POSITION : Die Unis sind selbst schuld

Gekaufte Titel: Die Hochschulen lenken von eigenen Versäumnissen ab

Volker Meyer-Guckel
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Foto: promo

Endlich ist die Wissenschaft in den Medien da, wo sie immer hinwollte. Auf den Titelblättern und in der Tagesschau. Doch die Professoren und Rektoren stellen erschrocken fest, dass nicht sie die Themenauswahl bestimmen. Statt über Forschungsresultate und Exzellenz wird viel lieber über „gekaufte Professoren“ berichtet, über kreative Buchführung in DFG-Forschungsprojekten oder über eine vermeintlich verkorkste Bologna-Reform.

Zweierlei fällt dabei auf. Erstens: In dem Maße, in dem die Innovationspolitik die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik als Chiffre sozialen Wohlstandsversprechens abgelöst hat, wächst auch das Interesse der Öffentlichkeit an Strukturen und Ergebnissen des deutschen Wissenschaftssystems. Das ist gut so. Dass dabei eher über Dysfunktionalitäten als über Erfolge berichtet wird, folgt den üblichen Mediengesetzen und unterscheidet die Berichterstattung nicht von derjenigen über Politik oder Wirtschaft.

Zweitens: Die Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Lobbyverbände haben noch keine adäquate Antwort auf das neue öffentliche Interesse und die Notwendigkeit gesteigerter Transparenz gefunden. Der auch nun wieder sichtbare Reflex „Schuld sind die anderen“ (schlimme Doktoranden oder Ökonomisierungsdruck im Fall „gekaufter Doktortitel“, uneinsichtige Funktionärspolitik im Bologna-Prozess) lenkt von eigenen Schwächen, blinden Flecken und Versäumnissen ab, die es aufzuarbeiten und zu beseitigen gilt. Hochschulen und Forschungsinstitute müssen endlich Instrumente einer Qualitätssicherung entwickeln, mit denen individuellem Fehlverhalten institutionell begegnet werden kann. Einzelne Beispiele für gelungenes Qualitäts- und Krisenmanagement oder institutionell verbindliche Maßstäbe einer erstklassigen Doktoranden- und Studierendenbetreuung gibt es längst, auf die flächendeckende Implementierung muss man noch warten.

Im aktuellen Fall verwundert es ein wenig, wenn beispielsweise die Hochschulrektorenkonferenz nun apodiktisch verkündet, dass „das Promotionsverfahren in den Promotionsordnungen der Fakultäten so geregelt ist, dass in allen Phasen die Qualität gewährleistet ist“ und einzelne Verstöße dagegen Angelegenheit des Staatsanwaltes seien. Das mag formal stimmen, in der Praxis sieht es jedoch so aus, dass Deutschland eines der ganz wenigen Länder in der EU ist, in der sich die Zahl der derzeitigen Doktoranden statistisch gar nicht erheben lässt. Ein Versuch in dieser Hinsicht ist jüngst daran gescheitert, dass die einzelnen Hochschulen diese Zahlen nicht haben. Das spricht nicht eben für überaus transparente Zulassungs- und Betreuungsverfahren. Auch deshalb haben sich nun einige Universitäten innerhalb der Initiative „Uniwind“ zusammengeschlossen, um für die Doktorandenausbildung verbindliche, an internationalen Maßstäben orientierte Kriterien zu implementieren. Dazu gehören hochschulweit gültige und für alle transparente Bewerbungs- und Auswahlverfahren für Doktoranden, schriftliche Promotionsvereinbarungen, eine ständige Begleitung durch ein Betreuerteam und Mentoren, regelmäßige und verbindliche Rückkoppelungsgespräche, eine Vernetzung der Doktoranden und fächerübergreifende Zusatzangebote zur Weiterqualifizierung und Karriereentwicklung des Nachwuchses. Diese Standards in der Postgraduiertenphase sind in Deutschlands Hochschulen noch keinesfalls überall gültig. Sie sollten es aber sein.

Kriminelle Machenschaften sind in der Tat Sache der Justiz. Aber man kann einzelnen schwarzen Schafen ihr Treiben mehr oder weniger schwer machen. Hier sind alle gefordert: die peer group innerhalb der Professorenschaft, aber auch die Institution Hochschule. Gerade für autonome Wissenschaftseinrichtungen gilt: Die eigene Qualitätssicherung und die Transparenz gegenüber den Stakeholdern (Steuerzahlern, Studierenden, Doktoranden etc.) gehören in Zukunft neben Forschung und Lehre zu ihren ganz zentralen Aufgaben.

Der Autor ist Programmchef und stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft.

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