POSITION : Was Schüler glücklich macht

Die Angst vor dem Einfluss der Wirtschaft auf die Bildung ist unbegründet

Sybille Volkholz
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Foto: Mike Wolff

Bildung darf nicht in erster Linie der Wirtschaft dienen, ist von Pädagogen, Erziehungswissenschaftlern und Bildungspolitikern oft zu hören, ja, Bildung müsse gegen Einflüsse der Wirtschaft verteidigt werden. So fordert etwa der Schulleiter Ernst Fritz-Schubert in seinem soeben erschienenen Buch ein „Schulfach Glück“ (Herder, 2009). Denn Schule und Weiterbildung würden zunehmend als Hebel für den Arbeitsmarkt verstanden.

Dazu passten Schulreformen wie das Turbogymnasium genauso wie der aktuelle Fachjargon im Schulwesen: Von „Kundenorientierung“ sei die Rede, von „Wettbewerbsfähigkeit“ und von „Bildungsmanagement“. In der Folge des Effektivitätsdrucks bleibe das Glück der Schüler, ihre körperliche und emotionale Entfaltung, schließlich auf der Strecke.

In eine ähnliche Richtung tendiert das ebenfalls gerade erschienene Buch des Historikers Jürgen Overhoff, „Vom Glück, lernen zu dürfen“ , das schon im Untertitel „für eine zweckfreie Bildung“ wirbt (Klett-Cotta, 2009). Overhoff kritisiert die Europäische Kommission, die in ihrem Memorandum zu lebenslangem Lernen vor allem die Wettbewerbsfähigkeit der EU im Blick habe, nicht anders als die inzwischen abgeschaffte Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung. Solche Agenten für die „Verzweckung von Bildung“ konfrontiert Overhoff mit Aufklärern des 18. Jahrhunderts, von John Locke, Christian Fürchtegott Gellert, Benjamin Franklin, Rousseau, Moses Mendelssohn bis Immanuel Kant.

In einer Phase wirtschaftlicher Blüte hätten sie die große Chance gesehen, Bildung für breite Bevölkerungsschichten zu öffnen. Dabei hätten ihre Lernkonzepte das Kind in den Mittelpunkt gestellt: Seine Motivation und seine Fähigkeit zum selbstständigen Lernen galten als erstrebenswertes Ziel pädagogischer Anstrengungen.

Nun soll hier nicht die Gegenthese vertreten und der Wirtschaft das Definitionsrecht über Bildung zugesprochen werden. Trotzdem die Frage: Ist es tatsächlich das Problem unserer Bildungseinrichtungen, dass sie zu stark ökonomischen Interessen unterworfen sind? Die Politik behandelt das Thema Bildung anders als von Overhoff behauptet ja keineswegs nur mit ökonomischen Absichten. Auch aus Sicht der EU ist Bildung mehr als eine Vorbereitung auf den Job: Sie wird sehr wohl erkannt als Medium zur gesellschaftlichen Teilhabe des Einzelnen.

Auch ist an den Inhalten und der Methode der deutschen Schule nicht zu erkennen, dass sie zu einer Magd der Wirtschaft geworden ist. Die Akteure (Lehrer und Verwaltungsbeamte) zeichnen sich in der Regel ohnehin eher durch Wirtschaftsferne aus. Zwar gibt es in der Tat zunehmend den Ruf nach mehr Effizienz im Bildungssystem.

Effizienz scheint doch aber ganz im Sinne der Schüler zu sein. Mit der Zeit von Jugendlichen schlampig umzugehen, bedeutet jedenfalls nicht deren Glück. Die Pädagogen müssen sich sehr wohl dafür interessieren, ob ihr Unterricht eine nachweisbare Wirkung hat. Dass nach Pisa nicht alle Reformen gelungen sind, ist eine andere Sache. Mit ökonomischer „Verzweckung“ hat das nichts zu tun – es sind einfach schlecht gemachte Reformen.

Muss die Auffassung vom Lernen als Glück überhaupt einer ökonomischen Begründung des Lernens gegenübergestellt werden? Auch „die Wirtschaft“ – wenn man sie mal als homogenen Block unterstellt – bemängelt bei den Schulabgängern nicht nur Wissensdefizite, sondern vor allem Mängel in den personalen und sozialen Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, etc. – alles Vorstellungen, die gar nicht Druck und Unglück nahelegen. Geforderte Kompetenzen wie „Entrepreneurship“ oder „Beschäftigungsfähigkeit“ gehören eher zu Personen, die aktiv zupackend an das Leben und die eigene Zukunft herangehen, die ihr gesellschaftliches Umfeld gestalten wollen.

Lange genug war die Schule ein selbstbezügliches System. Die Kehrseite dieser Medaille war die Dauerklage, dass sich niemand für dieses Thema interessieren ließ. Nun nach Pisa ist das anders geworden, Bildung hat einen öffentlich höheren Stellenwert erhalten. Damit muss auch akzeptiert werden, dass die verschiedenen gesellschaftlichen Akteure ihre Anforderungen an sie formulieren

Konsens muss sein, dass Bildung Menschen befähigen soll, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten, um privat, sozial, politisch, beruflich und kulturell teilhaben zu können. Dann bedeutet es auch nicht den Untergang des Abendlandes, wenn in der Debatte über das Lernen mal eine Vokabel wie „Humankapital“ fällt.

Die Autorin leitet das „Bürgernetzwerk Bildung“ des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI). Von 1989 bis 1990 war sie Berliner Schulsenatorin.

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