Philologie-Fund : Der Elitewettbewerb der Babylonier

Die Lebenswirklichkeit des Alten Orients ist noch nicht sehr erforscht. Im Zweistromland kürzlich gefundene Tafeln werden nun von Experten entziffert und zeigen ein ausgeklügeltes Bildungssystem, das dem unseren gar nicht so unähnlich ist.

Michael Zick

"In der Schule sagte der Pedell zu mir: Warum bist du zu spät gekommen? Ich bekam Angst. Mein Schulvorsteher las prüfend meine Tafel. ,Das ist dafür, dass du eine Zeile ausgelassen hast', sagte er und schlug mich ..."

Schüler hatten es schon immer schwer, wie die rund 4000 Jahre alte Keilschrift-Klage eines Jungen aus Mesopotamien belegt. Dass wir solche Details aus der Lebenswirklichkeit des Alten Orients kennen, verdanken wir einer oft verkannten wissenschaftlichen Zunft - den Philologen. Und die sind jetzt ganz groß im Kommen: Nach dem Jahrhundert der Archäologen bricht die Ära der Schriftwissenschaftler an. Denn die Ausgräber haben Hunderttausende von betexteten Tontafeln zu Tage gefördert, die werden nun aufgearbeitet. Bislang ist bestenfalls die Hälfte der tönernen Nachrichten gelesen - und verstanden.

Mit den Informationen direkt aus der Quelle kommen die Philologen dem Menschen des Alten Orients viel näher als die Archäologen mit Keramik, Lehmziegel und Statue. Diese Lebenswirklichkeit ist es denn auch, die den Tübinger Altphilologen Konrad Volk fasziniert, wenn er sich "durch ganze altorientalische Bibliotheken wühlt", um Aufbau und Ziel des Bildungswesens im 3. und 2. Jahrtausend v. Chr. zu ergründen. Dabei kommen so vertraute Miniaturen zum Vorschein wie die Mahnung eines Vaters an seinen Sohn: "Gehe in deine Schule, lies deine Aufgabe, schreibe deine Tontafel. (...) Du musst Ehrgeiz haben, stelle dich deinen Genossen gleich. (...) Du aber bummelst auf dem Markt herum."

Aus Tausenden solcher Details rekonstruiert der Tübinger Schriftgelehrte unter anderem die altorientalische Schreiberausbildung. Dabei stieß er auf didaktische Konzepte, die noch heute angewendet werden, auf die Vorläufer der Bachelor- und Masterstudiengänge, auf eine stramme Elite-Fixierung und erstaunlich säkulare Bildungsziele. So schritten kurz um 1800 v. Chr. alle angehenden babylonischen Schreiber über Nachahmung (Schreiben und Sprechen) vom Buchstaben zur Silbe, von dort zum Wort und von dem schließlich durch schwierigere Übungen zum Satz - ein Lernprinzip, das nach dem Fehlschlag der "Ganzheitsmethode" in den 1970er Jahren noch heute Gültigkeit hat.

Nach diesem Elementarunterricht stand das Erlernen von Gegenständen, Steinen, Pflanzen, Namen, Sternen, Nahrungsmitteln, Tieren auf dem Schulprogramm. Die Schüler mussten sie mit ihren Schilfgriffeln in die Tontafeln drücken - in Keilschönschrift. Die Listen waren auf Sumerisch abgefasst, das jedoch ab 2000 v. Chr. nicht mehr gesprochen wurde, so dass die Schüler zugleich ihre erste Fremdsprache erlernten - eine tote, wie in unserer Zeit Latein.

In Phase drei ging es um die Mehrdeutigkeit von Keilschriftzeichen, semantische Finessen wie Synonyme, höhere Mathematik und Mess- und Maßsysteme. In der vierten Stufe dieser Grundschule erlernten die Schreiber-Schüler den Umgang mit dem "Lebenselixier jedes Beamten" (Volk) - dem Formular. Damit war ein berufsqualifizierender Bildungsabschluss erreicht. Die meisten Absolventen gingen anschließend zu einem etablierten Schreiber - Prokurist oder Buchhalter - in einen Betrieb und verstärkten mit gesichertem Einkommen und weitgehend krisenfestem Arbeitsplatz das Heer der altorientalischen Beamtenschaft.

