Peterchens Mondfahrt : Wie realistisch ist eine deutsche Mondmission?

Luft- und Raumfahrtkoordinator Peter Hintze will, dass im Jahr 2015 eine unbemannte Mission zum Erdtrabanten startet. Wie realistisch ist das?

Ralf Nestler,Juliane Schäuble

Die Anziehungskraft des Mondes ist enorm. Für viele löst er auf Erden gleichsam magisch Ebbe und Flut aus und fasziniert auch ansonsten die Menschheit. Als „mondsüchtig“ werden Menschen bezeichnet, die im Schlaf wandeln. Von Peter Hintze ist in diesem Punkt nichts bekannt. Aber dass das Herz des Luft- und Raumfahrtbeauftragten der Bundesregierung an der Mondfahrt hängt, ist bekannt. Am Mittwoch hat der CDU-Politiker und Staatssekretär im Wirtschaftsministerium dem Bundeskabinett seinen Jahresbericht vorgelegt. In selbigem wirbt er dafür, eine unbemannte Sonde auf dem Mond landen zu lassen. Ganz wichtig dabei: Das Vorhaben soll unter deutscher Führung umgesetzt werden.

Wie könnte der Mondflug ablaufen?

Das lässt sich heute noch kaum sagen. Hintze geht es auch weniger um detaillierte Fragestellungen der Mondforscher. Er sieht eine deutsche Mondfähre vorrangig als Werbeplattform. Mit ihr könne sowohl die Exzellenz hiesiger Wissenschaft als auch die Fähigkeiten auf technischem Gebiet demonstriert werden, sagte er am Mittwoch in Berlin. Das würde einerseits der Raumfahrtindustrie neue Aufträge bescheren und zugleich die deutsche Verhandlungsposition bei internationalen Forschungsprojekten sichern. „Wenn die Amerikaner tatsächlich eine Mondbasis errichten wollen und wir anhand der Daten unseres Landers geeignete Standorte empfehlen können, steigen unsere Chancen, daran beteiligt zu werden“, erläuterte Hintze.

Die jetzt angeregte Mondmission soll aus drei Teilen bestehen: einem Kommunikationssatelliten, einer Landeeinheit und einem Mondmobil. Nachdem diese Elemente von einer Rakete zum Mond katapultiert wurden, soll der Lander vollautomatisch und weich aufsetzen (siehe Simulation). Erst im Mai hatte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) eine Machbarkeitsstudie für diese Technik bei der Bremer Firma Astrium in Auftrag gegeben. Nach erfolgreicher Landung soll sich ein mobiles Laboratorium auf den Weg machen, um die Oberfläche zu erkunden, ähnlich den bereits bekannten Marsrovern. Ob der deutsche Mondroboter auf Rädern fahren wird oder spinnengleich dahinkrabbelt, ist noch offen. Die Messwerte – etwa Temperatur, elektrische Leitfähigkeit und chemische Kenngrößen – sollen über den Kommunikationssatelliten, der über dem Mond schwebt, zur Erde gefunkt werden. Dieser Aufbau würde es ermöglichen, endlich auch die erdabgewandte Seite des Himmelskörpers zu untersuchen. Aus Sicherheitsgründen waren die Apolloastronauten nämlich immer nur auf der Vorderseite gelandet.

Was würde dies kosten?

Hintze veranschlagt 1,5 Milliarden Euro. Das Geld müsste vollständig vom hoch verschuldeten deutschen Staat bezahlt werden, weil es ein Forschungsvorhaben ist. „Die Industrie steigt erst dann in Raumfahrtprojekte ein, wenn sie einen Nutzen hat, etwa Kommunikationssatelliten“, sagte Hintze. Bedenken, in Krisenzeiten könnte möglicherweise das Geld fehlen, wies er zurück. „Wenn wir in einem Jahr fünf Milliarden für die Abwrackprämie aufbringen können, schaffen wir es auch, in fünf Jahren 1,5 Milliarden für dieses schöne, spannende Projekt aufzuwenden.“ Sollte das Geld am Ende doch nicht reichen, könne man die Franzosen oder die europäische Raumfahrtagentur Esa fragen, ob sie mitmachen wollen. „Die Mission ist modular aufgebaut, das erleichtert es anderen Partnern, sich zu beteiligen“, sagte er, allerdings mit dem Hinweis: „Je mehr man selber macht, umso mehr Entscheidungen kann man allein treffen.“

Wie groß sind die Chancen dafür?

Zwar hat die Bundesregierung Hintzes Vorschlag positiv aufgenommen, wie er sagt. Doch im September wird eine neue gewählt. Ob diese an dem Plan festhalten wird, ist nicht sicher. CDU und FDP stehen der Raumfahrt offener gegenüber als die übrigen Parteien. „Die SPD hat jetzt als Koalitionspartner ebenfalls dem Mondprogramm zugestimmt, deshalb glaube ich, dass sie es weiter unterstützen wird“, sagte der Vorstandsvorsitzende des DLR, Johann-Dietrich Wörner, dem Tagesspiegel. „Aber wir haben auch eine Konjunkturkrise – und da ist nicht abzusehen, wohin die Entwicklung geht.“ Es sei dennoch ein großer Schritt, dass dieses Projekt nun auch von der Politik unterstützt werde. Aus technischer Sicht hat er keine Bedenken, dass sechs Jahre Zeit zu knapp sind: „Das schaffen wir!“ In der Robotik zählten hiesige Wissenschaftler zur Weltspitze. Ob 2015 tatsächlich eine Mondlandung möglich ist? „Sind Politiker im Spiel, kann man sich nie sicher sein“, sagte Wörner. Doch die Erfolgschancen stünden bei mehr als 50 Prozent.

