Präsidentenwahl : Humboldts Neuer ist ein Politiker

Jan-Hendrik Olbertz, Wissenschaftsminister in Sachsen-Anhalt, soll die Humboldt-Universität leiten. Er ist uneitel, aber durchsetzungsstark.

Anja Kühne
Überraschungskandidat. Olbertz gilt als respektierter Erziehungswissenschaftler. Mit dem Glanz renommierter Preise und Gastprofessuren im Ausland kann er die HU aber nicht schmücken. Allerdings ist er ein durchsetzungsfähiger Wissenschaftsminister.
Überraschungskandidat. Olbertz gilt als respektierter Erziehungswissenschaftler. Mit dem Glanz renommierter Preise und...Foto: ddp

Jan-Hendrik Olbertz, parteiloser Kultusminister für die CDU in Sachsen-Anhalt und Professor für Erziehungswissenschaft, soll als einziger Kandidat zur Präsidentenwahl an der Humboldt-Universität (HU) antreten.

Die monatelange geheime Sichtung möglicher Kandidaten ist damit abgeschlossen. Dem Vernehmen nach hatte die Findungskommission der HU unter Leitung des Kuratoriumsvorsitzenden, des Geoforschers Rolf Emmermann, eine Liste mit vier favorisierten Persönlichkeiten gebildet. Aus ihrem Kreis sei aber nur Olbertz aufgestellt worden, weil die anderen Wissenschaftler sich wegen ihrer exponierten Stellung nicht in eine Kampfabstimmung begeben wollten. Auf Empfehlung der Findungskommission wird das Kuratorium den 61 Mitgliedern des HU-Konzils Olbertz zur Wahl am 20. April vorschlagen. Weder in der Findungskommission noch im Kuratorium habe es Gegenstimmen gegeben, teilte die HU am Montagabend mit. Das Konzil soll Olbertz am 13. April anhören.

Olbertz als Präsident der Humboldt-Universität – das ist eine überraschende Auswahl. Universitätspräsidenten wechseln bisweilen in die Politik (so wie Jürgen Zöllner, der einst die Universität Mainz leitete). Ungewöhnlich ist es hingegen, dass ein Politiker sein Amt aufgibt, um eine Hochschule zu leiten. Der 55-jährige Olbertz ist seit 2002 Kultusminister in Sachsen-Anhalt.

Ungewöhnlich ist auch, dass die Humboldt-Universität sich einen Mann als ihren Leiter vorstellen kann, der nicht mit hohen akademischen Ehrungen dekoriert ist und keine imposante wissenschaftliche Karriere mit ungezählten Stationen an renommierten Einrichtungen im In- und Ausland vorweisen kann, wie etwa der jetzige Präsident Christoph Markschies oder sein Vorgänger Jürgen Mlynek. Olbertz ist ein sehr respektierter Erziehungswissenschaftler. Doch er verbrachte sein akademisches Leben nach dem Lehramtstudium in Greifswald auch noch nach der Wende fast ausschließlich an einer einzigen Hochschule: der Universität Halle-Wittenberg, an der er promovierte, sich habilitierte und nach einem Aufenthalt als Gastprofessor in Bielefeld 1992 zum Professor berufen wurde.

Die HU hat als Mutter der modernen Universität einen klangvollen Namen, ihren Forschungsleistungen nach liegt sie – sogar noch nach den gescheiterten Anträgen im Exzellenzwettbewerb – bundesweit in der Spitzengruppe. Warum also verzichtet sie jetzt bei ihrem Präsidenten auf wissenschaftlichen Glanz?

Die Findungskommission dürfte nach den Erfahrungen mit dem jetzigen Amtsinhaber zu der Einsicht gelangt sein, dass auch noch so hohes wissenschaftliches Renommee keine Garantie für einen guten Präsidenten gibt. Man wirft Markschies seine vielen persönlichen Querelen vor, sein Desinteresse an vielen seiner Aufgaben, seine Ineffizienz sowie den von ihm verantworteten fehlgeschlagenen Antrag im Exzellenzwettbewerb.

In dieser Lage scheint man in Olbertz genau den richtigen Mann zu sehen: wegen seiner umfassenden bildungspolitischen Kompetenz und sicher auch wegen seiner angenehmen Persönlichkeit. Der Erziehungswissenschaftler nimmt sein Gegenüber durch seine Umgänglichkeit ein. Er spricht sachlich, ohne deshalb fade zu wirken. Er tritt bestimmt auf, ohne bestimmend zu sein.

Viele deutsche Universitätsprofessoren sind der Meinung, das Amt verlange von ihnen eitles Auftreten. Gegen diese vermeintliche Rollenerwartung scheint Olbertz immun zu sein, vielleicht auch, weil er in der DDR sozialisiert wurde. Er hat offensichtlich keine Lust, sich öffentlich zu spreizen – ein markanter Kontrast zum jetzigen HU-Präsidenten. Olbertz strahlt aus, dass es ihm nicht um seine Person, sondern um die Sache geht. Als Politiker hat er so Glaubwürdigkeit gewonnen. So hätte sich wohl jeder andere Bildungsminister mit dem Erfolg der eigenen Politik gebrüstet, wenn sein Land bei Pisa überraschend über etliche Plätze in die Spitzengruppe aufsteigt. Anders Olbertz: „Wir haben gute Gründe, weiterhin bescheiden zu sein“, erklärte er. Der Erfolg Sachsen-Anhalts lasse sich nicht als direktes Ergebnis einer besseren Schulpolitik verstehen. Vielmehr vermute er, dass die vom Pisa-Schock aufgerüttelten Schüler, Lehrer und Eltern nun aufmerksamer seien und sich mehr anstrengen würden.

Olbertz’ unprätentiöses Auftreten könnte ihm dabei helfen, die zum Teil desillusionierten Humboldtianer neu für den nächsten Exzellenzwettbewerb zu motivieren und Konflikte über anstehende Richtungsentscheidungen zu moderieren. Die von linken dominierte Studierendenvertretung wird mit ihm bestimmt nicht immer einer Meinung sein. So hält Olbertz auch nach dem großen Bildungsstreik nichts von einer umfassenden Ausweitung der üblichen Bachelor-Studiendauer auf acht Semester. Es ist aber anzunehmen, dass die Studierenden in ihm einen Diskussionspartner finden, der sie ernst nimmt und der für gute Argumente aufgeschlossen ist.

Und sicher wird es in dieser Gruppe wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass Olbertz sich gelegentlich wirtschaftskritisch äußert. Hochschulen seien keine „Fertigungsstätten für die Befriedigung von Bedarfslagen der Wirtschaft“, erklärte er zum Bologna-Prozess. Zum neuen Nationalen Stipendiensystem, bei dem Staat und Wirtschaft Geld für Begabte bereitstellen sollen, stellte Olbertz fest, es müsse diskutiert werden, „bis zu welchem Punkt die Hochschulen den Verwertungsinteressen der Unternehmen nachkommen können, ohne ihre Unabhängigkeit zu gefährden“. Einem solchen Satz würde sicher auch Berlins Ex-PDS-Staatssekretär für Wissenschaft, Peer Pasternack, zustimmen, mit dem gemeinsam Olbertz mehrfach Beiträge zum Hochschulwesen publiziert hat. Pasternack forscht am Institut für Hochschulforschung (Hof) Wittenberg, dessen Gründungsdirektor Olbertz war.

Mit Olbertz würde die HU einen Mann an ihre Spitze wählen, der bildungspolitisch mit allen Wassern gewaschen ist. Sachsen-Anhalt ist strukturschwach, und seine beiden Universitäten haben zusammen kaum so viele Studierende wie die HU allein. Doch in der Wissenschafts- und Bildungspolitik ist das Land dank Olbertz zu einer zentralen Kraft geworden. Sachsen-Anhalts Akademie Leopoldina war es, die Bundesbildungsministerin Schavan im Jahr 2007 zur Nationalen Akademie ausrief, sehr zum Kummer der Berlin-Brandenburgischen Akademie. Seit einigen Jahren schon koordiniert der parteilose Olbertz die Unionsländer in der Kultusministerkonferenz.

Oft belebt er die Debatte mit Vorschlägen im Interesse Ostdeutschlands. So forderte er gleich nach dem für die neuen Länder schlecht ausgegangenen Exzellenzwettbewerb eine Anschubförderung für die nächste Runde. Mit Erfolg. Schavan legte für den Osten ein neues Programm auf. Olbertz war es auch, der Schavan zur Bewältigung der heranrollenden Studentenwelle erfolgreich empfahl, den Erhalt von Studienplätzen im Osten für westdeutsche Studierende mit Geld zu belohnen.

Trotzdem bleibt Olbertz Schavan gegenüber kritikfreudig. Mehrfach erklärte er, das neue nationale Stipendienprogramm benachteilige die ostdeutschen Länder, weil sie es schwerer hätten, die nötigen Partner in der Wirtschaft zu finden.

Olbertz steht der CDU nicht nahe genug, um Mitglied werden zu wollen. Allerdings macht der in traditionellen Familienverhältnissen lebende gebürtige Berliner (er ist verheirateter Vater dreier Kinder und fühlt sich der evangelischen Kirche verbunden) eine eher konservative Politik, wenn er „Kopfnoten“ auf Schulzeugnissen verteidigt. Auf „sanfte Weise“ könnten die Lehrer so die Herausbildung von Sekundärtugenden wie Ordnung und Pünktlichkeit fördern, erklärte er. Die Hauptschule muss Olbertz zufolge nicht abgeschafft werden, wenn sie sich pädagogisch ändert. Studiengebühren kann er sich allerdings nur vorstellen, wenn garantiert ist, dass sie niemanden vom Studium abschrecken. In Sachsen-Anhalt hat er sie nicht eingeführt.

In einer anderen großen hochschulpolitischen Debatte verlaufen die Linien nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen Politikern und Professoren. Während aus Sicht vieler Wissenschaftler die Kultusminister die Hauptschuld an den Mängeln der Bologna-Reform tragen, rief Sachsen-Anhalts Wissenschaftsminister die Professoren dazu auf, ihre Handlungsspielräume zu nutzen: „Viele Hochschulen sind der großen Verführung erlegen, sich auf das neue System Bachelor und Master nicht wirklich einzustellen“, erklärte er, als die Studierenden zu Tausenden protestierten. Geringere Spezialisierung der Studiengänge und souveränere Anerkennung von andernorts erbrachten Studienleistungen erlaubten mehr Mobilität. Zu klaren Vorgaben haben sich die Kultusminister aber nicht durchgerungen. Man wolle keinen Zwang ausüben, verteidigte Olbertz die Kultusministerkonferenz.

Sein oberster Dienstherr in Berlin wäre sein bisheriger Amtskollege Jürgen Zöllner (SPD). Einen unbequemen Gegensenator würde Olbertz aber wohl nicht abgeben. Die großen Weichen hat Zöllner in der Hochschulpolitik mit der Gründung der Einstein-Stiftung, den neuen Hochschulverträgen und dem Preismodell bereits gestellt.

Wann wird Olbertz antreten? Sein Vorgänger will sich von seinen Kritikern nicht in die Rolle eines Frühstücksdirektors drängen lassen oder sein Amt gar vorzeitig aufgeben, wie er mehrfach erklärt hat. Der Dekan der Philosophischen Fakultät II, Michael Kämper-van den Boogaart, gehört zu jenen, die schon wegen des bevorstehenden nächsten Exzellenzwettbewerbs einen zügigen Wechsel wünschen, wie er der Studierendenzeitschrift „Unaufgefordert“ sagte: „Wäre ich an der Stelle des Präsidenten, würde ich mich nicht darauf versteifen, bis zum Ende des Jahres weiterzumachen.“

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