Private Unis : Hochfliegende Pläne, harte Landung

Private Hochschulen in Deutschland inszenieren sich gern als neues Harvard – doch diesem Anspruch werden sie nicht gerecht, wie eine neue Studie zeigt.

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Großer Tag. Absolventen der Jacobs University Bremen feiern ihren Abschluss. Die Hochschule ist eine von bundesweit drei Privatunis mit einem breiten Fächerspektrum. Foto: ddp
Großer Tag. Absolventen der Jacobs University Bremen feiern ihren Abschluss. Die Hochschule ist eine von bundesweit drei...Foto: ddp

Wenn in Deutschland eine neue private Hochschule an den Start geht, tragen die Gründer oft ziemlich dick auf. Wie etwa bei der „European School of Management and Technology“ (ESMT), die ihren Betrieb in Berlin vor knapp fünf Jahren im ehemaligen Staatsratsgebäude am Schlossplatz mit großem Tamtam aufnahm. Mit Harvard und Yale werde man sich messen, kündigten die Verantwortlichen damals an, einen „neuen europäischen Führungsstil“ wollten sie kreieren.

In Wirklichkeit sieht die Welt der privaten Hochschulen in Deutschland weniger glamourös aus. Das ist zumindest das Fazit einer Studie des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft und der Unternehmensberatung McKinsey, die am heutigen Montag veröffentlicht wird. Zwar boomt der Markt, jede zweite Privathochschule wurde erst in den vergangenen zehn Jahren gegründet. „Das Elitebild entspricht aber nicht den Fakten“, sagt Volker Meyer-Guckel, der Generalsekretär des Stifterverbandes. Anders als oft suggeriert, orientierten sich die Privaten meistens „gar nicht an Harvard, sondern an den amerikanischen Community Colleges“. Das sind jene Wald-und-Wiesen-Colleges in den USA, an denen Studierende oft kurze, in erster Linie berufsorientierende Studiengänge belegen.

90 Privathochschulen hat der Staat inzwischen anerkannt. 95 000 Studierende sind dort eingeschrieben, also jeder zwanzigste in Deutschland. Die meisten lernen an Hochschulen, die tatsächlich den Community Colleges ähneln. In der Studie werden sie „aufwertende“ und „berufsorientierte“ Hochschulen genannt: Lehrberufe oder Fachschulausbildungen werden zu Studiengängen. Hebammen können hier studieren, Ergotherapeuten oder Medienberater. Die Gesundheitsbranche, IT und Medien sowie kaufmännische Berufe sind Schwerpunkte.

Die Hochschulen arbeiten eher berufsorientiert als wissenschaftlich

Auf wissenschaftlichen Anspruch wird dabei verzichtet, vielmehr geht es darum, die Studierenden so gut wie möglich aufs Berufsleben vorzubereiten. 77 der 90 Privathochschulen folgen diesen Mustern. Diese Hochschulen werden weiter wachsen, sagt Nelson Killius von McKinsey. Es gebe genügend Interessenten, die bereit sind für das Studium zu zahlen (Gebühren variieren für ein Jahr im Bachelor zwischen 4000 und 11 000 Euro). Die Studierenden versprechen sich von ihrem Abschluss, später ein weiterbildendes Studium draufsatteln zu können, was nur mit einer Berufsausbildung so einfach nicht möglich wäre.

Oft kämen so junge Menschen an die privaten Hochschulen, die sonst vermutlich gar kein Studium aufgenommen hätten, sagt Killius. Die Privaten erfüllten also den gesellschaftlichen Auftrag, die Akademikerquote im Land zu erhöhen. Wie man geschickt auf diesem Markt agiert, zeige der SRH-Konzern, der vor einiger Zeit auch die Ota-Hochschule in Berlin übernommen hat. Entdeckten die Verantwortlichen ein viel versprechendes Berufsbild, stampften sie binnen weniger Monate einen passenden Studiengang aus dem Boden und „filialisierten“ ihn an den sechs Hochschulen des Konzerns.

Zehn der privaten Unis haben Elite-Anspruch

Im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen allerdings eher die Privatuniversitäten vom Schlag der ESMT. „Spezialisten“ werden sie in der Studie genannt: Sie haben den Anspruch, mit exzellenter Lehre und Forschung Führungskräfte für den gehobenen Arbeitsmarkt auszubilden. Nur zehn Hochschulen gehörten zu diesem Segment, darunter etwa die Bucerius Law School in Hamburg. Nur drei Private – die Zeppelin-Universität in Friedrichshafen, die Jacobs University in Bremen und Witten-Herdecke – zielten wie staatliche Unis auf eine breitere universitäre Bildung mit mehreren Fächern. Allerdings deckten sich bei diesen beiden Typen am oberen Ende des Privathochschulsegments Anspruch und Wirklichkeit nicht immer, sagt Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband. Von den angekündigten innovativen Lehrkonzepten habe sich in der Praxis „nicht viel bewahrheitet“. Wie wenig die privaten Unis im Vergleich zu den staatlichen in der Forschung leisten, zeige ein Blick in die Statistik der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Von den fünf Milliarden Euro, die die DFG zwischen 2005 und 2007 an Forschungsmitteln vergab, gingen nur elf Millionen Euro an Projekte, an denen Private beteiligt waren.

Privathochschulen machten immer wieder mit spektakulären finanziellen Miseren von sich reden. So kämpft die Uni Witten seit ihrer Gründung praktisch regelmäßig gegen Geldmangel. Die von großen Firmen angeschobene International University in Bruchsal ging nach einigen Jahren pleite. Die Hanseuniversität Rostock unterrichtete nur eine Handvoll Studierende, bevor sie nach zwei Semestern schließen musste. Vor allem im oberen Segment sei es praktisch unmöglich, den Betrieb allein durch Studiengebühren zu finanzieren, sagt Killius. Nur zwanzig Prozent aller Privaten, zumeist Fernhochschulen, können ihre laufenden Kosten allein durch Studiengebühren decken. Das bedeute aber nicht, dass die anderen kurz vor der Pleite stünden, betont Meyer-Guckel. Oft würden Stifter die Hochschule tragen, die keinen Gewinn erwarteten.

Neue Finanzierungsquellen erschließen

Die Studie empfiehlt den Privaten, neue Finanzierungsquellen zu erschließen: den Weiterbildungsmarkt oder Seniorenstudenten. Der Stifterverband fordert auch, dass Privathochschulen an allen öffentlichen Förderprogrammen teilnehmen dürfen und nicht nur an einigen wenigen wie jetzt. Die eh schon unterfinanzierte staatliche Konkurrenz und manchen Steuerzahler dürfte das wenig begeistern. Warum sollte der Staat private Hochschulen unterstützen, deren Geschäftsmodell offenbar nicht stimmt? Dass Private wie Witten-Herdecke immer wieder mit Finanzspritzen aus öffentlichen Haushalten gerettet werden, stößt auf öffentliche Kritik.

Aber auch private Geldgeber investieren viel in den Aufbau privater Hochschulen. In die ESMT etwa steckten Unternehmen wie Daimler, die Deutsche Bank und Lufthansa einen dreistelligen Millionenbetrag, unlängst bekam die ESMT nochmals 50 Millionen Euro. Meyer-Guckel bezweifelt, dass die Erfolgsbilanzen solcher Projekte so hohe Investitionen rechtfertigen. Das Geld wäre besser bei staatlichen Universitäten aufgehoben. Dort existierten bereits die funktionierenden Strukturen und die kritische Masse, die nötig sind, um Exzellenz in Forschung und Lehre tatsächlich zu erreichen.

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