POSITION : Trojanisches Pferd der Elite

Wenn Spitzenforscher keine Zeit zum Forschen finden, ist der Erfolg in Gefahr Von Jürgen Gerhards

Die Freie Universität Berlin (FU) gehört zu den neun Universitäten, die in der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder zu Eliteuniversitäten gekürt wurden. Zudem war die FU erfolgreich im Einwerben von drei Graduiertenkollegs und zwei „Exzellenzclustern“. Wie alle ausgezeichneten Unis sind die FU und diejenigen, die in der Formulierung der Anträge mitgewirkt haben, mit gutem Grund stolz auf sich. Nun ist seit einigen Wochen der Alltag in die prämierten Universitäten wieder eingekehrt – und die Risiken des Elitestatus werden sichtbar.

Das zentrale Ziel der groß angelegten Exzellenzinitiative ist es, die Spitzenforschung in Deutschland zu identifizieren und zu fördern. Spitzenforschung bedeutet in erster Linie, dass Spitzenforscher Zeit bekommen, ihren Forschungen auch nachzugehen. Der Exzellenzwettbewerb hat die Antragsteller über Monate davon abgehalten zu forschen. Sie waren mit der Formulierung von Anträgen, mit der Koordination der Kolleginnen und Kollegen, mit Gremiensitzungen, Präsentationsvorbereitungen und sonstigen nicht forschungsrelevanten Dingen beschäftigt.

Der Erfolg bedeutet nun nicht automatisch, dass die Antragsteller endlich die Zeit erhalten, auch ihre Ideen umzusetzen. Neue Gremien müssen gebildet werden, Berufungskommissionen zur Auswahl neuer Kollegen werden zusammengesetzt, parallel zu den Fachbereichen entsteht eine neue Clusterstruktur. Dies bedarf langer Aushandlungsprozesse und kostet Zeit – die Zeit derer, die an sich zum Forschen angetreten waren.

Ob die Forschungsfreisemester für diejenigen, die besonders viel Arbeit in die Vorbereitung der Anträge investiert haben, als Kompensation ausreicht, wird man abwarten müssen. Der Exzellenzerfolg würde sich als ein trojanisches Pferd herausstellen, wenn am Ende die Kollegen, die im Wettbewerb nicht erfolgreich waren, Zeit fänden, endlich die Artikel und Bücher zu schreiben, die die Forschung wirklich weiterbringen, die Forscher der Eliteuniversitäten dazu aber gerade nicht gekommen wären. Man sollte dies antizipieren und entsprechend reagieren: schlanke Strukturen, kleine Kommissionen und vor allem viel Forschungszeit als Belohnung für diejenigen, die wissenschaftlich produktiv sind. Nur dann wird aus der Prognose, exzellent zu sein, auch realisierte Exzellenz werden.

Auf eine weitere Gefahr des vermeintlichen Erfolgs muss hingewiesen werden. Mit den Geldern der Exzellenzinitiative können viele neue Stellen für Professoren, Nachwuchswissenschaftler, Forschergruppen und Doktoranden finanziert werden. Die nächsten Monate werden zu einer Vielzahl an Ausschreibungen führen. Es ist nicht absehbar, ob der akademische Arbeitsmarkt überhaupt so viele exzellente Personen bereithält, die für die ausgeschriebenen Positionen geeignet sind. Erfahrungen mit Berufungsverfahren zeigen, dass ausgeschriebene Stellen auch dann besetzt werden, wenn sich nur die zweite Wahl beworben hat, weil sonst die vorgesehenen Gelder verfallen. Für die Eliteuniversitäten hätte ein solches Vorgehen paradoxe Effekte: Man rekrutiert Personen, die an sich nicht zur Elite gehören. Wenn Stellen nicht optimal besetzt werden können, müssten die Positionen anders ausgerichtet werden, die Gelder für andere, sinnvollere Zwecke genutzt oder einfach zeitlich verschoben werden.

Die mit der Exzellenzinitiative verbundenen Mittelzuweisungen sind allerdings nicht nur zweckgebunden, sondern auch zeitgebunden. Pro Haushaltsjahr müssen bestimmte Beträge abfließen, das ganze Unternehmen ist auf fünf Jahre terminiert. Dieses enge Zeitkorsett ist den faktischen Erfordernissen von Forschung nicht angemessen. Warum nicht den Zeitraum der Finanzierung ausdehnen, wenn es von der Sache her erforderlich ist?

Der Autor ist Professor für Soziologie an der FU Berlin und Forschungsprofessor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

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