Pisa-Studie : Risiko Schüler

Vor der neuen Pisa-Studie für die Bundesländer: Die hohe Zahl leistungsschwacher Jugendlicher bleibt eine Herausforderung. Sind fünf Jahre für Reformen wirklich zu wenig?

Uwe Schlicht[Anja Kühne],Amory Burchrad
Schuelerinnen
Gefährdete Migranten. In deutschen Schulen scheitern zu viele. -Foto: ddp

Wenn am morgigen Dienstag der Pisa-Bundesländervergleich 2006 veröffentlicht wird, könnte es wieder schlechte Nachrichten geben. Jedenfalls deutet sich an, dass es nicht allen Ländern gelungen ist, den Anteil der leistungsschwächsten Schüler deutlich zu verringern. Selbst eine Verschlechterung scheint nicht ausgeschlossen. Denn die führenden Schulexperten aus dem Beraterkreis der Kultusminister und der Bundesbildungsministerin haben bereits Alarm geschlagen.

In einer 24-seitigen internen Analyse, die sie im Sommer an die Politiker geschickt haben, stellen die Wissenschaftler das Thema in den Mittelpunkt. So kritisieren sie "das Anwachsen der Risikogruppe in einer - auch nach den jüngsten Verbesserungen - nicht tolerablen Größenordnung" in der Oberschule gegenüber der Grundschule. In einem Teil der Länder werde es vielen Schülern nicht gelingen, die Regelstandards für den Hauptschulabschluss zu erreichen: "Besonders betroffen werden voraussichtlich die Stadtstaaten und die Länder Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sein", heißt es in dem Schreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt. Der wissenschaftliche Beirat wird von Jürgen Baumert, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, und von Heinz-Elmar Tenorth, Erziehungswissenschaftler an der Humboldt-Universität, geleitet.

Unterdessen berichtete der "Spiegel" am Wochenende, Thüringen und Sachsen lägen bei der neuen Pisa-Studie bundesweit in den Naturwissenschaften vorn. Zu den Aufsteigern gehöre auch Brandenburg.

Zur Risikogruppe rechnen die Pisa-Forscher solche Schülerinnen und Schüler, die Grundfähigkeiten im Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften nicht erreichen - also die Kompetenzstufe zwei bei Pisa verfehlen - und deshalb massive Schwierigkeiten haben dürften, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Dass in Deutschland die Risikogruppe groß ist, ist seit der ersten Pisa-Studie bekannt, die 2001 veröffentlicht wurde.

Bundesweit liegt der Anteil an Risikoschülern zurzeit im Lesen bei 20,1 Prozent, wie aus der bereits im vergangenen Jahr veröffentlichten internationalen Auswertung von Pisa 2006 hervorging. In den Naturwissenschaften erreichen 15,4 Prozent der Schüler nicht die zweite Kompetenzstufe, in Mathematik 19,9 Prozent.

In Deutschland ballen sich die Risikoschüler erwartungsgemäß an den Hauptschulen. In den jetzt von den Wissenschaftlern erwähnten Ländern erreichten bei Pisa 2003 zwischen 70 und 75 Prozent der Hauptschüler nicht die zweite Kompetenzstufe im Lesen. Groß sind die Risikogruppen laut Pisa 2003 auch an den Gesamtschulen: Zwischen 25 bis 30 Prozent verfehlen die zweite Kompetenzstufe. Das entspricht dem Gesamtanteil von Schülern, die in den genannten Ländern damals zur Risikogruppe gezählt wurden.

Warum könnte die Risikogruppe in manchen Ländern trotz Reformen sogar gewachsen sein? Schon die demografische Entwicklung in manchen Regionen stellt die Schulen vor immer größere Herausforderungen. So wächst der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund, von denen überproportional viele zur Risikogruppe gehören, stetig - etwa in Berlin.

Eine andere Frage ist, ob sich die Länder tatsächlich genug angestrengt haben. Schleswig-Holstein etwa verweist auf eine Reihe von Maßnahmen, mit denen besonders Kinder aus sozial schwierigem Umfeld gefördert werden sollen. 2003 eingeführt wurden Lernpläne für Schüler mit Problemen: Verträge zwischen Schülern, Eltern und Lehrern, in denen individuelle Lernziele beschrieben werden - und Maßnahmen, mit denen sie erreicht werden sollen.