Warum ist der deutsche Mondflug in der

Politik plötzlich so populär?

Erst vor einem Jahr legte die Bundesregierung die Pläne für die deutsche Mondsonde „Leo“ auf Eis. Sie sollte den Erdtrabanten in 50 Kilometern Höhe umkreisen und präzise vermessen. Das CSU-geführte Wirtschaftsministerium brachte das 350-Millionen-Euro-Projekt aber nicht in die Haushaltsverhandlungen. Umso erstaunlicher, dass die Union jetzt eine viermal so teure Mission unterstützt. Die Kanzlerin habe ihn bei der Präsentation zustimmend angeblickt, berichtete Hintze. Den „ausgesprochen technologieinteressierten“ (und neuen) Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wisse er sowieso hinter sich. Die Zahl der Befürworter wachse. „Immer mehr erkennen, welcher Innovationsschub und welche Signalwirkung mit dieser Mission verbunden sind.“ Was er nicht sagte: Im Wahlkampf kommt ein populäres Thema wie die Mondfahrt nicht ungelegen.

Wann fliegt ein Deutscher zum Mond?

So schnell nicht. Der Mondlander bringt nur einen Roboter dorthin. In gut zehn Jahren wollen die USA wieder Astronauten zum Mond bringen. Bis europäische Astronauten in die Rakete steigen dürfen, wird noch mehr Zeit vergehen. Ein europäisches Transportsystem für bemannte Flüge gibt es noch nicht – auch wenn es immer wieder gefordert wird, da man bisher extrem von Amerikanern und Russen abhängig ist. Nach Hintzes Ansicht soll sich daran aber nichts ändern.

Warum ist der Mond überhaupt wieder in?

Ziemlich genau 40 Jahre ist es her, dass Neil Armstrong und Buzz Aldrin der Riesenschritt für die Menschheit gelang. Auf die Apollo-11-Mission folgten noch sechs weitere bemannte Flüge, doch die öffentliche Begeisterung nahm stetig ab. Die Ausflüge erschienen zu teuer, die Gefahren zu groß angesichts möglicher Erträge – immerhin hatten die USA das Rennen gegen die Sowjets, wer als Erstes einen anderen Himmelskörper erreicht, gewonnen. Ende 1972 stellten die USA ihr Apollo- Programm ein. Und das, obwohl noch vieles herauszufinden war. Zum Beispiel, wie der Mond entstanden und aufgebaut ist. Doch zunächst gewannen Planeten wie Mars, Jupiter oder Venus den Wettstreit um die öffentliche Aufmerksamkeit – und die finanziellen Mittel.

Die Wende kam mit George W. Bush. Anfang 2004 verkündete der damalige US-Präsident: „Unser Ziel ist, bis zum Jahr 2020 zum Mond zurückkehren – als Startpunkt für noch weiter entfernte Ziele. Wir wollen auf dem Mond für immer längere Perioden leben und arbeiten.“ Drei Monate zuvor hatten die Chinesen, nach Ende des Kalten Krieges zum neuen Konkurrenten der Amerikaner herangewachsen, ihren ersten bemannten Weltraumflug gestartet – und angekündigt, auch bald zum Mond zu fliegen. Ein neuer Wettlauf begann.

Was interessiert heute?

Hintze beschreibt es so: „Der Mond ist wie das Archiv unseres Sonnensystems.“ Seine Erforschung könne für Fragen der Entstehung und Entwicklung der Erde und damit des Lebens wichtig sein, sagte DLR-Chef Wörner. Eine Mondmission bringe direkten Nutzen wie Erd- oder Klimabeobachtung. Auch könne man indirekt profitieren: Staubsauger und Akkuschrauber etwa seien als Abfallprodukte von Raumfahrtmissionen entstanden. Zudem kann eine erfolgreiche Mondmission als Sprungbrett zum Mars dienen.

Was machen die anderen Länder?

In den vergangenen Jahren haben vier Sonden aus Europa, China, Japan und Indien den Mond erreicht und aus der Umlaufbahn erforscht. Auch die Nasa ist wieder auf Kurs. Am 18. Juni startete eine Atlas-5-Rakete mit zwei Sonden an Bord – der Anfang einer dauerhaften Rückkehr Amerikas zum Mond, wie es ein Sprecher der Nasa dabei versprach. Rund um das Jahr 2020 könnte erstmals wieder ein menschlicher Fuß den Mond berühren. Ob es ein amerikanischer oder ein chinesischer sein wird, ist offen. Ein Deutscher wird es wohl nicht sein.

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