Placebo-Chirurgie : Operation zum Schein

Vor einem halben Jahrhundert fand ein Placebo-kontrollierter Versuch zur operativen Behandlung der Angina pectoris statt, jener oft schmerzhaften Brustenge, die von einer Mangeldurchblutung des Herzens wegen arteriosklerotisch verengter Gefäße verursacht wird. Damals kam, als Vorstufe der Bypass-Operation, folgendes Verfahren auf: Eine Schlagader, die am Herzen vorbei verlaufende Arteria mammaria interna, wurde bei geöffnetem Brustkorb abgebunden. Das dadurch gestaute Blut sollte durch sich neu bildende Gefäße in die Herzkranzgefäße und damit ins Herz umgeleitet werden. Die stärkere Durchblutung sollte die Anginapectoris-Beschwerden lindern. In der Tat berichteten die Patienten, es gehe ihnen besser. Aber einige medizinische Forscher zweifelten das Verfahren an.

1959 publizierten der Chirurg Leonard Cobb und Kollegen im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ die Ergebnisse ihres Doppelblindversuchs. Bei einem Teil der Angina- pectoris-Patienten wurde die Arterie tatsächlich unterbunden, bei einem anderen Teil nicht, mit sonst gleichem Vorgehen. Weder die Patienten noch die nachbehandelnden Ärzte und Schwestern wussten, wer die übliche und wer nur eine Schein-Operation mit Hautschnitt hinter sich hatte. Auch den Scheinoperierten ging es hinterher besser, bei einigen stieg sogar die körperliche Belastbarkeit.

Das Fazit der Chirurgen: Das Abschnüren der Schlagader hat keinen echten Effekt, der Nutzen ist rein psychologischer Natur. Mit anderen Worten, es handelte sich um Placebo-Chirurgie. R. St.

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