POSITION : Zwangsberatungen? Ja, aber richtig!

Mit hinterherhinkenden Studierenden muss früh gesprochen werden

Heinz Schweppe
Foto: promo
Foto: promo

Die Studierendenvertreter laufen Sturm gegen die Zwangsexmatrikulation und gegen die Zwangsberatung. Sind ihre Befürchtungen berechtigt? Eher nicht. Zwangsexmatrikulationen sind an allen Berliner Universitäten äußerst selten, in den naturwissenschaftlichen Fächern kommen sie praktisch nicht vor.

Weit häufiger kommt es zur Zwangsberatung. Sie könnte sinnvoll sein, würde sie früher stattfinden, als es bislang an der Freien Universität der Fall ist. Bislang setzt das Überschreiten der sechssemestrigen Regelstudienzeit um zwei Semester einen Automatismus in Gang, dem in vielen Fällen jegliche inhaltliche Rechtfertigung fehlt. Wer am Ende des achten Semesters seine Bachelorarbeit schreibt und die erforderlichen Leistungspunkte erworben hat, wird auch ohne Beratung mit Sicherheit sein Studium abschließen. Die meisten der für Studierende und Professoren verpflichtenden Beratungsgespräche sind darum nichts als bürokratische Auswüchse. Und von den betroffenen Studierenden werden sie – zu Recht – als Bedrohung empfunden.

Es gibt aber genügend Langzeitstudierende, denen nach zwanzig Semestern die Lebensperspektive entgleitet. Das sind die kritischen Fälle. Denn in dieser Phase kann nur noch wenigen geholfen werden. Die meisten werden zwar nicht zwangsexmatrikuliert, geben aber irgendwann auf. Umso erfreulicher sind die seltenen Ausnahmen. Erst jüngst bedankte sich ein Student bei mir für eine Beratung, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig gelassen hatte. Er werde in Kürze das Studium abschließen können. Entscheidend sind in solchen Fällen nicht irgendwelche Auflagen und Drohungen mit der Exmatrikulation, sondern die klare Ansage, dass man für seine Lebensplanung selbst verantwortlich ist. Wer wie ich weit über hundert (Zwangs-)Beratungsgespräche geführt hat, weiß, wovon er redet.

Eine sinnvolle Beratung muss darum viel früher einsetzen. Wer nach zwei Semestern weniger als die Hälfte der geforderten Leistungen erbracht hat, bedarf dringend einer Beratung – aber ohne die Drohung, bald die Hochschule verlassen zu müssen. Die Gründe für Leistungsschwächen sind vielfältig. Gar nicht selten ist es die falsche Studienfachwahl. Das mag man sich als Betroffener oft nicht eingestehen, obwohl es ganz und gar legitim ist, sich in einem Fach einige wenige Semester auszuprobieren. Ein Beratungsgespräch in dieser Phase kann über die belastenden Frustrationen des Scheiterns hinweg helfen und den langfristigen Erfolg sichern, sei es im bisherigen Fach oder einem, in dem die Talente des Einzelnen besser zur Geltung kommen. Ein verpflichtendes Beratungsgespräch sollte jährlich erfolgen, wenn das Leistungsdefizit dies erfordert. Erst wer zwei Semester über Regelstudienzeit immer noch weniger geleistet hat als die Kommilitoninnen nach der Hälfte der Zeit, darf getrost – Einzelfallprüfung immer vorausgesetzt – mit der Zwangsexmatrikulation bedroht werden.

Die meisten Studierenden verdienen neben dem Studium ihren Lebensunterhalt in einem Teilzeitberuf. Das ist der häufigste Grund für das Überschreiten der Regelstudienzeit. Ein wirksames Mittel dagegen ist ein Teilzeitstudium, das weniger Leistungen pro Semester verlangt, zum Beispiel die Hälfte dessen, was im Vollzeitstudium verlangt wird. Die Universitäten fürchten – möglicherweise zu Recht – die Verpflichtung, Lehrveranstaltungen „teilzeitkompatibel“ machen zu müssen, also zusätzlich zum normalen Programm gezwungen zu werden, spätabends oder am Wochenende Vorlesungen oder Praktika anzubieten. Mit der aktuellen Finanzausstattung ist das nicht zu stemmen.

Also werden die Studierenden wohl weiter Vollzeit studieren müssen, und viele werden langsamer sein als eigentlich verlangt. Wenn es dann zu einem obligatorischen Beratungsgespräch kommt, ist das für niemanden ein Vergnügen. Es gibt – mit den üblichen Ausnahmen von der Regel – keine Hochschullehrer, die das Privatleben ihrer Studenten und Studentinnen durchleuchten wollen. Wer auf die unvermeidbare Frage nach den Gründen für eine Studienverzögerung antwortet, die lägen im privaten Bereich, muss keine weiteren Fragen in diese Richtung befürchten. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass Studierende durchaus gerne ihr Herz ausschütten. Tatsächlich sind Hochschullehrer ja auch nicht die natürlichen Feinde der Studierenden, wie man gelegentlich zwischen den Zeilen lesen kann. Jeder einzelne erfolgreiche Student ist auch ein Erfolg für die Professoren.

Eine wirkliche und wirksame Beratung muss früh stattfinden, wenn der Leistungsstand Anlass zu Sorgen gibt. Die Abgeordneten, die über die Novellierung des Hochschulgesetzes zu entscheiden haben, wären gut beraten, sich den Sachverstand derjenigen, die täglich vor Ort mit konkreten Problemen zu tun haben, zunutze zu machen.

Der Autor, Professor für Informatik, ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Informatik an der FU Berlin

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben