POSITION : Mit Embryonen verantwortlich umgehen

Der Gesetzgeber muss der Präimplantationsdiagnostik klare Grenzen setzen

Wolf-Michael Catenhusen
Foto: promo
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Vor 20 Jahren wurde in Deutschland das Embryonenschutzgesetz verabschiedet. Es enthält keine Bestimmung zur Präimplantationsdiagnostik (PID), obwohl im gleichen Jahr in England erste Untersuchungen an in der Retorte befruchteten menschlichen Eizellen auf genetische Defekte oder Chromosomenstörungen vorgenommen wurden. Kein Wort zur PID in der Bundestagsdebatte von 1990. Viele Abgeordnete, auch ich, wollten damals bewusst diese Frage ausklammern und späteren Entscheidungen des Gesetzgebers überlassen. Seitdem wurde aber von vielen aus den Bestimmungen des Embryonenschutzgesetzes ein Verbot der PID abgeleitet.

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat nun die Vereinbarkeit mit geltendem Recht festgestellt. Denn es sind zwei Sachverhalte zu unterscheiden: Das Embryonenschutzgesetz legt fest: Der Schutz menschlichen Lebens beginnt mit dem Abschluss der Befruchtung einer menschlichen Eizelle. Menschliche Embryonen dürfen zu Forschungszwecken weder hergestellt noch verwendet werden.

Die Präimplantationsdiagnostik, so der BGH, ist aber auch im Kontext der Herbeiführung einer Schwangerschaft zu sehen. Wir verzichten in Deutschland darauf, die Rechtswidrigkeit des Abbruchs einer Schwangerschaft mit Hilfe des Strafrechts gegen die Mutter durchzusetzen. Paare, die wissen, dass bei einer Schwangerschaft eine Fehlgeburt wahrscheinlich ist, ihr Kind eine schwere Behinderung aufweisen könnte, haben heute Zugang zur vorgeburtlichen Untersuchung. Sie kann zu einem Schwangerschaftsabbruch führen, ein großes ethisches Dilemma, wo wir aber die letztendliche Entscheidung der Mutter zuerkennen. Künftig werden solche Paare die Möglichkeit erhalten, im Reagenzglas Embryonen zeugen zu lassen und bei Vorliegen schwerer Schäden oder großer Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt den Embryo nicht einpflanzen zu lassen. Ich unterstelle betroffenen Frauen weder während noch vor Eintreten der Schwangerschaft eugenisches Denken. Es gibt aktuell natürlich auch „PID-Tourismus“ deutscher Paare, etwa nach Spanien oder Tschechien. Man schätzt, dass etwa 100 deutsche Paare jährlich eine solche Untersuchung im Ausland vornehmen lassen.

Ist damit ein Dammbruch verbunden, werden Tor und Tür geöffnet?

Meine Antwort: Nein, wenn der Gesetzgeber klare Grenzen setzt. Es lohnt sich der Blick über die Grenzen: Frankreich mit über zehnjähriger Erfahrung bietet sich als Vorbild an. In Frankreich haben nur drei Universitätskliniken eine Lizenz zur PID erhalten. Diagnosen werden auf „besonders schwere, nicht heilbare erbliche Erkrankungen“ beschränkt. Jährlich erfolgen rund 150 Untersuchungen. In Frankreich ist damit eine Ausweitung von PID hin zu einer Standarduntersuchung, zum Zweck der Erhöhung der Schwangerschaftsrate bei der künstlichen Befruchtung oder zur Geschlechtsbestimmung unterbunden. Entwicklungen in den USA, Belgien und Großbritannien dürfen bei uns nicht Schule machen.

Könnte durch die Zulassung von PID das Lebensrecht von Behinderten in unserer Gesellschaft beeinträchtigt werden?

Mit dieser Sorge begleiten in Deutschland nicht nur Behindertenverbände von Anfang an die Anwendung von vorgeburtlichen Untersuchungen unter Einsatz von Gentests, die zur Abtreibung wegen Behinderung eines Fötus führen kann.

Eine begrenzte Zulassung von PID wirft ein vergleichbares Dilemma auf. Solche Bedenken sind verständlich. Aber: wollen wir Frauen/Paaren in einer Schwangerschaftskonfliktsituation wirklich eugenisches Denken unterstellen? Es geht dabei vorrangig um Fragen der persönlichen Überforderung, um eine konkrete familiäre Situation. Man kann auch nicht davon sprechen, dass es in den letzten Jahren durch die verbesserten vorgeburtlichen Untersuchungen zu einer spürbaren Verschlechterung des Umgangs mit Behinderung gekommen ist.

Wird durch die PID das Embryonenschutzgesetz generell infrage gestellt?

Das Embryonenschutzgesetz legt unsere Verfassung aus: im Sinne einer kategorischen Höherstellung des Lebensschutzes gegenüber der Forschungsfreiheit und der Bestimmung des Beginns menschlichen Lebens mit dem Abschluss der Befruchtung von Ei- und Samenzelle. Bei einer Zulassung von PID unter klarer Bezugnahme auf die Vermeidung von Schwangerschaftskonflikten ergibt sich kein neues Argument gegen das Verbot der Embryonenforschung.

Allerdings würden bei einer Zulassung der Anwendung im engen Rahmen durchaus einige Hundert überzählige Embryonen entstehen. Auch dieses Dilemma ist nicht neu in Deutschland. Bei einer Retortenbefruchtung sollen nur so viele menschliche Eizellen, bis zu drei, befruchtet werden, wie sie anschließend in die Mutter verpflanzt werden. Es kommt vor, dass sich eine Frau im Prozess der Vorbereitung einer Einpflanzung aus Gesundheitsgründen oder psychischen Gründen entschließt, eine IvF-Behandlung abzubrechen. Genaue Zahlen werden nicht veröffentlicht, ich gehe aber davon aus, dass jährlich eine dreistellige Zahl überzähliger befruchteter Eizellen übrig bleibt, die dann absterben.

Nie werde ich einen jungen Mann vergessen, bei dem das unheilbare Nervenleiden Chorea Huntington festgestellt worden war. Auf die Frage nach Anwendung des Gentests antwortete er: „Ja, ich wünsche mir ein gesundes Kind, dem mein Schicksal erspart bleibt. Ich weiß aber auch, dass ich im vergleichbaren Fall nicht geboren worden wäre.“

Der Autor war Staatssekretär im Bundesforschungsministerium und ist Mitglied des Deutschen Ethikrats.

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