Polarstation : Aufbruch ins ewige Eis

Klima im Visier: In der Antarktis wird eine neue deutsche Polarstation gebaut - der Stützpunkt wird Neumayer III heißen.

Paul Janositz
Eisberg
Empfindliche Welt. Das Eis der Antarktis bedeckt ein Gebiet von rund 30 Millionen Quadratkilometern. -Foto: dpa

Das Stahlgerüst blitzt in der Sonne, als wolle es für kommende kalte Tage Wärme tanken. Denn es ist Teil einer Forschungsstation, die für die Antarktis bestimmt ist. Am Fischereihafen von Bremerhaven ist jetzt die Konstruktion zu sehen, die im steifen Wind der Nordsee auf Standfestigkeit geprüft wurde. Ein paar Tage noch stehen Gerüst und Plattform auf dem Gelände der Anlagenbaufirma J.H. Kramer, dann werden 3500 Tonnen verladen und auf eine mehr als 15 000 Kilometer lange Reise geschickt.

Es geht um die Neumayer-Station III des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven. Sie soll in den nächsten zwei Jahren im 200 Meter dicken Ekström-Schelfeis am Rande der Antarktis verankert werden. „Die neue Station wird Deutschlands führende Stellung in der Polarforschung stärken“, sagte Forschungsministerin Annette Schavan jetzt in Bremerhaven. Ihr Ministerium hat den Bau mit 26 Millionen Euro gefördert.

Es ist der Ersatz für die bisherige Station Neumayer II, die seit 1992 im Ekström-Eis in Betrieb ist. Der Polarwind bläst dort mit bis zu 45 Meter pro Sekunde. „Die Schneedecke wächst jedes Jahr um rund einen Meter“ sagt Hartwig Gernandt, Leiter der Logistik beim AWI. Mittlerweile ist die Station 15 Meter tief im Schnee versunken. Nur die Treppentürme ragen noch heraus. Die Last des Schnees zerdrückt allmählich die beiden acht Meter dicken Stahlröhren, in denen sich Labore, Werkstätten, Wohnräume und Versorgungseinrichtungen befinden.

So wurde es Zeit, eine neue Station zu planen. Diesmal soll die Station länger halten. So kamen AWI-Experten und Anlagenbauer auf die Idee, der Bau solle sich jeweiligen Schneestand anpassen. Die Container, in denen sich neun Forscher im polaren Winter und bis zu 30 im Sommer aufhalten können, sind nun in einer ebenen Plattform untergebracht. Ebenso die Mess- und Versorgungseinrichtungen. Die zwei Stockwerke hohe Plattform steht auf 16 Stützen, in die eine hydraulische Hebevorrichtung eingebaut ist. Damit kann das ganze Bauwerk angehoben werden, um den Schneezuwachs auszugleichen. „Wir rechnen damit, dass die Station 25 bis 30 Jahre hält“, sagt Jörn Thiede, Direktor des AWI, das zur Helmholtz-Gemeinschaft gehört.

Derartig lange Zeiträume sind auch notwendig, um in der Polarforschung aussagekräftige Ergebnisse zu bekommen. Es geht vor allem um meteorologische Daten, ums Klima und dessen Veränderung. Im ewigen Eis der Pole liegen quasi die Archive, in denen das Klima und dafür relevante Parameter seit vielen Jahrtausenden registriert sind. Die Pole reagieren sensibel auf die Erderwärmung. Gletscher schmelzen rapide. In nicht einmal zehn Jahren ist eine Eisfläche fast so groß wie Westeuropa verschwunden. Der Lebensraum für Pinguine, Seevögel, Robben oder Eisbären ist bedroht. Das Ausmaß der drohenden Katastrophe zu erkennen, die Ursachen zu finden und Möglichkeiten zum Gegensteuern aufzuzeigen, das haben sich nicht nur die Bremerhavener Experten vorgenommen. Im Internationalen Polarjahr, das von 2007 bis 2009 geht, arbeiten tausende von Forschern aus rund 60 Nationen in mehr als 200 weltweit vernetzten Projekten.

So wird sich auch in Neumayer III eine internationale Truppe einfinden. Für das Zusammenleben wird wahrscheinlich weniger die Nationalität wichtig sein als vielmehr die Teamfähigkeit. Denn die Mitglieder müssen es in den neun Monaten des antarktischen Winters auf Gedeih und Verderb miteinander aushalten. „Es gibt dann keine Möglichkeit, zur Station zu kommen oder wegzugehen“, sagt AWI-Experte Eberhard Kuhberg.

Er muss es wissen, denn er war als Arzt insgesamt 15 Monate auf Neumayer II. Langweilig sei es ihm dank Hobbys wie Modellbau und Tischtennisspielen nie geworden, erzählt er. Es sei einmalig, eine so grandiose Natur hautnah zu erleben. Den Aufenthalt empfand er als angenehm und mit der neuen Station werde es noch komfortabler. Auf den zwei Geschossen der 68 Meter langen und 24 Meter breiten Plattform befinden sich 15 Zimmer mit insgesamt 40 Betten sowie zwölf Labor- und Büroräume. Auch ein Operationsraum ist vorhanden, der dank Telemedizin mit deutschen Kliniken verbunden werden kann.

Bei den wissenschaftlichen Untersuchungen dreht sich vieles um die Luft. Schließlich sind es vor allem Schadstoffe wie Ozon und Treibhausgase wie Kohlendioxid und Methan, die das Klima ruinieren. In der Station und an eineinhalb Kilometer entfernten Messpunkten wird die Zusammensetzung der Luft festgehalten. Auch der Anteil von Wasserdampf oder Nitrat sowie von Schwebeteilchen, den Aerosolen, ist interessant. „Die Daten werden mit den Ergebnissen anderer Stationen verglichen, um Aufschluss über den Austausch zwischen nördlicher und südlicher Hemisphäre zu erhalten“, sagt Chemiker Rolf Weller, der einen Messcontainer bei Neumayer III aufbauen wird.

Empfindliche Sensoren werden auch Erschütterungen des Bodens aufnehmen, denn die Polarstation ist eine der beiden deutschen Einrichtungen, die die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags überwachen. „Mit unseren Infraschallsensoren können wir kleinste Änderungen in den Druckwellen feststellen", erklärt Logistik-Chef Gernandt. Davon profitiere zudem die Erdbebenforschung.

Wissenschaftlichen Zwecken dienen auch Polarflugzeuge. Hier können sich die Forscher über ein neues Gerät freuen. „Polar 5“, eine Weiterentwicklung der als „Rosinenbomber“ bekannt gewordenen DC 3, hat größere Reichweite und höhere Nutzlast als die bisherigen Flugzeuge des Typs Dornier. Es kann 2900 Kilometer weit und 3800 Meter hoch fliegen. Das acht Millionen Euro teure Flugzeug steht zu Testzwecken ebenfalls gerade in Bremerhaven.

Ministerin Schavan, aus deren Budget Polar 5 finanziert wurde, winkt fröhlich aus dem Cockpit und bestaunt Schneekufen und lange Antenne. Sie werde die Station in der Antarktis besuchen, sagt sie. Und verspricht, bis 2017 insgesamt 700 Millionen Euro in Projekte der Polar- und Meeresforschung zu investieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben