Position : Schlaue Studienräte für alle

Die Berliner Bildungsexpertin Sybille Volkholz kann den Streit um die Lehrerbildung in Berlin nicht nachvollziehen. Besser ausgebildete Lehrkräfte für Sekundarschulen stellten das Gymnasium nicht infrage.

Sybille Volkholz
Sybille Volkholz, ehemalige Schulsenatorin in Berlin und 2012 Vorsitzende der Lehrerbildungskommission in Baden-Württemberg.
Sybille Volkholz, ehemalige Schulsenatorin in Berlin und 2012 Vorsitzende der Lehrerbildungskommission in Baden-Württemberg.Foto: Mike Wolff

Nach dem Kompromiss der Koalition von SPD und CDU geht der Streit um die Lehrerbildung in Berlin weiter. In Baden-Württemberg hat eine Kommission zur Reform der Lehrerbildung sehr ähnliche Vorschläge gemacht wie die in Berlin, was nicht verwunderlich ist, waren doch einige Wissenschaftler identisch. Gleichermaßen wurde für die Sekundarstufe I/ II ein Lehramt vorgeschlagen, das sich an der bisherigen fachwissenschaftlichen Ausbildung der Studienräte orientiert.

Die Begründung ist hier wie dort gleich. Wenn in beiden Schulformen der Sekundarstufe, in Berlin Gymnasium und Sekundarschule, das Abitur erworben werden kann, müssen die Lehrkräfte auch in der Sekundarstufe I wissen, was die Schüler in der Oberstufe erwartet, und sie müssen dort auch unterrichten können. Deshalb müssen Lehrkräfte auch für die Sekundarschulen fachlich besser ausgebildet werden als bisher. Insbesondere auch für die Förderung lernschwächerer Schüler müssen sie über gutes Fachwissen und ein besseres methodisch-fachliches Repertoire verfügen. Wer Aufgabenstellungen für ein breiteres Leistungsspektrum erarbeiten soll, Fehler von Schülern sinnvoll interpretieren und ihnen Lernwege eröffnen soll, braucht nicht nur gute pädagogische, sondern eben auch hohe Fachkompetenzen.

Insofern finden die immer wieder vom Vorsitzenden des Verbandes der Oberstudiendirektoren in Berlin oder auch des Philologenverbandes geäußerten Befürchtungen, dass die Fachlichkeit der Studienratsausbildung geschmälert werden sollte, in den Empfehlungen keine Grundlage. Im Gegenteil!

Bleibt die Forderung der CDU, Lehrkräfte sollten für Sekundarschulen eine praxisorientiertere Ausbildung erhalten. Dies geht an der Realität der Ausbildung in den Unis vorbei. Die Veranstaltungen dort für das Fachstudium werden in der Regel nicht lehramtsbezogen gemacht, sondern für alle Studierenden dieses Faches. Schon gar nicht wird etwa die Mathematik für unterschiedliche Lehrämter der Sekundarstufe angeboten. Studierende können sich in Pädagogik, Psychologie, in den Praktika und vor allem in der zweiten Phase auf die speziellen Erfordernisse der gewünschten Schulform vorbereiten – dafür bedarf es nicht getrennter Lehrämter.

Völlig absurd ist es, eine Aushöhlung des Gymnasiums durch die Reform der Lehrerbildung zu befürchten. Die ersten Lehrkräfte würden bei einem Beginn der Reform zum Wintersemester 2014 ungefähr 2021 in die Schulen kommen. Die letzte Berliner Schulreform, nämlich die Reform der Schulstruktur in der Sekundarstufe, wurde erheblich schneller, direkter und effektiver umgesetzt.

Hinter den Vorschlägen beider Kommissionen steht das ernsthafte Bemühen, die Fähigkeit der Lehrkräfte zu steigern, Schüler und Schülerinnen individuell besser fördern zu können. Die Ergebnisse der Pisa-Studien mit dem hohen Anteil an Schülern im unteren Kompetenzbereich gerade in Berlin werden auch auf die fachlich schlechtere Ausbildung der Lehrkräfte zurückgeführt. Deshalb wird der Fachkompetenz ein hoher Stellenwert eingeräumt – eine Sichtweise, die in Reformdebatten zu kurz kommt. Dies plakativ mit dem Kampfbegriff „Einheitslehrer“ abzuqualifizieren, ist völlig fehl am Platze, da dieser meist eine Nivellierung im Niveau unterstellt, die in der Kommissionsempfehlung gerade nicht intendiert ist.

Wer dieser Empfehlung nicht folgen will, muss schon begründen, warum bei lernschwächeren Schülern die geringere Fachkompetenz der Lehrkräfte ausreichen soll. Ansonsten bleibt es bei dem Verdacht, dass nur die Abgrenzung der Studienräte fürs Gymnasium gewünscht wird.

Die Autorin leitet das Berliner Bürgernetzwerk Bildung des VBKI und war 1989/90 Schulsenatorin. In Baden-Württemberg war sie 2012 Vorsitzende der Expertengruppe zur Weiterentwicklung der Lehrerbildung.

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