60 Jahren im Westjordanland entdeckt wurden, sind meist in sehr...Foto: Imago

„Das Geheimnis um die Schriftrollen vom Toten Meer kann gelüftet werden“ – die Ankündigung der Berliner Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) klingt ein bisschen nach Indiana Jones, nach alten Mythen und neuen Offenbarungen. Schließlich zählen die 2000 Jahre alten Pergamente aus Ziegenleder zu den bedeutenden Kulturgütern der Menschheit. Die in mehr als 17 000 Fragmente zerfetzten Rollen geben den Forschern noch immer Rätsel auf, wenn auch nicht auf der theologischen Ebene – die biblischen Texte in hebräischer, aramäischer und griechischer Schrift sind längst transkribiert. Unklar ist allerdings, wo genau die insgesamt 850 Rollen entstanden sind. Zudem können viele der Fragmente den einzelnen Dokumenten nicht zugeordnet werden. Bis jetzt.

Koordiniert von der BAM hat ein internationales Team aus 50 Wissenschaftlern Verfahren entwickelt, mittels derer die Herkunft der Rollen bestimmt werden kann – und sich das große Puzzle vielleicht eines Tages lösen lässt. Dies teilten Arbeitsgruppenleiter Oliver Hahn und seine Kollegin Ira Rabin vom Israelischen Nationalmuseum am Montag mit. Die Forscher gingen hierbei nicht vom Inhalt der Texte aus, sondern vom Material der Rollen. In einem dreijährigen Forschungsvorhaben untersuchten Wissenschaftler aus sieben Ländern Pergament- und Lederproben. Die einzelnen Methoden waren dabei nicht neu, sagt Hahn im Gespräch. Das Besondere sei die konzertierte Aktion, die eine Vielzahl wertvoller Daten geliefert habe. Am Teilchenbeschleuniger „Bessy“ in Berlin-Adlershof etwa wurden Fragmente per Röntgenfluoreszenzanalyse auf ihre elementare Zusammensetzung untersucht, andere Proben kamen unter Rasterelektronenmikroskope oder wurden einer Vibrationsspektroskopie unterzogen, um die Struktur der organischen Moleküle aufzuschlüsseln. Ziel war es, den Pergamentstückchen einen „Fingerabdruck“ abzunehmen, wie Hahn sagt. Dieser ließe sich dann mit anderen Fragmenten vergleichen: Weisen zwei Fragmente identische Röntgen- oder Infrarot-Spektren auf, gehören sie zusammen.

Auch zur genaueren „Kartierung“ des Fundortes könnten die neuen Untersuchungsinstrumente beitragen, sagen Hahn und Rabin. Die Schriftrollen wurden zwischen 1947 und 1956 in elf Felshöhlen nahe der Ruinenstätte Khirbet Qumran im Westjordanland entdeckt. Viele Funde wurden nicht archäologisch dokumentiert, manche Rollen wurden von Einheimischen gefunden, einige gar zerschnitten, um beim Verkauf an die Archäologen mehr Gewinn zu machen. Die verstreuten Einzelteile können nun ihren tatsächlichen Lager- und Fundstätten zugeordnet werden. An einer Rolle etwa wiesen die Forscher Rückstände von Fledermausfäkalien nach, die nur in einer infrage kommenden Höhle vorkommen. Auch konnte im Verlauf des Forschungsprojekts nachgewiesen werden, dass eine Schriftrolle mit Dankesliedern in Qumran hergestellt wurde: Das Verhältnis von Chlor und Brom ist mit dem des Wassers am Toten Meer identisch. Mehrere andere Pergamente dagegen wurden eindeutig nicht vor Ort angefertigt – was die Forscherfraktion, die bisher meinte, sämtliche Rollen seien Importware, mit derjenigen, die die Schriften für Lokalprodukte hielt, in der Mitte zusammenbringt.

Das von dem Qumran-Forscherteam entwickelte Instrumentarium ließe sich im Übrigen natürlich auch auf andere archäologische Funde anwenden, betonen Hahn und Rabin. Sie selbst wollen als nächstes die Tinte auf den Pergamenten untersuchen. Auch hier ließen sich bestimmte chemische Eigenschaften vor allem des verwendeten Wassers zur geografischen Zuordnung verwenden. Besonders wichtig ist den Wissenschaftlern, dass die von ihnen verwendeten Verfahren die kostbaren Fragmente nicht beschädigen. „Schließlich wollen auch künftige Generationen noch an ihnen forschen“, sagt Oliver Hahn.

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