POSITION : Aus Pisa klüger werden

Streit über die Interpretation von Bildungsstudien schadet nicht – im Gegenteil

Sybille Volkholz

Der Streit unter Bildungsforschern scheint derzeit zu eskalieren. Die Grundschulstudie „Element“ war in der Öffentlichkeit höchst unterschiedlich kommentiert worden, zwischen den internationalen und nationalen Pisa-Forschern gibt es kontroverse Interpretationen der Ergebnisse. Klaus Klemm hat in der „Zeit“ vor einem solchen Streit gewarnt, selbst aber wieder dazu beigetragen. Im Tagesspiegel vom 3. Juni waren die Positionen sehr gut zusammengefasst.

Was ist Kern der Debatte? Es gibt offensichtlich unterschiedliche Befunde zu bestimmten Problemstellungen im deutschen Bildungssystem. Es gibt die Befürchtung, dass unterschiedliche Interpretationen der gleichen Studien dazu beitragen, dass diese entwertet werden und Politiker sich als Auftraggeber verabschieden könnten oder auch bei ihren Entscheidungen nicht mehr auf diese Studien zurückgreifen könnten. Schließlich heißt es, die kontroverse Debatte schade dem Ansehen der Wissenschaft – auch bei den pädagogischen Akteuren.

Zugegeben: Es wäre schön, wenn es über Schülerleistungen und die Leistungen deutscher Schulen eindeutige Befunde gäbe, die nur eine Interpretation zuließen und dann am besten auch nur eine politische Schlussfolgerung und einen politischen Maßnahmenkatalog zuließen. So aber agieren pluralistische, demokratische Gesellschaften nicht.

Von Juristen sind wir gewohnt, dass es zu einem Sachverhalt drei juristische Positionen geben kann. Trotzdem werden Juristen immer wieder um Rat gefragt und auch die Politik lässt sich weiterhin Rechtsgutachten erstellen. Zur wirtschaftlichen Situation in Deutschland gibt es unter Ökonomen höchst unterschiedliche Analysen und noch unterschiedlichere Rezepte oder Empfehlungen.

Warum sollte es in der Bildungsforschung anders sein? Die Erziehungswissenschaften waren in der Vergangenheit mehrheitlich geisteswissenschaftlich orientiert. Dass es unterschiedliche Schulen und Theorien gab, war selbstverständlich. Die bildungspolitische Debatte war eher überzeugungs- als faktenbasiert.

Seit Mitte der 90er Jahre drehte sich dieses Blatt mit der empirischen Wende. Die Studien Timss und Pisa bestimmen seitdem die Schuldebatten. Sie wurden zum alleinigen Referenzpunkt der jeweiligen pädagogischen Position und der bildungspolitischen Maßnahmen.

Es geht hier nicht darum, die Studien zu entwerten. Es ist aber notwendig, ihren Stellenwert auf einen angemessenen Level einzupendeln. Die Studien liefern Befunde über begrenzte Fragestellungen. Ob die Daten mit angemessenen Methoden erhoben und ausgewertet werden, kann und muss Gegenstand des wissenschaftlichen Streites sein. Befunde liefern in der Regel aber nur wenige Aussagen über kausale Zusammenhänge zwischen einzelnen Faktoren oder Teilbereichen. Aber auch Aussagen von Wissenschaftlern sind häufig der eigenen Interessenlage geschuldet.

Schon gar nicht liefern Befunde gleich die Therapie für politische Maßnahmen mit. Sie können bestimmte Handlungen nahelegen. Aber sie sind nicht eindimensional ableitbar. Insofern kommen Politiker auch nicht daran vorbei, neben dem Bezug auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die eigenen Annahmen und Wertsetzungen wie auch die politischen Intentionen deutlich zu machen.

Ein Streit in der Öffentlichkeit über unterschiedliche Interpretationen von empirischen Studien muss diesen nicht schaden. Sie kann die Öffentlichkeit auch klüger werden lassen. Die bildungspolitische Debatte hat seit Mitte der 90er Jahre deutlich an Gewicht, an medialer Rezeption, aber auch an Niveau gewonnen. Dazu könnte auch ein kluger Diskurs weiter beitragen.

Die Autorin leitet das Bürgernetzwerk Bildung des VBKI. Vorher war sie für die Heinrich-Böll-Stiftung tätig und als Grünen-Politikerin Berliner Schulsenatorin.

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