Wann dieser Ausbildungs-Punkt erreicht war, lässt sich aus den vorhandenen Texten nicht erkennen, es gibt seltsamerweise keinen Lehrvertrag für den Schreiberberuf. Sicher ist jedoch, dass in geringem Umfang auch Mädchen zu Schreibern ausgebildet wurden. Neben Landeskindern konnten zudem ausländische Kinder die Schreibschulen besuchen, was als Indiz gewertet wird, dass sich die altbaylonische Elite nicht nur aus sich selbst rekrutiert hat.

Der Schulbesuch wurde privat finanziert. Erst als durch eine Verwaltungsreform sprunghaft mehr Schreiber gebraucht wurden, richtete König Sulgi (2094-2047 v. Chr.) staatliche Schulen ein. König Sulgi war einer der wenigen Herrscher, die selbst lesen und schreiben konnten. Er lobt sich selbst als alles überragenden Schreiber. Schriftkundige gehörten zur staatlichen Elite.

Wer nun gar zur geistigen Elite zählen wollte, konnte über "Masterstudien" und "Habilitation" zu den höheren Weihen aufsteigen. "Persönliche und sachliche Voraussetzungen für diese Entscheidung und die Kriterien der weiteren Ausbildung sind nicht klar erkennbar", erklärt Volk. Die renommiertesten der weiterführenden "Akademien" - Edubba'a (Haus, in dem Tafeln ausgeteilt werden) genannt - befanden sich in Isin, Larsa, Nippur, Ur und Uruk.

Es gab offenbar einen heftigen Konkurrenzkampf um die Spitzenposition: Nippur betrachtete sich als das Harvard Altbabyloniens und schmähte in einem Brief die Ausbildung in Isin "als nicht gut" und die dortige Schule als "kein solides Edubba'a". Zweifel waren völlig unnötig: "Dass das Edubba'a in Nippur einzigartig ist, weißt du das etwa nicht?"

Das Ideal der "akademischen" Ausbildung war - neben einem breiten Wissensspektrum - die Fähigkeit der Absolventen, "die Welt mit offenen Augen zu verstehen und erklären zu können", so Volk. Dazu wurde den babylonischen Hochschülern einerseits ein ganzer Kanon von Normen und Werten eingetrichtert - etwa zuverlässig und maßvoll zu sein, Ehrgefühl und gute Esssitten zu haben und Konflikte lösen zu können. Wer derlei soziale Normen verinnerlicht hatte, konnte "vernünftig handeln" und war damit ein "wahrer Mensch". Solches "Menschsein" entspricht der lateinischen humanitas aufs Wort.

Andererseits disputierte die heranwachsende geistige Elite in sogenannten Schülerstreitgesprächen - welche in Wahrheit die Gedanken der Lehrmeister wiedergaben - über die Ursprünge der Welt und der Gesellschaft. Das Frappierende dabei: Dies geschah ohne religiöse Deutungsversuche. Vielmehr ging es um lebenspraktischen Fragen: Warum gibt es Sommer und Winter? Warum hat eine Hacke eine solch große Bedeutung?

Am meisten verblüfft Konrad Volk die Tatsache, dass die Bildung zum "Menschsein" und die Sinnfragen völlig rational-säkular aufgebaut sind. Die Welt des 2. Jahrtausends war keine weltliche Gesellschaft, aber der oft beschworene mythendumpfe Alte Orient sei ein Klischee: "In diesen - dem Palast nahestehenden - intellektuellen Kreisen hat man offenbar unabhängig von religiösen Vorstellungen gedacht", liest Volk aus seinen Texten.

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