Probleme mit Hochschulstart.de : Kämpfen um Studienplätze

Das Portal Hochschulstart.de soll das Bewerben für NC-Fächer vereinfachen. Doch selbst nach Jahren hakt es noch immer – zum Nachteil von Abiutrienten.

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Auf einen Durchbruch beim Bewerberportal wird im nächsten Jahr gehofft. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/ZB
Auf einen Durchbruch beim Bewerberportal wird im nächsten Jahr gehofft.Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/ZB

Ganz sicher mit dem Studium war sie sich zunächst nicht. Deshalb ging Charlene P. nach ihrem Abitur erst einmal auf Reisen. Ein halbes Jahr Neuseeland, work and travel. Zurück in Berlin wusste sie, was sie wollte: am liebsten Lebensmitteltechnologie oder Life Science studieren. Zehn Bewerbungen für das kommende Wintersemester hat sie mittlerweile abgeschickt. „Das war ziemlich einfach“, erzählt die 19-Jährige. Sie hat sich auf der Seite www.hochschulstart.de registriert, bekam einen Code und konnte nach Bachelorstudiengängen suchen, die sie interessieren. Schon spuckte das System eine Liste aller infrage kommenden Hochschulen aus.

Charlene musste nur noch einige Klicks machen, um sich gezielt in Berlin und Potsdam zu bewerben. „Teilweise wurde ich über einen externen Link an die Unis weitergeleitet, die meisten Bewerbungen konnte ich aber direkt über die Seite Hochschulstart einreichen.“ Sehr praktisch und zeitsparend sei das gewesen. Ein Code, ein Konto, alle Bewerbungen auf einen Blick. Auch ihr Abiturzeugnis musste sie natürlich nur einmal einscannen.

So wie es die junge Berlinerin erlebt hat, sollte die Studienplatzsuche und -bewerbung für zulassungsbeschränkte Fächer (auch Numerus-clausus- oder NC-Fächer genannt) eigentlich längst in ganz Deutschland funktionieren. 2008 hatte der Bundestag dem Bundesbildungsministerium Millionen für ein digitales Hochschulzulassungssystem zur Verfügung gestellt. 2011 sollte das Portal starten. Doch von Anfang an war bei Hochschulstart.de der Wurm drin. Technische Schwierigkeiten verhinderten jahrelang, dass die Unis mit ihren hauseigenen IT-Systemen andocken konnten. Also blieb vieles beim Alten: Die Abiturienten mussten sich weiterhin aufwendig parallel bewerben. Über Zu- oder Absagen wurde nirgendwo Buch geführt. Den Hochschulen fehlte die Planungssicherheit; langwierige Nachrückverfahren waren an der Tagesordnung. Und immer wieder blieben begehrte Studienplätze am Ende gänzlich unbesetzt.

135 Hochschulen sind im Portal vertreten

Dabei sollte durch die Zentralisierung mittels des „Dialogorientierten Serviceverfahrens“ (DoSV) für Fächer mit einem örtlichen NC eigentlich alles besser werden. Nach und nach wuchs das Portal tatsächlich, allerdings viel langsamer als erhofft. Die flächendeckende Einführung war zuletzt für das Wintersemester 2017/18 angekündigt worden. Jetzt ist klar: Auch dieses Ziel konnte nicht erreicht werden. Zwar funktioniert die Webseite mittlerweile „technisch stabil“. Das geht aus einer Antwort des Bildungsministeriums auf die Anfrage des Bundestagsabgeordneten Swen Schulz (SPD) im April dieses Jahres hervor. Aber von einer hundertprozentigen Abdeckung ist Hochschulstart.de noch weit entfernt.

Mitmachen könnten rund 180 deutsche Hochschulen. Aktuell sind 130 Hochschulen im Portal vertreten. Zum Vergleich: Im Wintersemester 2016/17 waren es 104, im Jahr zuvor 89 Hochschulen. Die Zahl der Abiturienten, die das Portal nutzen, steigt ebenfalls kontinuierlich. Waren es im Wintersemester 2016/17 noch 225 000 Studienplatzsuchende, die mehr als 700 000 Bewerbungen einreichten, so könnten es in diesem Jahr bis zu 310 000 Bewerber und um die 950 000 Bewerbungen werden.

Solange nicht alle Unis mitmachen, greift das System nicht

Nun hofft die Stiftung für Hochschulzulassung, die das Portal betreibt, dass der finale Durchbruch im nächsten Jahr gelingt: „Das Ziel einer Vollabdeckung wird (…) für das Wintersemester 2018/2019 angestrebt“, hieß es im April. Sprecher Patrick Holtermann formuliert mittlerweile etwas vorsichtiger: „Aufgrund der aktuellen Statistik gehen wir davon aus, dass das Angebot auch im nächsten Jahr weiter wachsen wird.“

Das Problem ist: Solange nicht alle mitmachen, greifen die positiven Effekte des Systems nicht. Das beklagen auch die Berliner Hochschulen und Universitäten. Die Technische Universität (TU) ist längst angeschlossen; für alle 27 zulassungsbeschränkten Bachelorstudiengänge der TU kann man sich über Hochschulstart.de bewerben. „Die Anzahl der freibleibenden Studienplätze ist durch die Teilnahme am DoSV geringer geworden“, sagt eine Sprecherin. Das Prozedere sei beschleunigt worden, die Bewerber erhalten deutlich früher – nämlich schon Ende August – ihre Zu- oder Absagen. „Vor Einführung des DoSV konnten die Verfahren, inklusive Nachrückverfahren, durchaus bis in den Oktober hinein dauern.“ An der TU ist man daher zufrieden. Einzige Klage: Es müssten noch mehr Hochschulen mitmachen.

Kritik kommt von der HU und der FU

An der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin überwiegen die kritischen Töne. Zwar sind ebenfalls alle zulassungsbeschränkten Bachelorstudiengänge der HTW im Portal vertreten – immerhin 1719 Studienplätze. Aber: „Das Verfahren mit dem DoSV stellt für die Hochschulen einen größeren Aufwand dar. Es gibt immer noch Rücktritte und nicht angetretene Studienplätze nach der Zulassung und Verteilung der Plätze im DoSV“, erklärt Pressesprecherin Gisela Hüttinger. Ihr Fazit: „Alles in allem funktioniert das DoSV leider immer noch und nur theoretisch.“

Die Humboldt-Universität (HU) nimmt seit zwei Jahren mit 16 Monobachelor-Studiengängen am DoSV teil. Dazu gehören zum Beispiel Agrarwissenschaften, Betriebswirtschaftlehre, Geografie und Sozialwissenschaften. „Aus technischer Sicht verlief die Teilnahme bislang problemlos“, erklärt eine Sprecherin. Allerdings hätte sich die Anzahl der freibleibenden Studienplätze in den Fächern mit örtlichem NC bislang nicht verringert. Die Freie Universität (FU) zieht eine ähnliche Bilanz. Zwar hat die FU in den letzten zwei Jahren deutlich mehr Studiengänge bei Hochschulstart eingestellt, richtig glücklich ist man mit dem Verfahren aber nach wie vor nicht: Die „Risiken der Auslastung“ lägen immer noch bei den Universitäten, sagt Goran Krstin, Sprecher des FU-Präsidenten. „Die FU sieht daher auch weiterhin keinen Vorteil darin, Studiengänge über das DoSV zu koordinieren.“

Abhilfe könnte nur die Vollabdeckung schaffen. Doch bis wirklich jeder zulassungsbeschränkte Studienplatz in Deutschland über Hochschulstart.de vergeben wird, wird vermutlich noch Zeit vergehen. Denn es gibt eine weitere, komplizierte Baustelle. Das bisherige Verfahren, DoSV 1.0 genannt, erlaubt nur, parallele Bewerbungen für Studienfächer mit einem örtlichen NC zu verwalten. Ein neues Verfahren, DoSV 2.0 genannt, sollte bis 2019 darauf aufgesattelt werden – damit zeitgleich auch die Bewerbungen für medizinische Fächer mit einem bundesweiten NC im System abgebildet werden. Wer seinen Pharmaziestudienplatz antritt, würde dann automatisch seine Bewerbungen für ein Chemiestudium absagen.

Eigentlich einfach: Zusagen kommen aufs Handy

DoSV 2.0 kommt aber nur schleppend voran. Die Stiftung für Hochschulzulassung kämpft nach eigenen Aussagen mit der „Komplexität der Aufgabe, deren tatsächliches Ausmaß sich erst im Verlauf der Implementierung abgezeichnet hat.“ Mittlerweile hat ein Beirat seine Arbeit aufgenommen, der helfen soll, die Probleme zu lösen. Einen neuen Starttermin für DoSV 2.0 gibt es bislang nicht.

Charlene, die Berliner Abiturientin, bekommt von all diesen Verwerfungen hinter den Kulissen nichts mit. Für sie heißt es jetzt nur noch warten und Daumen drücken. Dass ihre Bewerbungen angekommen sind, kann sie in ihrem Nutzerkonto nachverfolgen. Noch bis 15. Juli läuft die bundesweite Bewerbungsfrist. Erst danach ist klar, wie hoch der Ansturm ist und an welcher Hochschule und für welches Fach sie den NC schaffen wird. „Am tollsten wäre es, wenn ich an der Beuth-Hochschule für Technik einen Platz kriegen würde“, sagt sie. Um zu wissen, ob schon eine Zusage eingetrudelt ist, muss sie sich noch nicht einmal einloggen. Die Benachrichtigungen kommen bequem per E-Mail aufs Handy.

Wie Berliner Hochschulen Bewerber beraten lesen Sie hier.

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