Pflanzengenetik : Mit Pinzette, Lupe und viel Geduld

Die Berliner Biologin Elisabeth Schiemann war eine Pionierin der Pflanzengenetik. Mit kontinuierlicher „Erbsenzählerei“ beging sie entscheidende Schritte auf dem Weg zu moderner Pflanzengenetik.

Bettina Mittelstrass

Die schrumpelige Walderdbeere schmeckt besser als ihre kultivierte Kollegin, die so appetitanregend leuchtet. Wäre das schön, beides zu haben: den vollen Geschmack und das dralle Früchtchen. Auf die Idee, mehrjährige, robuste Pflanzen mit schmackhaften und ansehnlichen Früchten zu züchten, kam man schon vor mehr als 100 Jahren. Doch Erdbeeren zu kreuzen ist alles andere als einfach. Lange Zeit waren ihre Erbgänge schleierhaft. Erst Auszählungen ihrer Chromosomensätze offenbarten, warum viele Kreuzungsversuche misslangen. „Der einfache Chromosomensatz der Erdbeeren besteht aus sieben Chromosomen und kann je nach Art doppelt bis achtfach vorliegen, erklärt der Berliner Biologiehistoriker Ekkehard Höxtermann. An der Aufklärung dieser Zusammenhänge beteiligte sich die Berliner Pflanzengenetikerin Elisabeth Schiemann (1881–1972).

Seit Gregor Mendel Mitte des 19. Jahrhunderts mit seinen Kreuzungsversuchen von Erbsen neue Wege beschritten hatte, kamen die Kulturpflanzen nach und nach unter die Lupe. „Eines der zentralen Themen der jungen Genetik war dabei die Frage nach der Bedeutung von Mutationen, also von plötzlichen, erblichen Merkmalsänderungen, für die Entstehung der Arten“, sagt Höxtermann.

Elisabeth Schiemann, die 1908 mit bereits 27 Jahren endlich als eine der ersten Frauen in Preußen zum Studium der Naturwissenschaften an der Berliner Universität zugelassen wurde, machte Mutationen zum Gegenstand ihrer Doktorarbeit. Experimente mit schnell wachsenden Mikroorganismen waren ein ebenso neues Feld, in das Schiemann einstieg. Um Merkmalsänderungen zu provozieren, setzte sie Schimmelpilze Giften und hohen Temperaturen aus. 1912 promovierte sie bei Erwin Baur, einem der führenden Züchtungsforscher.

Elisabeth Schiemann wurde 1914 Assistentin ihres Doktorvaters am Institut für Vererbungsforschung der Landwirtschaftlichen Hochschule. Baur plante ein Institut für Züchtungsforschung mit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, das 1929 in Müncheberg bei Berlin eröffnet wurde. Er band die wissenshungrige Frau in die Vorbereitungen ein. Dazu gehörte der Aufbau eines Getreidesortiments, eine von Schiemann betreute „Genbank“.

Eingebunden in den Forscherkreis um Erwin Baur war Schiemann an der Erstellung der ersten Chomosomenkarte des Gartenlöwenmauls beteiligt. Die beliebte Pflanze mit den vielfarbigen Blüten wurde ein Standardobjekt der Genetik. In mühsamer Kleinarbeit klärte Elisabeth Schiemann mithilfe von Kreuzungsexperimenten und Stammbaumanalysen den Erbgang einer nadelblättrigen Mutante vom Löwenmaul und habilitierte sich damit 1924 an der Landwirtschaftlichen Hochschule. „Schiemann wurde mit dieser Untersuchung bekannt“, sagt Höxtermann. 1927 organisierte die Wissenschaftlerin mit Kolleginnen den 5. Internationalen Genetikerkongress in Berlin.

Die Differenzierung der Arten prägte Schiemanns Forscherleben. Auf dieser Grundlage konzentrierte sie sich später auf die Geschichte der Kulturpflanzen, vor allem von Getreide. Die Anfänge der experimentellen Genetik und die kontinuierliche „Erbsenzählerei“ der Ergebnisse waren ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu moderner Pflanzengenetik.

Als Frau leistete Schiemann diese Arbeit unter erschwerten finanziellen Bedingungen. Sie blieb Privatdozentin ohne sichere Stelle. „Unter nationalsozialistischer Herrschaft wurde die unangepasste Forscherin, die sich in der Bekennenden Kirche engagierte, dann denunziert und flog 1940 von der Universität“, erzählt Annette Vogt vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin.

Erst nach Kriegsende erhielt sie die verdiente Anerkennung. Bis 1949 war sie Professorin an der Humboldt-Universität, lehrte danach an der neu gegründeten Freien Universität und wurde 1952 wissenschaftliches Mitglied der Max- Planck-Gesellschaft. Am MPI für Wissenschaftsgeschichte bemühen sich nun Marion Kazemi und Annette Vogt beim Berliner Senat, dass die letzte Ruhestätte Schiemanns auf dem Dahlemer St.-Annen-Kirchhof als Ehrengrab erhalten bleibt.

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