Die Zahl der Förderstunden, die lernschwachen Schülern daraufhin gegeben wurden, ließen sich aber nicht beziffern, sagt Sven Runde, Sprecher des Bildungsministeriums. Eine "Qualitätsoffensive Hauptschule" startete erst 2007: Bis 2013 sollen 68 Millionen Euro fließen, um Hauptschüler in den 7. und 8. Klassen nach einer Stärken-Schwächen-Analyse gezielt zu fördern. Und die grundlegendste Schulreform in Schleswig-Holstein - die Einführung von Gemeinschafts- und Regionalschulen, in denen die Schüler individueller gefördert werden sollen, läuft gerade erst an. Deshalb erwartet Schleswig-Holstein auch nicht, dass sich die Fördermaßnahmen bereits bei Pisa 2006 positiv ausgewirkt haben, wie ein Sprecher sagt. Die GEW kritisiert, für die individuelle Förderung der Schüler fehlten Stellen, für Lehrer gebe es viel zu wenige Fortbildungen.

Ähnlich in Hessen: Die Zahl der Schüler, die in speziellen Deutschkursen gefördert wurden, hat sich nach Angaben des Kultusministeriums seit 1999 auf über 77 000 verdreifacht, es gibt viel mehr Ganztagsschulen als früher. Doch Hessen hat sein Ziel, den Anteil seiner Risikogruppe (27 Prozent) um ein Drittel zu verringern, vom Sommer dieses Jahres um zwei Jahre verschoben: "Bis die Fortbildungsmaßnahmen für Lehrkräfte greifen, die Schulen ein Leseförderkonzept erstellt haben und dieses umsetzen und bis dann belastbare Ergebnisse vorliegen, dauert es", sagt eine Sprecherin.

Schulreformen dauern - diese Begründung für nur geringe Verbesserungen Deutschlands bei Pisa ist nachvollziehbar. Doch die 15-Jährigen, die zuletzt bei Pisa 2006 getestet wurden, waren beim großen Pisa-Schock 2001 erst zehn Jahre alt. Innerhalb von fünf Jahren hätten aber sicher Sofortmaßnahmen für Risikoschüler ergriffen werden können - schon bevor die Ganztagsschulen wirken können oder die Sprachkurse für Vorschulkinder Früchte tragen. Dafür hätten die Länder aber viel Geld ausgeben müssen.

Barbara Dietz-Becker von der GEW in Hessen sagt, im Land seien gute Pilotprojekte angeschoben worden - etwa Sommercamps mit Zusatzunterricht. Diese erreichten aber nur einen sehr kleinen Teil: "Es ist entschieden zu wenig passiert."

Neben dem Hinweis auf die wachsende Zahl von Risikoschülern enthält die Analyse der Wissenschaftler für die Kultusminister noch einen anderen heiklen Anstoß. Angesichts der im Schnitt schwachen Ergebnisse von Gesamtschülern regen sie eine Diskussion über die "Gleichwertigkeit des mittleren Abschlusses" an. Damit werfen sie die brisante Frage auf: Welchen Aussagewert haben Übergangsberechtigungen für die gymnasiale Oberstufe, die Gesamtschulen erteilen?

Überrascht hatte die Pisa-Forschung bereits registriert, dass die Schüler von Gesamtschulen nicht etwa im Schnitt stärker als die Realschüler sind, sondern im Lesen ein Schuljahr hinter diesen liegen. Auch schnitten die Gesamtschulen weit schlechter ab als Schüler von Schulen, in den die Haupt- und Realschulen zusammengefasst sind (je nach Land Regional-, Sekundar-, oder Mittelschule genannt), an denen es anders als an den Gesamtschulen keine potenziellen Abiturienten gibt.

Diese Kritik an den Gesamtschulen muss nicht als Lob des dreigliedrigen Schulsystems zu verstehen sein. Die Pisa-Forscher haben auch schon gesagt, die Lehrer förderten die Schüler nicht individuell genug, weil sie davon ausgingen, im dreigliedrigen System bereits eine homogene Gruppe vorzufinden - ein Trugschluss, wie die massiven Überlappungen bei den Schülerleistungen in den verschiedenen Schulformen zeigten. So lesen im Bundesschnitt die 25 Prozent der stärksten Hauptschüler so gut wie 25 Prozent der schwächsten Gymnasiasten. In Berlin erreicht über die Hälfte der Schülerinnen und Schüler an den Real- und an den Gesamtschulen Kompetenzwerte, die auf dem gleichen Niveau liegen wie die der leistungsschwächeren 60 Prozent der Gymnasiasten. 75 Prozent der Berliner Hauptschüler können sich mit der leistungsschwächeren Hälfte der Jugendlichen an den Realschulen und den Integrierten Gesamtschulen messen.

In seinem internen Schreiben stellt der Beirat den Politikern schließlich eine Grundsatzfrage: Sie sollten sich überlegen, "ob die Länder und der Bund die gravierendsten Probleme als gesamtstaatliche Herausforderung und Aufgabe definieren oder als Zuständigkeit einzelner, besonders betroffener Länder?" Damit berühren die Wissenschaftler das Selbstverständnis der Länder, die sich schwertun, in nationaler Verantwortung zu handeln.

0 Kommentare

Neuester Kommentar