Wissen : Politik als Kunst

Leonie Baumann ist neue Rektorin in Weißensee

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Baukunst. In Weißensee wird zur Amtseinführung der Rektorin auch das neue Malerei-Gebäude eingeweiht – finanziert mit Mitteln des Konjunkturprogramms. Foto: Heike Overberg/KHB
Baukunst. In Weißensee wird zur Amtseinführung der Rektorin auch das neue Malerei-Gebäude eingeweiht – finanziert mit Mitteln des...

Noch schwirrt ihr der Kopf, wenn sie E-Mails ihrer neuen Kollegen liest. Denn sie sind gespickt mit Kürzeln für interne Arbeitsabläufe, von denen Leonie Baumann zuvor noch nie gehört hat. Seit 1. April ist sie Rektorin der Kunsthochschule Weißensee (KHB). Und durch das Dickicht der Gremien und Studienordnung muss sich die Endfünfzigerin erst noch schlagen. Nicht, dass ihr komplexe Apparate fremd wären. Zwanzig Jahre lang war sie Geschäftsführerin der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK). Da hat man sowohl sehr viel mit Kunst als auch sehr viel mit Verwaltung zu tun. Die NGBK ist basisdemokratisch aufgebaut, die Mitglieder müssen zusammengehalten werden, Anträge und Abrechnungen für Fördergelder gehören zum Tagesgeschäft. „Ich bin strukturerfahren“, sagt Leonie Baumann.

Am heutigen Donnerstag übernimmt sie offiziell das Amt ihres Vorgängers Gerhard Strehl, der die Schule sieben Jahre lang geleitet hat und als Professor für Design lehrte. Es ist üblich, dass die Leiter aus den eigenen Reihen kommen. Mit Leonie Baumann als Externer ändert sich diese Tradition nun. Für sie selbst, die nach neuen Herausforderungen suchte, schließt sich mit der Berufung ein Kreis: Die neue Rektorin hat Pädagogik studiert, in Osnabrück baute sie eine Koordinationsstelle zwischen der Stadt und Universität auf, immer wieder hat sie Lehraufträge, etwa an der UdK, wo sie ihr Wissen über das Kuratieren weitergibt.

Die NGBK an der Oranienstraße in Kreuzberg hat sich einen Namen mit politischen Ausstellungen gemacht, mit Künstlern, die in die Zukunft denken und sich gesellschaftlich positionieren, Lösungen erproben. Es gab in letzter Zeit Schauen zur Friedensarbeit in Krisenregionen oder Mega-Cities, 2009 arbeitete man mit Inhaftierten zusammen. Kunst dürfe nicht nur Ausstellungsobjekt sein, ist eines von Leonie Baumanns Maximen.

In Weißensee trifft sie damit auf fruchtbaren Boden. 1946 wurde die Hochschule nach dem Vorbild des Bauhauses gegründet, als „Kunstschule des Nordens“. Heute noch liegt ein Schwerpunkt neben der freien Kunst auf angewandten Fächern wie Bühnen- und Kostümbild, Mode-Design oder Visuelle Kommunikation. Es gehört zum Selbstverständnis der Ausbildungsstätte mit ihren 850 Studenten und etwa 30 Professoren, dass Kunst und Design Einfluss auf soziale Umstände nehmen.

In der verunglückten Debatte um die vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit initiierte Leistungsschau Berliner Künstler, die inzwischen zu „Based in Berlin“ umgetauft wurde, werden sich Baumann und ihre Studenten positionieren: So soll in einer ehemaligen Kaufhalle am Hamburger Platz, der „Kunsthalle“ unweit der Schule, eine Ausstellung zur sozialen und wirtschaftlichen Lage von Künstlern stattfinden.

Mit weiter reichenden Plänen hält sich die 1954 in Bad Salzuflen geborene Baumann jedoch bisher zurück. Das liegt nicht daran, dass sie keinen Gestaltungswillen hat. „Ich habe tausend Ideen, ungelogen“, sagt sie. Und einen Ordner, in dem sie alles sammelt. Er wächst. Aber sie sei eine Diplomatin, sagt Baumann. Und deshalb wolle sie erst einmal ein Gefühl für den Betrieb entwickeln, bevor sie die verschiedenen Interessensgemeinschaften eines komplexen Apparats wie dem einer Hochschule von vornherein verprellt. Gremienarbeit kennt Leonie Baumann nicht nur als NGBK-Geschäftsführerin, sie saß zudem im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine. Außerdem war sie Jurorin für Kunst-am-Bau-Vorhaben und ist Sprecherin im Berliner Rat für die Künste.

Als Rektorin glaubt sie noch größere Freiräume zu haben als in der NGBK. Über Jahre hat sie Kontakte in der Kunstwelt geknüpft, die nun den Studenten zugute kommen könnten. Ausstellungsbeteiligungen und interdisziplinäre Kooperationen sind Leonie Baumann wichtig. So viel kann sie dann doch schon verraten: Zusammen mit dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und der Internationalen Gesellschaft der bildenden Künste (IGBK) soll es im Herbst in Weißensee ein Symposium über Mobilität von Künstlern geben. Immer mehr arbeiten immer internationaler, an verschiedenen Orten gleichzeitig auf der Welt.

Der Nachwuchs strömt zurzeit jedoch vor allem nach Berlin und auch an die Kunsthochschule. Sie treffen dabei auf einen „tollen Ort“, findet Leonie Baumann. Denn er passt zu ihrem Kunstverständnis: „Die Schule steht mitten in der Gesellschaft“, schwärmt sie, zwischen Wohnsiedlungen und Schrebergärten. Anna Pataczek

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