Promotionsprogramm : Meine globale Doktorandenfamilie

Weltfremde Promovenden sterben aus. Die heutige Generation netzwerkt – immer und überall. Unterschlupf finden die Studenten dort, wohin die Fördergelder sie entsenden.

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Braucht die Dissertation ein diskursanalytisches Kapitel? Die Berliner Betreuerin meint ja, der Betreuer in Berkeley (im Bild der Campus) nein.
Braucht die Dissertation ein diskursanalytisches Kapitel? Die Berliner Betreuerin meint ja, der Betreuer in Berkeley (im Bild der...Foto: Anna-Lena Scholz

So könnte das Paradies aussehen: der Himmel blau, die Wiesen grün, die Sonne scheint. Palmen spenden Schatten, tausende Eichhörnchen flitzen durch die Landschaft mit Waldabschnitten, Flussläufen, exotischen Blumen. Schmetterlinge und Kolibris schwirren durch die trockene, vom Duft der Pinien und Eukalyptusbäume durchsetzte Luft. Das Paradies ist fast fünf Quadratkilometer groß, liegt an der Westküste der Vereinigten Staaten und ist Hoheitsgebiet der Universität von Kalifornien – es heißt Berkeley.

In Wahrheit sind die Zustände weniger paradiesisch, denn wie alle Universitäten in den USA hat auch Berkeley infolge der Wirtschaftskrise unter massiven Budgetkürzungen zu leiden. Die Studenten fürchten eine Erhöhung der Studiengebühren, den Instituten werden Forschungsgelder und Mitarbeiter gestrichen.

Einen verklärten Blick auf Berkeley hat nur, wer hier Gast ist: jemand wie ich. Als Doktorandin einer deutschen Universität bin ich eine von tausenden, die jährlich im Rahmen eines binationalen Promotionsprogramms für einige Monate an einer ausländischen Partneruniversität forschen. Als Gastdoktorandin habe ich Zugriff auf die Bibliotheken, werde in die Mailingliste meines Instituts aufgenommen und bekomme einen Professor als Betreuer zugewiesen, der sich mit mir und meinem Dissertationsthema auseinandersetzt.

Internationalisierung lautet das Zauberwort für die Promotion 2.0. Die Zahlen – etwa 4000 Doktoranden wurden im vergangenen Jahr vom DAAD gefördert, um ein oder mehrere Semester an einer ausländischen Hochschule zu forschen, und allein in Berkeley tummeln sich zurzeit etwa 2500 Gastdoktoranden und Postdocs – bestätigen meine gefühlte Statistik. Sämtliche Doktoranden, die ich kenne, zieht es als „Visiting Research Student“ an ausländische Universitäten. Mein promovierender Freundes- und Bekanntenkreis jettet hin und her zwischen Berlin und Berkeley, Yale und Bonn, Wien und Chicago, Princeton und München, Bonn und Florenz, Paris und Tokio.

Es ist die Generation Erasmus, die das Wissen um die Bedeutung internationaler Netzwerke mit der Muttermilch der Alma Mater aufgesogen hat und inzwischen nicht nur fleißig an ihrer Qualifikationsschrift werkelt, sondern auf dem internationalen akademischen Parkett längst Wiener Walzer tanzt. Wir schreiben Anträge zur Bewilligung des Forschungsaufenthalts am MIT oder der Konferenz in London, sind Stammgast in der Botschaft zur Beantragung eines Visums und Olympioniken in der Disziplin des Wohnung-Untervermietens. Mehrere Sprachen beherrschen wir schon, jetzt lernen wir auch noch das ABC anderer Wissenschaftskulturen kennen und organisieren Konferenzen mit Doktoranden von der Partneruniversität.

Und warum sollten wir all das auch nicht tun, da es nun mal entsprechende Förderprogramme gibt? Wer will schon die Chance verspielen, sich beruflich international aufzustellen und den Erwartungen an weltgewandte Jungwissenschaftler perfekt zu entsprechen? Wissenschaftliche Karrieren kennen heutzutage keine Landesgrenzen mehr, und die Stellen an deutschen Universitäten sind hart umkämpft. Gut für jeden, der sich in einem Forschungsprogramm oder Institut im anderen Land bereits als Doktorand einen Namen gemacht, zu den richtigen Leuten Kontakte geknüpft hat.

Die Möglichkeiten, die sich uns bieten, sind paradiesisch – und jeder Cent, den unsere Verinternationalisierung kostet, ist es wert, meine ich. Aber sie ist auch eine Herausforderung an die eigene wissenschaftliche Kompetenz, die sich während der Promotionsphase eigentlich noch entwickeln soll, im internationalen Gebaren aber längst als feste Größe vorausgesetzt wird.

Anna-Lena Scholz.
Anna-Lena Scholz.Foto: privat

Der Blick des Professors an der ausländischen Universität auf die Dissertation unterscheidet sich von dem des heimischen Betreuers mitunter stark, denn Themenwahl, Methodik, Materialauswahl und Gehalt der These können sich sehr anders gestalten je nachdem in welcher Wissenschaftskultur eine Arbeit entstehen soll: Wie hat meine Dissertation zu sein, dass sie in Berlin und Berkeley gleichermaßen besteht? An wen halte ich mich, wenn die Ratschläge meines internationalen Betreuerteams nicht kompatibel sind? Meine heimische Professorin rät mir, meine Dissertation müsse ein diskursanalytisches Überblickskapitel zu meinem Thema bieten. Mein hiesiger Betreuer sagt, metatheoretische Arbeiten seien von gestern. Ich finde, beide haben recht – und ahne, dass meine Dissertation in dem Versuch, den Spagat zwischen beiden Optionen zu leisten, heillos zerfasern wird.

Proportional mit der Anzahl der Sprachen und Wissenschaftskulturen, die wir kennenlernen, steigt die Anzahl der unausgesprochenen, subtilen Regeln, die es kennenzulernen gilt: In welchem Gestus habe ich an den jeweiligen Institutionen aufzutreten: Soll ich selbstständig arbeiten oder mich in einen Doktorandenverbund eingliedern? Erwartet man von mir, dass ich mich bei Gastvorträgen anderer Wissenschaftler aktiv einbringe, oder gehört es sich als Doktorandin eher, nur stille Präsenz zu zeigen? Allein die Tatsache, dass sich Professoren und Doktoranden in den USA mit Vornamen anreden, zeigt die Spannweite akademischen Selbstverständnisses. Hier bin ich Anna-Lena, dort Frau Scholz.

Zwischen den Welten bewege ich mich als multiple Persönlichkeit, die sich gleichzeitig anpassen und profilieren muss: Lost in Translation. Gewahr des Gewinns durch die internationale Promotion, trunken von ihrem seligen Versprechen von Zusatzqualifikation, Weltgewandtheit und Fernweh, schleicht sich – womöglich im Augenblick des erneuten Kofferpackens – das Wissen um die Verluste ein, die in Kauf zu nehmen wir irgendwann einmal beschlossen haben müssen. Das Konzept des Doktorvaters, als dessen Schülerin wir uns mit Abgabe unserer Dissertation in die akademischen Annalen unseres Fachbereichs einschreiben, hat für uns internationale Doktoranden ausgedient. Wir haben eine Doktorfamilie, die über weltweite Institute und Universitäten verstreut ist. Wir müssen versuchen, es allen recht zu machen, profitieren aber auch von der Meinungsvielfalt. Wir identifizieren uns nicht mehr exklusiv mit unserer einen, einzigen Alma Mater, sondern finden Unterschlupf dort, wohin unsere Fördergelder uns entsenden.

Gibt es sie noch, die weltfremden, zauseligen, den Kopf nicht von den Büchern hebenden Doktoranden? Wir sind schon als Jungwissenschaftler Vollprofis. Wir netzwerken immer und überall – akademisch, fachlich, persönlich. Höchstwahrscheinlich wird die Internationalisierung unsere Dissertationen letztendlich zu besseren, reflektierteren, komplexeren ersten wissenschaftlichen Arbeiten machen. Möglicherweise werden sie (oder: wir?) aber auch an Zerfaserung und mangelnder Pointiertheit kranken. Vielleicht sollten wir zu dieser Frage eine internationale Konferenz abhalten – zum Beispiel in Berkeley. Ich schreibe schon mal den Antrag.

Die Autorin (26) schreibt ihre Dissertation im Fach Neuere deutsche Literatur und gehört dem binationalen Promotionsprogramm „PhD-Net: Das Wissen der Literatur“ der Humboldt-Universität an.

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