POSITION : Exzellenzinitiative: Aus Fehlern lernen

Mehr Transparenz, mehr Lehre: Der Elitewettbewerb muss in der zweiten Runde verbessert werden. Denn bisher wurde die Legitimität des Wettbewerbs immer wieder infrage gestellt.

Dieter Lenzen

Für alle wissenschaftlichen „Exzellenzen“ und für die Experten wird es diese Woche spannend: Politik und Wissenschaftsorganisationen legen die Bedingungen des nächsten Exzellenzwettbewerbs fest. Rechtzeitig erschien also das Buch der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zu den Bedingungen und Folgen der ersten Runde.

Viel Richtiges steht darin. Einerseits der Hinweis auf die hohe Mobilisierungswirkung des Wettbewerbs, andererseits auf die Überspezialisierung mancher Bereiche oder auf die Vernachlässigung von grundständiger Lehre durch Professoren, die in Exzellenzbereichen engagiert sind. Erwähnt wird auch die Notwendigkeit der Schaffung von neuen administrativen Strukturen, die in Gegensatz zu den althergebrachten geraten können.

Diese Liste wäre zu ergänzen um Erfahrungen aus dem Umgang mit Spitzenwissenschaftlern und denen, die eher in der Breite wirken müssen. Genie und Überheblichkeit sind dabei manchmal dicht beieinander, ebenso wie Redlichkeit und Depression. Letztere resultiert bisweilen aus der Erfahrung der Geringschätzung bei denjenigen, die den ganzen Normalbetrieb schultern müssen, nachdem der ein oder andere Kollege sich in Cluster und Graduiertenschulen verabschiedet hat. Und das heißt: Mehrarbeit, vollere Lehrveranstaltungen, Stress wegen Bologna sowie der Kritik an dieser Reform – und Prüfungen, Prüfungen, Prüfungen.

Die Forderungen an die Veranstalter des Wettbewerbs liegen auf der Hand: Politik, Wissenschaftsrat und Deutsche Forschungsgemeinschaft müssen aus den zurückliegenden fast zwölf Monaten von Studenten- und auch Professorenprotesten sowie aus drei Jahren Exzellenzpraxis produktive Konsequenzen ziehen. Der nächste Wettbewerb darf sich nicht allein am naturwissenschaftlichen Forschungsparadigma orientieren, sondern muss auch die Besonderheiten von Sozial- und Geisteswissenschaften stärker berücksichtigen.

Zudem hat die Maxime zu lauten, dass eine qualitätvolle Lehre die Grundlage für qualitätvolle Forschung ist – und nicht nur umgekehrt. Modelle für die grundständige Lehre sollten ebenso ihren Platz haben wie solche für Forschung und Nachwuchsausbildung im Hinblick auf Wissenschaftskarrieren. Die Bedingungen für „Zukunftskonzepte“ in der sogenannten dritten Förderlinie dürfen sich nicht wieder nur auf Forschung ausrichten. Vielmehr müssen sie auch auf Lehre und vor allem auf gelingende Formen von Hochschulsteuerung und Mitbestimmung setzen. Eine Hochschule hat nur dann Zukunft, wenn sie auch die Interessen derjenigen zur Geltung kommen lässt, die sie tragen, Lehrende und Lernende.

Auch bei den Prozeduren muss nachgebessert werden. Nur ein Beispiel: Zukunftskonzepte für deutsche Universitäten sollten nicht wie bisher nur in englischer Sprache entwickelt und vornehmlich von nichtdeutschen Experten bewertet werden. Alle Muttersprachler galten als irgendwie befangen – zu Unrecht. Damit würden die Ausrichter des Wettbewerbs auf wertvolle Expertise verzichten.

Es ist darüber hinaus zu wünschen, dass die zweifellos vorhandene Transparenz, Professionalität und das Wohlwollen für die deutschen Universitäten als tragende Elemente noch besser sichtbar werden. Denn die Legitimität des Wettbewerbs wurde immer wieder stark infrage gestellt, auch von Professoren. Letztlich müssen zur nächsten Runde alle Ja sagen können. Wenn das gelingt, wird es nach dem nächsten Wettbewerb vielleicht keines weiteren 300-Seiten-Buches mehr bedürfen, das Korrekturen verlangt.

Der Autor ist Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz und seit dem 1. März Präsident der Universität Hamburg. Zuvor war er Präsident der Freien Universität Berlin.

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