Position : Bologna ist keine Einheitssoße

Europas Länder sollten die Chancen des Bachelors nutzen, meint François Biltgen.

François Biltgen
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Foto: Becker & Bredel

Bologna ist in weiten Teilen der Hochschullandschaft Europas zum Unwort des letzten Jahrzehnts geworden. Dabei unterstellt man dem Bologna-Prozess so manches, was in demselben überhaupt nicht vorgesehen ist. Interessanterweise sind die Vorwürfe von Land zu Land verschieden. Richtig ist, dass Bologna ein kopernikanisches Umdenken der Hochschulen erfordert, und richtig ist auch, dass Bologna in den meisten Ländern zu Überregulierung geführt hat, die es abzubauen gehört. Ein Reformprozess benötigt halt mehr als nur eine Etappe der Umstellung.

Nicht jedes Land hat wie Luxemburg die „Gnade der späten Gründung seiner Universität“. Wohl hatte im Jahr 1348 ein Luxemburger, Kaiser Karl IV., die erste deutschsprachige Universität in Europa gegründet, dies allerdings in Prag und nicht in Luxemburg. So wurde die erste Universität erst 2003 in Luxemburg gegründet. Bis dahin studierten die Luxemburger alle im Ausland und brachten durch diese Mobilität dem Land viele neue Ideen und vor allem eine offene Geisteshaltung mit. Nicht zuletzt durch diese mittels Beihilfe und Darlehen staatlich geförderte Mobilität ist Luxemburg auch vor der Entfaltung des Bankplatzes wirtschaftlich wohlhabend und politisch einflussreich geworden. Deshalb bleibt die Mobilität auch in Zukunft ein Grundprinzip der Hochschulgesetzgebung. Jeder Bachelorstudent muss zumindest ein Semester an einer ausländischen Universität nachweisen.

Natürlich ist die Umsetzung des Prozesses bei historisch gewachsenen Hochschulstrukturen nicht einfach. Einige der Reformen hätten auch ohne den Bologna-Prozess durchgeführt werden müssen. Deshalb haben die Kritiken oft weniger mit „Bologna“ selbst zu tun als mit nationalen Hochschuldebatten. Publikumswirksam ist es aber, den Bologna-Prozess für alles vermeintlich Schlechte verantwortlich zu machen.

Bologna ist ein informeller Prozess. Es gibt keinen einzigen Vertrag, sondern allein informelle Kommuniqués. Trotz dieser rechtlichen Unverbindlichkeit haben alle Länder den Prozess umgesetzt, mit verschiedenen Ausrichtungen.

Das „Fleisch“ in der Bolognasoße ist die Mobilität der Studierenden, aber auch der Lehrenden und Forschenden. Dies bedingt hochwertige und vergleichbare Abschlüsse. Dazu gehören eine externe Qualitätskontrolle, eine größere Autonomie, aber auch Zusammenarbeit der Universitäten und bessere Übergänge in den Arbeitsmarkt. „Bologna“ ist auch eine Antwort auf die Herausforderung des postindustriellen Zeitalters. Früher waren Hochschulabsolventen zahlenmäßig kleine Eliten. Morgen wird der Arbeitsmarkt bis zur Hälfte Hochschulabsolventen brauchen, nicht nur im Vollzeitstudium für Gymnasialabsolventen, sondern auch im Nebenstudium für schaffende Menschen. Bei der Umsetzung des Prozesses wird oft diese „soziale Dimension“ des Prozesses vergessen. Eine Voraussetzung ist es, jedermann, gleich welcher sozialen Herkunft, den Zugang zu Hochschulstudien zu ermöglichen. Früher ging es darum, sich Wissen anzueignen. In der heutigen „Wissensgesellschaft“ ist das Wissen immer mehr frei verfügbar. Wichtig ist nunmehr die Wissensverarbeitung und der Erwerb von horizontalen Fähigkeiten.

Bologna heißt „Verschulung“, sagt man. Falsch! Denn nicht mehr die Vorlesung des Hochschulprofessors soll im Mittelpunkt stehen, sondern die Arbeit des Studenten, der begleitet werden soll. Der Prozess schreibt keine Überregulierung der Studien vor!

Mit einem Bachelor sei man nicht fit für den Arbeitsmarkt, wird moniert. Die Arbeitgeber in Europa und auch in Deutschland sehen das anders. Im Regelfall soll der Bachelor nicht auf einen Beruf, sondern auf den Arbeitsmarkt vorbereiten.

Drei Jahre für einen Bachelorabschluss sind zu kurz, hört man. Doch „Bologna“ schreibt überhaupt nicht vor, dass ein Bachelor nur drei Jahre dauern darf.

„Bologna“ stelle das humboldtsche Prinzip der Vernetzung von Forschung und Lehre infrage, sagt man. Genau das Gegenteil ist der Fall! Sowohl schon der Bachelor wie auch der Master zielen wesentlich auf Forschung.

Schwerpunkt des Bologna-Prozesses bleibt die Vielfalt in der Einheit. Bologna ist keine Einheitstunke. Die Soße soll wohl in jedem Land nach demselben Rezept gekocht werden. Schmecken muss sie aber immer anders. Deshalb sollten wir sie nicht mit rein innenpolitischen Debatten „versalzen“.

Der Autor ist seit 2004 u. a. Luxemburgs Wissenschaftsminister

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