POSITION : Studierende im Chaos

Der Frust ist programmiert: Die Online-Studienplatzbörse muss allen Bewerbern den Weg zu ihrer Lieblingsuniversität öffnen, wenn sie funktionieren soll.

Dorothea Kübler

Die aktuellen Zahlen über unbesetzte Studienplätze in Deutschland sind alarmierend. Wenn Ende Oktober noch mehr als 18 000 Plätze in Numerus-Clausus-Fächern nicht vergeben waren, sind damit volkswirtschaftliche Kosten, aber auch persönliche Schicksale verbunden. Die Hoffnung, dass die neue Studienplatzbörse wenigstens übergangsweise die Probleme löst, muss angesichts dieser Zahlen begraben werden.

Angesichts der jetzigen Situation erscheint es fast tragisch, dass die Zentrale Vergabestelle, die ZVS, abgeschafft wird: Sie hat in der Vergangenheit gewährleistet, dass die Vergabe der Studienplätze relativ reibungslos verlief. Und auch wenn es nach wie vor Verbesserungsmöglichkeiten gibt, hat sie sich weiterentwickelt und enorme Expertise gesammelt.

Von 2011 an soll nun ein „dialogorientiertes Serviceverfahren für die Hochschulzulassung“ eingesetzt werden, das als zentrale Plattform im Internet Bewerbungen abgleicht. Die Hochschulen erhalten dann nach wie vor direkt die Bewerbungen, leiten diese aber an die Serviceeinrichtung weiter. Erfahrungen mit solchen Einrichtungen in England und Frankreich zeigen, dass sie nützlich sein können. Vor allem die Nachrückrunden sollen so drastisch verkürzt werden. Jede Hochschule wird weiterhin Absagen von Mehrfachbewerbern bekommen und das auch nicht durch Überbuchungen auffangen können.

Ein funktionierendes Nachrückverfahren muss intelligent organisiert sein. Was bisher über das neue Verfahren bekannt ist, lässt allerdings befürchten, dass es nicht intelligent genug sein wird. Die Vorgabe lautet: Sobald ein Bewerber einen Studienplatz annimmt, werden seine übrigen Bewerbungen gestrichen. In Nachrückverfahren sollen, so heißt es, nur Bewerber berücksichtigt werden, die bisher noch keinen Platz bekommen haben. Viele Studienanfänger werden bei dieser rigiden Vorgabe versuchen, das System zu überlisten, um dennoch an ihre Wunschuni zu kommen. Sie werden sich nach taktischen Überlegungen bewerben. Das könnte zu einem neuen Chaos führen.

Ein Beispiel: Ein Bewerber mit einem durchschnittlichen Abitur spekuliert tatsächlich darauf, im Nachrückverfahren noch einen Platz bei seiner stark nachgefragten Lieblingsuni zu bekommen. Er wird sich also kaum bei einer anderen, weniger nachgefragten Hochschule bewerben, bei der er sofort einen Platz bekommt – schließlich zerstört eine Annahme dieses Platzes die Chancen auf seine Lieblingsuni im Nachrückverfahren. Die Risiken dieser Taktik liegen auf der Hand: Der Bewerber könnte am Ende ganz ohne Studienplatz dastehen. Und die weniger nachgefragte Uni wird nicht genügend Bewerbungen bekommen.

Die Herausforderung bei der Planung einer solchen Plattform ist, solche Risiken zu minimieren. Ein Bewerber sollte von seiner Wunsch-Universität ein Angebot bekommen zu können, und es muss ihm möglich sein, seine vorherige Zusage zurückzuziehen, um dieses neue Angebot anzunehmen.

Bei der ZVS werden immerhin 60 Prozent der Plätze in Medizin und Pharmazie mit einem erprobten Mechanismus vergeben, der strategische Unsicherheit verringert. Diese Eigenschaft wird das von 2011 an geplante Verfahren nach dem jetzigen Stand aber nicht haben. Unzufriedene Bewerber und häufiger Studienplatztausch sind die absehbaren Folgen.

Der ZVS-Mechanismus wird übrigens auf vielen ähnlichen Märkten angewandt, etwa bei der Job-Vergabe an US-Krankenhäusern. Das Verfahren kann aber noch verbessert werden. So sollte es für die Bewerber einfacher sein, die für sie optimale Bewerbungsstrategie zu erkennen. Dazu müsste etwa die Darstellung in der ZVS-Informationsbroschüre verständlicher werden. Empirische Untersuchungen zeigen zudem, dass die Zuweisung von quotierten Studienplätzen an die Abibesten durch die ZVS ironischerweise gerade für diese Gruppe Nachteile hat.

Die Regeln für die neue Serviceeinrichtung sollten jetzt endlich explizit benannt und diskutiert werden, um Überraschungen zu vermeiden. Ein deus ex machina ist die „dialogorientierte Serviceeinrichtung“ nämlich nicht, auch wenn ihr Name diese Hoffnung wecken mag.

Die Autorin ist Direktorin der Abteilung „Verhalten auf Märkten” am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Professorin für Experimentelle Wirtschaftsforschung an der TU Berlin.

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