Preisregen : Superstars der Wissenschaft

Nächste Woche werden wieder die Nobelpreise vergeben. Es gibt sie seit über 100 Jahren. Nun macht ihnen eine neue Generation von Megapreisen Konkurrenz, die höher dotiert sind.

Philipp Graf
Preisübergabe beim Fundamental Physics Prize. Foto: Getty Images
Stars und Strings. Schauspieler Morgan Freeman übergab im März dem Physiker Alexander Polyakow den „Fundamental Physics Prize“ für...Foto: Getty Images

Im März erlebte Genf eine glamouröse Gala mit Millionären der besonderen Art. „Es ist wie bei den Oscars, bloß sind hier die hellsten Köpfe der Welt versammelt“, sagte Schauspieler Morgan Freeman zur Eröffnung. Tatsächlich stand die Zeremonie für den „Fundamental Physics Prize“ dem Hollywood-Spektakel in Glanz und Gloria in kaum etwas nach. Die Preisträger, ein gutes Dutzend hochkarätige Physiker und Physikerinnen, waren in Smoking oder eleganter Abendrobe erschienen. Es gab kurze Videoeinspieler, silberne Trophäen, entworfen vom Berliner Künstler Olafur Eliasson, und feierliche Dankesreden. Sängerin Sarah Brightman sorgte für die musikalische Untermalung. Die gebotene Show, man könnte sie sich durchaus im TV-Abendprogramm vorstellen.

Mit drei Millionen US-Dollar pro Preisträger zählt der neue „Fundamental Physics Prize“ zu den höchstdotierten Auszeichnungen, die derzeit an Wissenschaftler vergeben werden (siehe Grafik). Er ist rund drei Mal so viel wert wie sein Vorbild, der Physik-Nobelpreis. Und er steht für eine ganze Generation lukrativer Forscherpreise, die in den vergangenen Jahren ins Leben gerufen wurden. Allein dieses Jahr wurden der Tang-Preis für umgerechnet rund 1,3 Millionen Euro für pharmazeutische Forschung, der „Queen Elizabeth Prize for Engineering“ (rund 1,2 Millionen Euro) und der „Breakthrough Prize in Life Sciences“ (rund 2,3 Millionen Euro) gestiftet. Und in Deutschland vergab die Else-Kröner-Fresenius-Stiftung gleich vier Millionen Euro an einen Forscher. Das soll nun alle vier Jahre wiederholt werden.

Ins Rollen gebracht hat die neue Preiswelle der russische Internet-Unternehmer und Milliardär Juri Milner. Vor seinem Aufstieg zum Web-Magnaten hatte Milner in Moskau Physik studiert, die Promotion dann zugunsten einer Managementausbildung aufgegeben. Nun will er etwas von seinem Vermögen an das einst geliebte Fach zurückgeben. Mit dem „Fundamental Physics Prize“ wolle er demonstrieren, dass herausragende Leistungen in der Grundlagenforschung eine ähnliche finanzielle Belohnung verdienten wie Spitzenleistungen im Sport oder in der Finanzwelt, sagt Milner.

Freudig überrascht nahmen die Preisträger Millionen Dollar entgegen

Höchstpersönlich hatte er im vergangenen Jahr auf einen Schlag neun freudig überraschte Empfänger des Drei-Millionen-Dollar-Preises gekürt. Sie gehören fortan dem Komitee an, das jährlich weitere Kandidaten und Gewinner der Auszeichnung bestimmen soll. Anders als beim Nobelpreis können auch Forscher gewürdigt werden, deren Theorien und Modelle noch nicht experimentell bestätigt sind. So erhielt im März der Princeton-Professor Alexander Polyakow den diesjährigen Hauptpreis. Er ist ein Vertreter der Stringtheorie, die ein alternatives Erklärungsmodell für die Struktur der Materie darstellt, bislang allerdings nur ein Gedankenkonstrukt ist.

Ein weiterer Unterschied: Auch größere Forscherteams können sich den Preis für eine Entdeckung teilen. In Genf durften sich sieben Teilchenphysiker, die neben hunderten weiteren Mitarbeitern an der Jagd nach dem Higgs-Boson beteiligt waren, über einen Spezialpreis freuen. Damit wurde außerdem eine Entdeckung ausgezeichnet, die auch als Top-Kandidat für den am kommenden Dienstag verkündeten Physik-Nobelpreis gehandelt wird. Das Komitee in Stockholm hat aber das Problem, dass höchstens drei Wissenschaftler zugleich geehrt werden können.

Der Physiker-Preis ist nicht der einzige gestiftete Geldregen aus dem Dunstkreis der Internet-Wirtschaft. Im Februar dieses Jahres hat sich Milner unter anderem mit Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Google-Mitbegründer Sergey Brin und dessen Frau Anne Wojcicki zusammengetan, um einen Megapreis für Durchbrüche in der Gesundheitsforschung auszuloben, den „Breakthrough Prize in Life Sciences“. Als Initialzündung gingen 33 Millionen Dollar an elf Spitzenforscher für deren Entdeckungen in der Biomedizin. „Wir wollten eine Geldsumme wählen, die schockiert“, beschrieb Wojcicki der Zeitschrift „Nature“ ihre Motivation. „Wir wollten Superhelden der Forschung schaffen.“ Und nebenbei den Nachwuchs für eine Karriere in der Wissenschaft begeistern.

Zum exklusiven Klub der Triple-Millionäre zählen vor allem US-Forscher aus der Krebsmedizin, alle Stars ihres Fachs. Mit dem Japaner Shinya Yamanaka ist auch der Medizin-Nobelpreisträger von 2012 dabei. Der einzige Europäer ist der niederländische Molekularbiologe Hans Clevers vom Hubrecht Institut der Universität Utrecht. Die Stifter hätten ihm gegenüber betont, das Geld sei nicht für die Forschung gedacht, sondern dafür, „das Leben besser zu machen“, schreibt Clevers in einer E-Mail. Juri Milner habe ihm im Scherz geraten, sich einen Ferrari zu kaufen.

Eine Zusammenkunft aller Weggefährten

Clevers, der auch Präsident der Niederländischen Akademie der Wissenschaften ist, hat sich etwas anderes überlegt: Anfang September lud der 56-Jährige sämtliche Weggefährten und ehemalige Mitarbeiter aus seinem Labor, mehr als einhundert Forscher aus aller Welt, zu einem Symposium nach Amsterdam ein. Flüge und Unterkunft spendierte Clevers aus der Preiskasse. Was übrig bleibt, will er für den Ausklang seiner Forscherkarriere zurückhalten.

Allein die schiere Höhe des Preisgeldes beflügele die Fantasie von Politikern, Medien und Unternehmen, sagt Clevers. „Der Preis hat mir einige Türen geöffnet.“ Die Absicht der Stifter sei es, die Auszeichnung zum „amerikanischen Nobelpreis des 21. Jahrhunderts“ zu machen. Damit das gelingen könne, müsse der Auswahlprozess für künftige Preisträger – fünf pro Jahr sind geplant – mit hoher Qualität punkten.

Sind die neuen Preise also bald wichtiger als die Nobelpreise? Werden die Ehrungen des Nobelkomitees zu Trostpreisen abgewertet? Der Mathematiker Günter M. Ziegler von der Freien Universität Berlin ist skeptisch. Neue Preise mit viel Geld auszustatten und Aufmerksamkeit zu erregen, sei das eine. „Aber der Nobelpreis hat über 100 Jahre Geschichte. So etwas zählt in der Wissenschaft. Denn Wissenschaft sind gerade die Dinge, die bleiben.“

Der Mythos des allein wirkenden Forschergenies

Es regt sich auch Kritik an den neuen Preisen. In einer „Nature“-Umfrage argumentierten einige Forscher, dass einmal mehr nur die ausgezeichnet würden, die bereits alle anderen Wissenschaftspreise der Zunft abgeräumt hätten. Die Ähnlichkeit zum Medizin-Nobelpreis sei zu groß. Die Stifter wollten bloß ihr eigenes Image aufpolieren und sich Prestige erkaufen. Es würde der Mythos des allein wirkenden Forschergenies genährt, obwohl Forschung heute Teamsache sei.

Auch bei Wissenschaftsmanager Ernst-Ludwig Winnacker, Generalsekretär des internationalen „Human Frontier Science Program“, hält sich die Begeisterung über den plötzlichen Geldsegen in Grenzen. „Nach meinem Eindruck tragen die neuen Preise wenig zur Attraktivität der Wissenschaft bei“, sagt er. Ausnahmen seien die von der Norwegischen Akademie der Wissenschaften vergebenen Abel-Preise in Mathematik oder die Kavli-Preise, die etwa Astrophysiker und Nanotechnologen ehren, „wegen ihres rigorosen Auswahlverfahrens und der Qualität der Jury“.

Ziegler kritisiert, dass viele Preisjurys hochdekorierten Alt-Stars immer weitere Preise zusprechen. Wichtiger sei es, junge Forscher und Talente auszuzeichnen und Anreize zu schaffen. Der Mathematiker findet daher Wettbewerbsformate interessant, bei denen eine Belohnung auf die Lösung eines bestimmten Problems ausgesetzt wird.

Problemlösewettbewerbe haben eine lange Tradition

Solche Problemlösewettbewerbe haben in der Mathematik eine lange Tradition und Strahlkraft. Schon im 18. und 19. Jahrhundert spielten sie an den Wissenschaftsakademien in Paris, Berlin und Sankt Petersburg eine wichtige Rolle. Die hier aufgebrachten Probleme prägten die Forschung. Daran knüpfte die Clay-Stiftung an, die zur Jahrtausendwende sieben „Millennium-Preis-Probleme“ ausrief und auf ihre Lösung jeweils eine Million Dollar ausschrieb. Bisher wurde nur ein einziges davon, die Poincaré-Vermutung, gelöst – von Grigori Perelman. Der zurückgezogen lebende russische Mathematiker hat allerdings sämtliche Ehrungen und das Preisgeld ausgeschlagen.

Auch Preiswettbewerbe für die Lösung technologischer Probleme haben in den vergangenen Jahren eine Renaissance erlebt. Dazu zählen die Ausschreibungen der US-amerikanischen X-Prize-Stiftung, bei denen in der Regel zehn Millionen Dollar für technische Spitzenleistungen ausgelobt werden. So gewann 2004 eine US-Firma den Ansari-X-Prize, weil sie es schaffte, zweimal binnen einer Woche mit einem bemannten Raumschiff 100 Kilometer hoch zu fliegen. In einer laufenden X-Prize-Ausschreibung geht es um die Vision eines Diagnosegeräts, das dem „Tricorder“ aus der Science-Fiction-Serie „Star Trek“ ähnelt. Es soll Krankheiten „besser als oder genauso gut wie ein Gremium approbierter Ärzte“ erkennen.

Die Suche nach einem preiswürdigen Problem

Die Mutter aller lukrativen Problemlösewettbewerbe ist der „Longitude Prize“, den das britische Parlament im Jahr 1714 zur Lösung des Längengrad-Problems ausrief. Viele Schiffsunglücke hatten seinerzeit die Auslobung der 20 000 Britischen Pfund nötig gemacht. Gesucht war eine Methode, mit der sich die geografische Länge und damit der Aufenthaltsort eines Schiffes genau bestimmen ließe. Der Handwerker John Harrison löste das Problem, indem er eine außergewöhnlich präzise Schiffsuhr austüftelte und damit die Seefahrerei revolutionierte.

Im Zuge des 300. Jubiläums des „Longitude Prize“ im nächsten Jahr hat der britische Premierminister David Cameron im Juni eine Wiederauflage des Wettbewerbs für Erfinder und Wissenschaftler angekündigt. Ein Preisgeld von mehreren Millionen Britischen Pfund werde ausgeschrieben auf die Lösung eines der „drängendsten Probleme unserer Zeit“. Die Regierung spendiert eine Million Pfund als Anschubfinanzierung. Der Königliche Astronom, Lord Martin Rees, hat ein Komitee zusammengestellt. Derzeit ist es dabei, das Problem zu identifizieren und die Vergabekriterien zu erörtern. Auch die Öffentlichkeit soll in die Preisfrage eingebunden werden. Doch schon jetzt ist klar: Allein die Suche nach dem Problem der Probleme ist eine Aufgabe, die preisverdächtig ist.

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