Pisa : Risiko Schule

Pisa-Chef Manfred Prenzel dämpft die Erwartungen an die nächste Pisa-Studie: „Zahl der Leistungsschwachen wird nicht sinken“.

von
Konzentriert. Pisa-Chef Manfred Prenzel warnt vor „neuen Mauern“ in der Sekundarschule. Foto: dpa
Konzentriert. Pisa-Chef Manfred Prenzel warnt vor „neuen Mauern“ in der Sekundarschule. Foto: dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Die nächste Pisa-Studie, „Pisa 2012“, ist noch nicht einmal angelaufen, da dämpft der Leiter des deutschen Pisa-Tests, Manfred Prenzel, bereits Hoffnungen. Den Deutschen werde es auch diesmal nicht gelingen, die größte Problemzone ihrer Schule in den Griff zu bekommen, prognostizierte Prenzel jetzt in München, wo er bei der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) sprach: „Es wird bei 20 Prozent extrem leistungsschwacher Schüler bleiben.“

Der große Anteil von „Risikoschülern“, die so schlecht lesen und rechnen können, dass ein erfolgreicher Berufseinstieg unwahrscheinlich ist, war zwischen Pisa 2000 und Pisa 2009 zwar leicht zurückgegangen: von knapp 23 Prozent auf 18,5 Prozent. Doch die Schulreformen stimmen Prenzel nicht optimistisch: „Man muss frühzeitig dranbleiben an den leistungsschwachen Schülern.“

Die Gefahr, dass das gegliederte Schulsystem in Deutschland zur Auslese von Schwachen verführt, ihre Förderung aber vernachlässigt, hält Prenzel auch mit dem fast flächendeckenden Abschied der Länder von der Hauptschule nicht für gebannt. Innerhalb der Sekundarschulen würden die Schüler wiederum auf verschiedene Bildungsgänge aufgeteilt, es werde „wieder eine Mauer“ errichtet.

International gehört Deutschland gleichwohl neben Polen und Portugal zu den ganz wenigen Ländern, die sich bei den Schülerleistungen im Lesen, den Naturwissenschaften und in Mathematik deutlich nach vorne gearbeitet haben, sagte Prenzel. Welche Bundesländer an den Entwicklungen einen besonders hohen Anteil haben, wird sich in Zukunft allerdings nicht mehr wirklich klären lassen. Die deutsche Stichprobe für die internationale Pisa-Studie 2012 ist mit 12 500 Schülern zu klein, um Aussagen über einzelne Bundesländer zu treffen. Die Kultusminister haben aber schon vor drei Jahren beschlossen, die nationale Erweiterungsstudien von Pisa („Pisa-E“) abzuschaffen. Sie argumentierten damit, aussagekräftiger sei eine nationale Messlatte, die zu den deutschen Lehrplänen und Bildungsstandards „zu 100 Prozent passen sollte und nicht nur zu 70 Prozent“, wie Prenzel sagte.

Zwar haben die Kultusminister damals gelobt, der neue nationale Test werde auch in Zukunft erlauben, die Lesefähigkeit und die Mathekompetenzen der Schüler in Bayern oder Bremen neben Staaten wie Kanada oder Mexiko einzuordnen, schließlich gebe es nichts zu verheimlichen. Nun kommt es aber wohl doch so, dass die deutschen Länder sich nur noch untereinander, nicht aber mit der Welt vergleichen können. Er sei zwar „zuversichtlich“, dass sich „Ähnlichkeiten“ des nationalen Tests mit der internationalen Pisa-Skala ergeben würden. Die deutschen Länder wie früher weltweit einzuordnen werde aber nicht mehr möglich sein, sagte Prenzel und wirkte dabei durchaus skeptisch.

„Pisa macht die Schule zur Paukschule“, lautet eine verbreitete Kritik an der Studie. „Es geht aber nicht ums Reinproppen, sondern um Kompetenzen“, sagt hingegen Prenzel. Er hofft, dass dies zu Politikern und Lehrern durchdringt und seine Wirkung auf die Schule entfaltet. Von Studie zu Studie habe Pisa seinen Blick immer mehr über enges Schulwissen hinaus erweitert. In den Naturwissenschaften wird etwa das Verantwortungsbewusstsein der 15-Jährigen gegenüber der Umwelt getestet, die Schüler werden nach ihrer Motivation und ihrem Selbstkonzept gefragt. Dabei steht die Pisa-Forschung vor neuen Herausforderungen.

Wie lassen sich „Frustrationstoleranz“, „soziale Kompetenz“ oder „Kreativität“ messen – zumal mittels einer Studie, die den Schülern pro Aufgabe etwa zwei Minuten Zeit zur Bearbeitung lässt? Neuerdings wollen die Pisa-Forscher auch Computer im Pisa-Test einsetzen, doch auch hier gibt es methodische Probleme: Manche Schulen haben eine so veraltete Computerausstattung, dass die Schüler für die Bearbeitung einer Aufgabe schon deshalb länger brauchen würden.

6 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben