Primatenforschung : Primatenforscher stellen die großen Fragen

Wissenschaftler zeigen Richtung für Studien über die engsten Verwandten des Menschen auf.

Erika Check Hayden

Vor vier Jahrzehnten begannen Jane Goodall und Toshisada Nishida ihre bahnbrechende Forschung, durch die der Welt klar wurde, wie ähnlich sich Menschen und ihre nächsten Verwandten, die Schimpansen, sind. Am Samstag kamen Goodall, Nishida und 18 weitere führende Wissenschaftler in San Francisco zu einem Symposium der Leakey Foundation zusammen, die Forschungsvorhaben zum Ursprung des Menschen unterstützt. In Anerkennung ihrer Arbeit erhielten Goodall und Nishida je 25.000 US-Dollar; das Symposium diskutiert die Schlüsselfragen in der Primatenforschung, die Wissenschaftler in den nächsten 40 Jahren hoffen angehen zu können. Nature fragte die Teilnehmer, welche fünf großen Fragen wahrscheinlich aus der Debatte hervorgehen werden.

Wieso unterschieden sich Primaten voneinander?

Primatenspezies haben viele Lebensarten: Gorillas zum Beispiel leben in Gruppen mit mehreren Weibchen und einem dominanten Männchen, dem "Silberrücken", Gibbons hingegen leben in Kernfamilien. Verschiedene Spezies haben darüber hinaus unterschiedliche Temperamente, sagt Richard Wrangham von der Harvard University in Cambridge, Massachusetts. Bonobos, Menschen und Schimpansen zum Beispiel sind eng verwandt, Bonobos sind jedoch bekannt dafür, Sex als Mittel zum Frieden schaffen einzusetzen, während Schimpansen regelrechte Kriege führen und selbst Nachkömmlinge ihrer eigenen Spezies töten. "Interessiert man sich für die menschliche Evolution", so Wrangham, "ist ein echtes Verständnis davon, wie die Trennung Schimpanse-Bonobo zu diesen gegensätzlichen Spezies geführt hat, die beide Ähnlichkeiten mit Menschen und ihrem Verhalten haben, eine große und interessante Frage."

Wie denken Primaten?

Affen in Gefangenschaft sind unglaublich intelligent: Sie können Zeichensprache lernen und neue Technologien verwenden. Andere Tierarten zeigen jedoch auch Zeichen von Intelligenz, daher kann das relativ große Primatenhirn nicht die ganze Erklärung sein. Dorothy Cheney und Robert Seyfarth von der University of Pennsylvania in Philadelphia fragen: "Was ist das Besondere an Primaten?"

Eine möglich Antwort ist, dass Primaten Intelligenz benötigen, um ihr komplexes soziales Leben zu regeln - zum Beispiel tauschen männliche Schimpansen Fleisch gegen Hilfe bei Kämpfen und unterstützen Verbündete, die ihnen geholfen haben, erklärt John Mitani von der University of Michigan in Ann Arbor. Wissenschaftler verstehen jedoch noch nicht wirklich, wie wilde Schimpansen diese Interaktionen wahrnehmen und erinnern: "Wir wissen wenig über die kognitiven Mechanismen, die Schimpansen einsetzen, um nachzuvollziehen, wer mit wem kooperiert und in welcher Situation", sagt Mitani.

Warum kooperieren Primaten?

Wenn Schimpansen Fleisch eintauschen und Verbindungen eingehen, sind sie dann lediglich von Gegenseitigkeit motiviert oder gibt es andere Gründe? Oder, wie Joan Silk von der University of California in Los Angeles fragt: "Teilen andere Primaten die menschliche Vorliebe für Fairness, Fähigkeit zur Empathie und Besorgnis um das Wohlergehen anderer?"

Dieser Frage bei männlichen Primaten nachzugehen war bislang besonders schwierig, da es schwer zu sagen ist, wie sie zu anderen Gemeinschaften in Verbindung stehen. Nichtinvasive DNA-Techniken helfen nun, dies herauszufinden. Diese Techniken erlauben es Wissenschaftlern zum ersten Mal, Vaterschaft bei Primaten zu studieren: "Erst seit Neustem können wir fragen, wer die Väter sind, ob Nachkommen ihre Väter kennen und ob sie besondere Beziehungen zu ihnen haben", erklärt Ann Pusey von der University of Minnesota in St. Paul.

Woher kommen Primaten?

Im Laufe der letzten 40 Jahre haben genetische und Fossilienstudien gezeigt, dass der Mensch aus Afrika stammt und mit Schimpansen und Bonobos am nächsten verwandt ist. Was führte also dazu, dass Menschen ihre Körperbehaarung verloren, eine komplexe Sprache entwickelten und andere Eigenschaften annahmen, die von Vorteil zu sein scheinen? Theorien gibt es reichlich - zum Beispiel, dass wir große Gehirne brauchen, um komplexe soziale Gefüge zu bilden; oder, wie Lynne Isbell von der University of California in Davies spekuliert, dass wir unseren Intellekt und unser Sozialverhalten zusammen mit binokularem Sehen, Lernen, Angst und Erinnerung als Anpassungsvorgänge entwickelten, um giftigen Schlangen aus dem Weg zu gehen. Wissenschaftler hoffen nun, verschiedene Techniken kombinieren zu können, um die guten Theorien von den schlechten zu trennen.

Welche Primaten werden in 40 Jahren noch existieren?

Man kann jeden Primatenforscher - und insbesondere Goodall - fragen und er wird diese als eine der wichtigsten Fragen seines Forschungsgebiets nennen. Eine große Studie enthüllte im August diesen Jahres, dass die Hälfte der wildlebenden Primatenspezies bedroht ist, binnen der nächsten zehn Jahre ausgestorben zu sein (vgl. "Almost half of primate species face extinction"). "Diese Frage beinhaltet ganz klar politische, ökonomische und soziale Aspekte, die Primatenforscher nicht lösen können", bemerkt David Watts von der Yale University in New Haven, Connecticut.

Dieser Artikel wurde erstmals am 31.10.2008 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2008.1198. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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