Position : Jüdische Studien als Zeichen der Normalisierung

Der Publizist Alfred Grosser erklärt, warum es richtig und wichtig ist, Jüdische Theologie an den Universitäten zu etablieren. Ein Plädoyer für die Gleichbehandlung der Religionen und die "Normalisierung" des Judentums in Deutschland.

Alfred Grosser
Eine neue Generation. Feierliche Ordination von Absolventen des Abraham-Geiger-Kollegs in der Synagoge Rykestraße in Berlin.
Eine neue Generation. Feierliche Ordination von Absolventen des Abraham-Geiger-Kollegs in der Synagoge Rykestraße in Berlin.Foto: picture-alliance/ dpa

Kürzlich eröffnete das Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, eine Kooperation der drei großen Berliner Universitäten, der Universität Potsdam, des Abraham-Geiger-Kollegs sowie des Moses-Mendelssohn-Zentrums. Die Uni Potsdam verhandelt zudem mit dem Geiger-Kolleg für die Rabbinerausbildung über die Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultät. Unterstützt werden diese Initiativen von einer Empfehlung des Wissenschaftsrats von 2010 zur Stärkung der Jüdischen Studien und der Religionswissenschaft. Vor diesem Hintergrund erläutert der französische Politikwissenschaftler Alfred Grosser, warum die jüdische Theologie an der deutschen Universität etabliert werden sollte - aus theologischer und historischer Sicht. (Tsp)

In meinem Buch „Die Früchte ihres Baums. Ein atheistischer Blick auf die Christen“ gebe ich eine nicht ganz ernst gemeinte Definition des Theologen: „Jemand, der sein ganzes Leben lang spricht und schreibt über etwas, was er als unsagbar bezeichnet.“ Er ist jedenfalls einer, der über Gott und die Grundlagen des Glaubens frei nachdenken und dann die Ergebnisse als Professor an werdende Geistliche übermitteln darf. Wirklich frei? Nicht in der katholischen Kirche. Dort muss der Theologe schwören, dass er nichts finden wird, was dem Dogma und der päpstlichen lehramtlichen Wahrheit widerspricht. Im Judentum gibt es keine solche Autorität und somit ist der jüdische Theologe freier als der katholische.

Wenn der Theologe zukünftige Priester, Pastoren, Rabbiner, Imame auf ihr Amt vorbereiten will, so hat er eine Schwierigkeit zu überwinden: Wie behandelt er die Heilige Schrift? Auf der islamischen Seite ist es einfach: Er darf nicht infrage stellen, sonst läuft er die Gefahr, wegen Blasphemie mit dem Tod bedroht zu werden. Die Katholiken dürfen sich auf die erstaunliche Enzyklika von Pius XII. berufen. Seit September 1943 erlaubt Divino afflante spiritu alle Formen der kritischen Untersuchung des Alten und des Neuen Testaments. Der Text verurteilt auch hart jeglichen Fundamentalismus. Auf jüdischer Seite darf ein Buch wie „Keine Posaunen für Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel“ von Israel Finkelstein und Neil Asher Silbermann zwar kritisiert werden, aber ungestraft bleiben, obwohl es sogar die Existenz von Moses und Abraham infrage stellt.

Die Spannung zwischen Glauben und Wissenschaft scheint mir dadurch überwunden zu werden, dass Theologie und kritische Bibelforschung auf zwei verschiedenen Ebenen arbeiten. Und daher in verbundenen, aber unterscheidbaren Sphären. Das neu gegründete Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg soll diese gewissermaßen brüderliche Trennung strukturell einrichten. In Paris arbeiten unsere Fakultäten der Jesuiten des Centre Sèvres zugleich theologisch und geisteswissenschaftlich.

Die Zahl der zukünftigen Rabbiner ist zu klein, um eine eigenständige jüdische theologische Fakultät zu rechtfertigen. Aber dass es an einer Universität eine besondere theologische jüdische Abteilung geben sollte, dies dürfte doch, sei es nur im Namen der Gerechtigkeit und der Ebenbürtigkeit der Religionen, evident sein.

Die nichtjüdische deutsche Öffentlichkeit sollte die Notwendigkeit einer Institution für jüdische Theologie in der heutigen Zeit aus einem besonderen Grund selbstverständlich finden und unterstützen. Im Grußwort, das Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats, zur Ordinationsfeier des Abraham-Geiger-Kollegs am 23. November 2011 in der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg gesprochen hat, heißt es: „Die Pluralität ist die neue jüdische Normalität in Deutschland. Wir bauen diese Gemeinschaft hier neu auf, gerade nicht in erster Linie als Trauergemeinschaft, sondern mit den vielen positiven Dimensionen, die das Judentum zu bieten hat – mit wieder ganz frischer Zuversicht.“

Eben weil die nichtjüdischen Deutschen ständig versucht sind, das deutsche Judentum als eine Trauergemeinschaft zu betrachten, sollte alles in die Zukunft Weisende unterstützt werden. Ein reger Austausch zwischen institutionalisierter jüdischen Theologie mit der katholischen und der evangelischen wäre ein schönes Zeichen einer „Normalisierung“ des Judentums in der Bundesrepublik Deutschland.

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