Position : Eine Welt ohne Zervixkarzinom

Wir haben es in der Hand, eine Krankheit auszurotten, die weltweit jährlich 250.000 Frauen tötet - Zeit zum Handeln.

Tina Reisenbichler

Frauen leiten die Regierungen von Deutschland und Irland und machen mehr als 35 Prozent der Parlamentsmitglieder in Spanien, den Niederlanden, Dänemark, Finnland und Schweden aus. Deshalb hat Europa den wohlverdienten Ruf, Frauen Macht zu geben. Nur auf einem Gebiet läuft der Kontinent Gefahr, Frauen zu verraten. Der Gebärmutterhalskrebs, das Zervixkarzinom, eine verhütbare Krankheit, tötet jedes Jahr 25 000 Europäerinnen, und in Entwicklungsländern sind es noch mehr.

Vielleicht wissen Sie bereits, dass Zervixkarzinom oft durch das Humane Papillomavirus (oder HPV) hervorgerufen wird und weltweit jährlich 250 000 Frauen tötet. Vielleicht wissen Sie aber nicht, dass neue Impfstoffe und hoch präzise Tests, die in den letzten Jahren entwickelt wurden, die Macht haben, die Welt von dieser Krankheit zum großen Teil zu befreien. Der erste HPV-Impfstoff wurde 2006 zugelassen, und die Forschung lässt vermuten, dass es Frauen vor zwei der häufigsten Typen von hoch risikobehaftetem HPV schützen kann, die 70 Prozent der Zervixkarzinome verursachen.

Die vielversprechenden Impfstoffe sind jetzt in Europa weitgehend erhältlich, und sie sind Bestandteil fast aller nationaler Gesundheitsprogramme, entweder mit vollständiger oder teilweiser Rückerstattung der Kosten durch die Krankenkassen. Während dies ein wichtiger Schritt ist, haben viele junge Frauen insbesondere in Osteuropa jedoch weiterhin keinen Zugang zu ihnen.

Zusätzlich zur Impfung ist bei gefährdeten Frauen eine Früherkennung von grundlegender Bedeutung. Die Impfung wird bei vielen Frauen über 30 wenig nützen, weil eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie bereits den Hochrisiko-Virustypen ausgesetzt waren. Außerdem ist die Zervixkarzinom-Früherkennung auch bei geimpften Frauen erforderlich, um sie vor durch die elf Hochrisiko-Typen von HPV verursachten Erkrankungen zu schützen, die durch den Impfstoff nicht abgedeckt werden. Einige Experten warnen: wenn Frauen nicht mehr untersucht werden, könnten die Zervixkarzinom-Raten ansteigen, und das trotz des Impfstoffes.

Leider haben die meisten Frauen in Europa keinen Zugang zu den besten Methoden der Früherkennung. In den vergangenen 60 Jahren war der wichtigste Test der Pap-Test, bei dem Labortechniker eine Probe von Zervixzellen unter einem Mikroskop betrachten und klassifizieren. Obgleich dieser Test schon viele Leben gerettet hat, verfügt er bei der Identifizierung von Frauen mit schwerer Zervixerkrankung nur über eine Genauigkeit von rund 50 Prozent.

Kürzlich haben Forscher jedoch einen Test entwickelt, der das Vorhandensein von HPV-Hochrisiko-Typen sofort erkennen kann. Wodurch sichergestellt wird, dass jede Frau, bei der ein Risiko besteht, auch identifiziert wird. Gemeinsam mit oder ohne Pap-Test erhöht der HPV-DNS-Test die Genauigkeit des Screenings auf fast 100 Prozent.

Routinemäßige HPV-Tests für Frauen im Alter von 25 bis 30 Jahren, die am häufigsten ein Zervixkarzinom bekommen, sind jedoch für Frauen in Europa immer noch nicht verfügbar, insbesondere nicht für diejenigen, die keinen privaten Versicherungsschutz haben.

Die Unzugänglichkeit dieser lebensrettenden Tests ist für einen Kontinent, der eine so reiche Tradition des Schutzes von Frauenrechten und Frauengesundheit hat, eigentlich eine Schande. Regierungen und Nichtregierungsorganisationen müssen zusammen arbeiten, um den Zugang zu HPV-Impfstoffen und Tests verfügbar zu machen.

Die meisten europäischen Länder bieten zumindest einen teilweisen Zugang zu den HPV-Impfstoffen, und einige, wie die Niederlande, haben begonnen Schritte zu unternehmen, um HPV-Tests in ihre Programme zur Krebsvorsorge aufzunehmen. Die übrigen europäischen Länder müssen diesem Beispiel folgen.

Inzwischen können wir sogar noch mehr Leben retten, indem wir den Zugang zu Impfstoffen und Screening auf Entwicklungsländer erweitern. Mehr als 80 Prozent der Fälle von Zervixkarzinom treten bei Frauen in armen Ländern auf, und Zervixkarzinom ist die häufigste der mit Krebs verbundenen Todesfälle von Frauen in diesen Ländern.

Zum Glück tut sich etwas. Gemeinsam mit der Nichtregierungsorganisation Path und mit teilweiser Finanzierung von der Bill- und Melinda-Gates-Stiftung entwickelt das deutsche Unternehmen Qiagen einen HPV-Test für Entwicklungsländer. Der preisgünstige Test erfordert weder Elektrizität noch sauberes Wasser, und seine Durchführung wird wenig Schulung möglich sein.

Wir haben eine moralische Verpflichtung, diese Impfstoffe und Tests den Frauen verfügbar zu machen, die sie am meisten benötigen – in Europa und den Entwicklungsländern.

Tina Reisenbichler ist Präsidentin des European Women's Management Development International Network, einer Gruppe, die sich für die Chancengleichheit von Frauen in Beruf und Karriere einsetzt.

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