Plastische Chirurgie : Schritte nach vorn

Mit modernen Verfahren können Plastische Chirurgen Arme und Beine vor der Amputation bewahren.

Adelheid Müller-Lissner
Prothese
Wieder gehen. Nicht immer lässt sich eine Amputation nach einem Unfall oder einer Krankheit vermeiden.Foto: ddp

Die fast 3000 Ärzte aus 91 Ländern, die in der letzten Woche im Berliner BCC tagten, wollen nicht gern „Schönheitschirurgen“ genannt werden. Und das nicht nur, weil das keine geschützte Berufsbezeichnung ist, sie als Fachärzte für Plastische und Ästhetische Chirurgie aber eine sechsjährige Spezialausbildung hinter sich haben. Sondern auch, weil die Mitglieder der International Confederation of Plastic, Reconstructive and Aesthetic Surgery (Ipras) nicht von morgens bis abends Menschen „schön operieren“. Sie behandeln häufig Patienten, die in Lebensgefahr schweben.

„Heute können wir nach Unfällen oder der Entfernung von Tumoren oft helfen, Extremitäten zu retten, die früher amputiert worden wären“, berichtete Günter Germann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie. Um einen Unterschenkel zu erhalten, wird dann zum Beispiel der Knochen eines Spenders mit Knochenmaterial des Patienten gefüllt. Dieses körpereigene Gewebe wird anschließend in der Umhüllung aktiv und ersetzt nach und nach den Spenderknochen. Abstoßungsreaktionen werden dadurch verhindert, dass der Spenderknochen keine Gefäße mehr enthält.

„Wenn alles gut geht, kann man nach etwa sechs Wochen auf diesem Bein laufen“, sagte Germann. Auch wenn die Muskulatur des Unterschenkels nach einem Unfall zerstört sei, sei diese Lösung der Rekonstruktion besser als das Anpassen einer Prothese. Und bei Krebs vergrößere sich das Risiko einer Rückkehr der Erkrankung durch das organerhaltende Verfahren nicht, versicherte der Mediziner. „Wir wissen heute, dass die Amputation das Leben in diesen Fällen um keinen Tag verlängert.“

Auch bei Verbrennungen verbessern sich die Möglichkeiten zur Verwendung körpereigenen Gewebes dank Gewebezüchtung: Ist nicht genügend eigene Haut des Patienten vorhanden, die an die betroffene Stelle umgepflanzt werden könnte, dann können inzwischen Zellen der Oberhaut in einem mehrstufigen Verfahren im Labor gezüchtet, auf ein Trägermaterial aufgebracht und dem Brandopfer dann eingepflanzt werden.

In manchen Fällen ist aber weit mehr als nur Haut und Unterhaut zerstört. Etwa in den drei spektakulären Fällen, in denen inzwischen ein menschliches Gesicht transplantiert wurde. Man erinnert sich: Zuerst war eine solche Verpflanzung eines fremden Gesichts im Herbst 2005 im französischen Amiens geglückt, nachdem eine Frau durch einen Hundebiss ihre Lippen, ihr Kinn, Teile der Wangen und der Nase verloren hatte. Inzwischen gab es einen zweiten Fall in Frankreich, in dem ein Gesicht durch Tumoren extrem entstellt worden war. Ein dritter Eingriff wurde in China bei einem Mann gewagt, der von einem Bären angefallen worden war.

Vor allem die erste Operation in Frankreich war weltweit von den Kollegen der Operateure ausgesprochen kritisch kommentiert worden. Nicht die Operationstechnik ist das eigentliche Problem, sondern das Risiko, dass das neue Gesicht vom Immunsystem des Empfängers als fremd eingestuft, bekämpft und abgestoßen werden könnte.

Deshalb müssen die Empfänger auch dauerhaft Medikamente gegen die Abstoßungsreaktionen einnehmen. Die plastischen Chirurgen müssen im Team arbeiten und die Erkenntnisse anderer medizinischer Fachgebiete nutzen. So kann man versuchen, das Immunsystem auf das fremde Gewebe vorzubereiten.

Grundsätzlich komme eine Gesichtstransplantation aber nur in Frage, wenn komplexe Strukturen wie Nase und Mund gestört seien, sagte Marita Eisenmann-Klein, Generalsekretärin der Ipras vom Caritas-Krankenhaus in Regensburg. „Im Nachhinein sehen wir, dass die Eingriffe zu rechtfertigen waren“, bescheinigte sie den französischen Kollegen jedoch. Johannes Bruck, Plastischer Chirurg am Berliner Martin-Luther-Krankenhaus, ergänzte, die Transplantationen in Frankreich seien psychologisch sehr gut begleitet worden. „Dabei hat sich gezeigt, dass die Operierten das ‚neue Gesicht’ gut annehmen konnten, sobald sie dort wieder etwas empfinden konnten.“ Den Menschen, die eine neue Hand bekamen, sei es schwerer gefallen, diesen neuen Körperteil zu integrieren.

Bruck hob hervor, dass ästhetische und medizinische Zielsetzungen sich in der täglichen Arbeit in seinem Fach oft nicht trennen lassen. Zum Beispiel bei Menschen, die stark übergewichtig waren und in kurzer Zeit massiv an Gewicht verloren haben. Ein großer Erfolg, der oft jedoch durch extreme Hautfalten am ganzen Körper erkauft wird. „Mit Korrekturen der Körperkontur können wir dafür sorgen, dass sie für ihre große Disziplin nicht bestraft werden“, sagte Bruck. Oft wollen die Krankenkassen diese Operationen jedoch nicht bezahlen. „Wären die Betroffenen dick geblieben, hätte die Krankenkasse das wesentlich höhere Risiko von Folgekrankheiten getragen“, kommentierte Marita Eisenmann-Klein.

Auf dem Sektor der rein ästhetischen Eingriffe bei Gesunden wolle man sich von unseriösen Ärzten, den ‚Schönheitsfuzzis’, abgrenzen, sagte der Münchner Axel-Mario Feller, Präsident der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen. Mehrere Aufklärungsgespräche, bei denen ausführlich über Risiken und Chancen einer Fettabsaugung, Brustvergrößerung oder Nasenverschönerung gesprochen wird, seien nötig. „Ästhetische Operationen sind schließlich keine Friseurbesuche.“

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