Position : Eine Aids-Verschwörung der Stasi gab es nicht

Die Behauptung, das Virus sei eine US-Biowaffe, geht auf den KGB zurück. Die Staatssicherheit hat damit weniger zu tun, als einzelne Offiziere nach der Wende glauben machen wollten, argumentiert unser Autor - und kritisiert eine aktuelle Studie der Stasi-Unterlagenbehörde.

Erhard Geißler
Erhard Geißler, Genetiker.
Erhard Geißler, Genetiker.Foto: MDC/David Ausserhofer

Vor 30 Jahren begann der sowjetische Geheimdienst KGB eine Verleumdungskampagne. Die USA würden in Fort Detrick neuartige Biowaffen entwickeln und hätten dabei den Aids-Erreger, das Virus HIV, in die Welt gesetzt. Der „Aids-aus-Fort-Detrick-Mythos“ war geboren. Der fantasiebegabte Ostberliner Biologieprofessor Jakob Segal griff den Mythos im gleichen Jahr auf, entwickelte ihn weiter und ging ein Jahr später damit an die Öffentlichkeit – gegen den Rat von Experten.

Die Stasi hat dem Forscher nicht die Feder geführt

Segals Thesen wurden erstmals Anfang September 1986 in Harare am Rande eines Gipfeltreffens der Blockfreien Staaten veröffentlicht. Nach der friedlichen Revolution behaupteten zwei ehemalige Stasi-Offiziere, Segals Thesen seien von der für „aktive Maßnahmen“ zuständigen Abteilung der Hauptverwaltung Aufklärung des MfS, der HV A/X, gemeinsam mit dem KGB kreiert und publiziert worden. Aber das entsprach nicht der Wahrheit. Weder hat die Stasi Segal die Feder geführt noch seine brisanten Behauptungen verbreitet.

Überraschenderweise will man in der Stasiunterlagenbehörde aber inzwischen zu anderen Erkenntnissen gekommen sein. Die veröffentlichte kürzlich eine Broschüre über „Die Aids-Verschwörung“ (Der Tagesspiegel berichtete). Die beiden Autoren hatten bei ihren Untersuchungen über die Kooperation der östlichen Geheimdienste während des Kalten Krieges in Sofia bisher unbekannte Dokumente über die Zusammenarbeit der Geheimdienste entdeckt. Einige von ihnen bezogen sich auch auf die Aids-Desinformationskampagne. Aus ihnen geht zweifelsfrei hervor, dass diese zunächst vom KGB angeschoben worden war und dass sich die Partnerdienste daran beteiligen sollten.

Gemeinsam mit dem bulgarischen Geheimdienst sollten die Behauptungen verbreitet werden

Allerdings enthüllen die neu entdeckten Dokumente zudem, dass einige Offiziere der HV A/X tatsächlich versuchen wollten, gemeinsam mit ihren bulgarischen Genossen die segalschen Behauptungen weiterzuverbreiten, um auf diese Weise „antiimperialistische Vorbehalte in der Welt“ zu verstärken, nachdem sie 1986 auf bizarrem Umweg vom Aids-Mythos erfahren hatten. Die Veröffentlichung von Segals Behauptungen in Harare hatte nämlich die US-Regierung hellhörig gemacht. Die beauftragte ihre Botschaft in Ostberlin, die Segals zu kontaktieren und das Manuskript zu beschaffen.

Durch Überwachung des Telefonverkehrs der Diplomaten erfuhr das MfS davon und damit die HV A/X. Die versuchten daraufhin, ihre bulgarischen Genossen für Aktionen zu gewinnen. Angeblich schafften sie es sogar, die Anfang 1989 in der BRD und in England ausgestrahlte Fernsehdokumentation „Die Aids-Legende“ zu initiieren und teilzufinanzieren – aber das ist kaum glaubhaft.

Segals Meinung war "nicht die offizielle DDR-Position"

Jedenfalls wurde schon Ende 1986 in der Stasizentrale zur Kenntnis genommen und intern verbreitet, dass Segals Behauptungen von den Fachkollegen als unwissenschaftlich und nicht belegbar gewertet wurden. Nicht zuletzt aus diesem Grund machte die Berliner Bezirksbehörde der Stasi im März 1987 darauf aufmerksam, Segals Aktivitäten seien „als politisch schädlich einzuschätzen“. Zur gleichen Ansicht kam man in Moskau, insbesondere auch deshalb, weil die USA sich über die Desinformationskampagne des KGB beschwert und mit dem Abbruch der Zusammenarbeit bei der Aids-Bekämpfung und auf dem Abrüstungsgebiet gedroht hatte. Der KGB stellte seine Kampagne daraufhin ein.

Abbruch der Zusammenarbeit wurde Ende 1987 von der US-Regierung auch der DDR-Regierung angekündigt, weil Segal nicht aufhörte, den Mythos zu verbreiten. Daraufhin stimmten sich die Abteilung Gesundheitspolitik des ZK der SED mit dem Gesundheitsministerium und dem Ministerium für auswärtige Angelegenheiten dahingehend ab: Segals Meinung „ist nicht die offizielle DDR-Position“. Das wurde nicht nur förmlich und wiederholt (als Segal keine Ruhe gab) der US-Regierung mitgeteilt, sondern auch im Abstimmungsverhalten in den Vereinten Nationen zum Ausdruck gebracht.

Es gab also keine „Aids-Verschwörung des MfS“, sondern ein paar unbotmäßige Stasi-Offiziere, die letztlich republikfeindlich handelten und die Aids-Politik ihrer Regierung in Gefahr brachten.

Der Autor ist emeritierter Genetiker und Bioethiker am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch. Zu Beginn der Aids-Epidemie war er Abteilungsleiter am Zentralinstitut für Molekularbiologie in Buch.

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